Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 32 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen. „mit den Veröffentlichungen der »Union deutschesten-. Juden** und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" nminiiiiiiiniiiiniiiiniiiuiiuimniiiiiiiii^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 Telephon 42-2-16 XUV. Jahrgang Wien, 10. August 1928 Nummer 32 Rassentheorie und Ethik. Mag man auch über den sittlichen Fortschritt im allgemeinen skeptisch denken, in einem Punkte hat die Menschheit begonnen, sich einen unzweifelhaften Sieg zu erringen: es ist ihr gelungen, die „Idee des Menschen" zu vertiefen und1 zu versittlichen. Am Anfange steht die Auffassung des Primitiven, für den eigentlich nur der Angehörige der eigenen Sinne „Mensch" ist; jeder Fremde, mag er auch als Gast noch so gut aufgenommen werden, ist im Grunde der Feind. Die deutsche Sprache hat noch eine Erinnerung an diese Stufe aufbewahrt. Das Wort Gast kommt vom lateinischen „hostis" und bedeutet „Feind". Der Fremde ist auf dieser Stufe der Minderwertige; er ist entweder der Gegner, der mit Waffen bekämpft wird, oder — wenn besiegt — der Sklave, den man als Werkzeug gebraucht. Eine andere Beziehung zu Menschen anderer Sippen kennt man nicht. Am Ende der Entwicklung steht die moderne Auffassung, die Achtung vor jedem Menschen gebietet, die als unsittlich verwirft, irgendeinen Menschen nur als MÖttel zu gebrauchen: jeder Mensch hat Teil an der Würde der Menschheit und ist Selbstzweck (Kant). Die Idee des Menschen umfaßt aHe Menschen und schließt keinen aus: Achtung soll den Verkehr und die gegenseitigen Beziehungen regeln. Der Weg von diesem Anfang bis zu diesem E n d e ist die Geschichte der Menschheit, Mit vielen Retardierungen und großen Rückschlägen vollzieht sich der Aufmarsch der neuen Gesinnung in drei Haupteitappen: die vorauseilende Erkenntnis legt eine Bresche in die ursprünglich enge Auffassung des Begriffes „Mensch", sie entlarvt die Unsittlichkeit des primitiven Standpunktes; dann werden die staatlichen Einrichtungen dem neuen Begriff angepaßt und die „Gleichheit vor dem Gesetze" statuiert; endlich — und das ist die schwerste Wegstrecke — müssen die Anschauungen der Gesellschaft und der täglichen Praxis den Geist dieser Bestimmungen in sich aufnehmen. Also: Erkenntnis in der Theorie (I), Gerechtigkeit in den Gesetzen (II). Verwirklichung im Leben (III). I. Jede dieser Etappen konnte nur im Kampf gegen Gewohnheit und Trägheit erreicht werden, jede Station ist gekennzeichnet durch eine große welthistorische Begebenheit: noch die Griechen schränken ihren Begriff auf die sprachliche und nationale Gemeinschaft ein; die Nichtliellenen sind für sie minderwertige „Barbaren", die zu Sklavendiensten taugen. Durch den jüdischen Prophetismus, durch die Philosophie der Stoa werden die ersten Ideen von der Würde des Menschen schlechthin in die Geschichte geworfen. Das Christentum, von den jüdischen Ideen befruchtet, kommt zu einer wesentlichen Erweiterung: nicht mehr eine Nation (wie bei den Griechen), sondern alle Gläubigen bilden die Menschheit, mögen sie auch noch so „barbarischen" Völkern entstammen. Aber auch diese „Gemeinschaft der Gläubigen" erfüllt noch nicht die sittliche Forderung. Die Gedanken der Denker bohren weiter, es dauert fast noch zwei Jahrtausende, bis in Immanuel Kant die Würde aller Menschen ihren klassischen Ausdruck findet. Die Großen aller Nationen haben an diesem Gedanken mitgewirkt und die moderne Auffassung vorbereitet. II. Noch schwieriger war der Kamipi, der die staatlichen Einrichtungen zwang, den Ideen zu folgen: die Rechtlosigkeit, die den Bauern, den „gemeinen Mann", den Juden, den Fremdrassigen, entwürdigte, konnte nur in allmählicher Entwicklung aufgehoben werden. Das „positive Recht" löste sich nur schwer aus den Banden unsittlichen Vorurteils: die „Habeas-Corpus"-Aktc, die französische Revolution, die Emanzipation der Juden, die Aufhebung der Sklaverei sind Marksteine dieser Entwicklung. Auf dem „Papier" wenigstens ist die Forderung Kants im großen und ganzen erfüllt. III. Die dritte Stufe, die Ueberwindlung der Vorurteile in der Praxis des täglichen Lebens, ist noch keineswegs voll erreicht: das beweist der noch immer große Rassestolz der Europäer etwa gegen die Chinesen, das beweist die Zurücksetzung der Juden trotz Gleichheit vor dem Gesetz; das beweist nicht zuletzt die Verhetzung der einzelnen Völker gegeneinander. Von einem Siege der ethischen Gesinnung ist man hier noch am weitesten entfernt. Wie auf anderen Gebieten die primitiven Triebe unter der Decke der Kultur schlummern und