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Die Wahrheit · 1928-08-03 · Heft 31 (3.8.1928) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 31 (3.8.1928)
Date
1928-08-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Daß ein Hindenburg kein Ludendorff ist. das wußte man auch ohne das erlogene Interview. * ... * Die hochwürdigen Herren vom Stift Göttweig erklären, es sei ganz richtig, daß ihre Forstorgane nur für bestimmte Stunden und gegen Entgelt den Aufenthalt in ihren Waldungen gestatten. Aber sie versichern, „es sei ihnen nicht bekannt", daß das Forstamt grundsätzlich Juden keinen Erlaubnisschein gewährt. Es hätte zwar nicht geschadet, wenn die hochwürdigen Herren, die doch in einigem Verkehr mit ihren Angestellten stehen dürften, bestimmt erklärt hätten, daß diese schändliche Klausel in dem Erlaubnisschein fehlt. Aber um so erfreulicher ist es, daß die hochwürdigen Herren mit einer jeden Zweifel ausschließenden Deutlichkeit in ihrer Erklärung hinzufügten: „Es wäre auch ein ausgesprochenes Unrecht, wenn solche Maßnahmen gehandhabt würden." Sehr wahr. Das wäre doch wirklich zu sonderbar, wenn das Forstamt des Stiftes Göttweig Maßnahmen träfe, die z. B. den Aposteln den flüchtigen Aufenthalt in den Stiftsanlagen unmöglich gemacht hätten. & -■• * * General Nobile hat sich einigen Interviewern gegenüber zur Entkräftigung der Anklage, daß er sich als erster habe retten lassen, darauf berufen, daß er hierbei nur dem Wunsche aller Mitglieder seiner Gruppe willfahrte. Aber dieselben Interviewer waren in der Lage, auf Grund eigener Wahrnehmungen während einer mehrstündigen Fahrt, festzustellen, daß die Beziehungen zwischen Nobile und seinen Leuten sehr gespannt sind und diese kein Hehl aus ihrer Verstimmung gegen ihren Führer machten. Es scheint nach all dem die Freude über die Rettung des Generals, dem so viele eine ignöble Haltung zum Vorwurfe machen, keineswegs eine so allgemeine und ungeteilte zu sein, wie etwa die Trauer um den für verloren geltenden Professor Aldo Pontremoli, der sich bei demjenigen Teile der Mannschaft der Nobile-Expedätion befand, dessen Rettung kaum mehr zu erhoffen ist. Alle, die diesen jungen Gelehrten kannten, der bereits im Alter von 24 Jahren, auf Grund seiner außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen, zum Professor für experimentelle Physik an der Mailänder Universität ernannt wurde, rühmen den Idealismus des Mannes, der fern von eitler Ruhmsucht in selbstlosem Dienste der Wissenschaft sein Leben preisgab. Professor Pontremoli war Jude, Enkel des genialen Finanzministers Luigi Luzzatti. den Italien als einen seiner grüßten Staatsmänner verehrt und der der Abkömmling einer berühmten Familie war, die dem Judentume viele hervorragendr Männer geschenkt hat. •5- .-. * Der Bürgermeister von Czegled scheint ein sehr vernünftiger und intelligenter Mann zu sein und es scheint wirklich ganz rätselhaft, daß der Czegleder Gemeinderat just ihn zu ihrem Oberhaupte erwählt hat. Dieser Bürgermeister hat vor einigen Jahren öffentlich erklärt, daß der famose Beschluß, durch dien der Gemeinderat vor acht Jahren für die jüdischen Bürger den Numerus clausus in der Schwimmanstalt einführte, in seiner Abwesenheit gefaßt wurde. Er würde sonst die Einbringung des Antrages verhindert haben. Dter Bürgermeister machte auch einer jüdischen Deputation gegenüber, die anläßlich der herrschenden afrikanischen Hitze neuerlich Klage über diese die europäische Kultur schändende Maßnahme erhob, kein Hehl daraus, daß er nunmehr selbst einen Antrag zur Revision des Numerus clausus im Wasser stellen würde, wenn er nicht fürchten müßte, niedergestimmt zu werden. Der Bürgermieister denkt wohl, dler Czegleder Gemeinderat habe sich bereits einmal vor acht Jahren unsterblich lächerlich gemacht und dies genüge für die Ewigkeit. In der Tat haben ja auch die Bemühungen zur Revision des an den ungarischen Universitäten herrschenden Numerus clausus kein glücklicheres Resultat erzielt, ein anderer ernst gemeinter, aber von einem gewissen trockenen Humor zeugender Vorschlag dies Bürgermeisters bezweckt die Errichtung einer zweiten, von der Gemeindieverwaltung unabhängigen Badeanstalt. Damit wäre der Intelligenz in Czegled ohne Unterschied der Konfession geholfen. Die Rassenschützler, die weiß der Himmel, vielleicht sich schon sehr human halten, weil sie nicht wie König Pharaoh, ihr erhabenes Vorbild, für die Ersäufung der Juden schwärmen, werden das neue interkonfessionelle Bad meiden, aber das Wasser wird dadurch nur reiner werden. Der vernünftige und intelligente Bürgermeister von Czegled dürfte aber durch seine treffende Kritik des Gemeinderates kaum seine Position gestärkt haben. Am Ende wird er das Bad ausgießen. Ego.

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