Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 31 (3.8.1928)
- Date
- 1928-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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£J3aiÄ2!&*.Ic'*s< lBaBB!^UaSKa«SBte^ Seite 8 DIE WAHRHEIT Lehre. Die Hauptschriftsteller dieses Zweiges führen den isachnamen der Stadt, und so schreibt ein Salomon Troki für den bekannten Historiker Pufendorf eine ausführliche Abhandlung über Karaismus und seine Dogmen. Der bedeutendste Autor dieser Richtung ist Abraham Firkovich (1786 bis 1874). Mit ihm zusammen ist sein Schüler Bobowitsch zu nennen. Als im Jahre 1836 Nikolaus 1. der Krim einen Besuch abstattet, wollte Prinz Woronzow, der Generalgouverneur Südrußlands das Schloß der Khans von Bakhchiserai im alten orientalischen Stil wieder herstellen. Er betraute den Karait Bobow mit verschiedenen damit zusammenhängenden Aufgaben. Bobow reiste zum Sultan und erhielt aus dessen Schlössern und Magazinen alles, was er zur Einrichtung des Schlosses brauchte. Zu der Zeit begab sich eine Deputation der Krimjuden zum Zar, um, woran in dieser Zeit allen am meisten gelegen war, Befreiung vom Militärdienst zu erbitten. Der Zar fragte: „Glaubt Ihr an den Talmud?"' „Ja", lautete die Antwort. „Dann müßt Ihr Militärdienst leisten." Für die Karaiten wandte Bobow ein, daß sie niemals an den Talmud geglaubt hätten, und daß die karaitische Religion älter als die jüdische sei. Bobow, der inzwischen zum Haupt der Krimjuden geworden war, beauftragte 1839 Firkovich Material über das Alter des Karaismus, besonders in der Krim, zusammenzustellen. Firkovich sammelte darauf auf Reisen in der Krim und im Kaukasus alle historischen Dokumente, vertauschte Zahlen und operiert äußerst geschickt, nur um zu beweisen, daß -die Karaiten in der Krim ein hochentwickeltes Volk seien, das seit dem Assyrerkönig Salmanassar im 17. vorchristlichen Jahrhundert hier wohne, und daß die rabbinischen Juden ihre ganze Kultur den Karaiten verdankten, all dies nur, um Befreiung vom Militärdienst zu erlangen. Diese extravaganten Tatsachen fanden merkwürdigerweise Glauben und ebneten der Emanzipation der russischen Karaiten den Weg. Firkovich, der Urheber der Fälschung, erwarb sich anderseits große Verdienste um die karaitische Literatur und um die Geschichte der Juden überhaupt. In Cochin, einem Staate in Indien, leben zirka 1600 Juden, die sogenannten Weißen (50 Familien) mit ganz heller, die Schwarzen (300 Familien) mit dunkler Hautfarbe. Zwei Bronzetafeln aus dem Jahre 750 .erwähnen die Cochin-Juden zum ersten Male. Auch in des großen Reisenden Marco Polo Schriften kommen sie vor. Ihre Vermischung mit den Eingeborenen ist zweifellos. 1611 kamen portugiesische Juden hinzu, 1565 setzt durch die portugiesischen Christen eine Inquisition ein. Da Sklaverei erlaubt war, so kauften und hielten die Juden Sklaven. Diese wurden beschnitten, durften aber sonst nicht weiter jüdische Gebräuche halten, es sei denn, daß sie ihre Herren aus der Sklaverei entließen, was mit großer Förmlichkeit geschah. Sie erhielten ein Zertifikat der Emanzipation, und um dies bekannt zu machen, küßten alle diese schwarzen Freigelassenen, den weißen Juden der Stadt die Hand. Doch man behandelte sie nicht völlig als Freie, sie durften im Tempel außer an Simchas Torah den Gesetzestext nicht lesen. Starben sie erbenlos, so fiel ihr Eigentum an ihren früheren Herrn zurück. 1848 baten sie um eine Erlaubnis, die ihnen verweigert wurde, und so wanderten sie auf britisches Gebiet aus, wo man keine Sklaverei mehr kannte. Sie wurden von einem reichen Freigelassenen namens Ava geführt. Durch Krankheit dezimiert, mußten sie zurückkehren und der Zustand blieb wie vorher: Schwarze und weiße Juden haben dieselben religiösen und sozialen Gebräuche, speisen jedoch nicht zusammen und heiraten nicht untereinander. Sie halten die gleichen Feste, tragen die gleiche Kleidung, sprechen den gleichen Tamil-Dialekt. Ihre Hauptnahrung besteht aus Reis und Kokusmilch. Ihre ersten Gebetbücher erhielten sie aus Holland, auf Veranlassung von David Rahabi. 1686 brachten sie holländische Kaufleute mit nach Cochin. Dieser Tag wird seitdem stets gefeiert. Bis etwa 1790 war der größte Teil des Handels in den Händen der weißen Juden. Eine Zeitlang jedoch war die Gemeinde durch große Verluste eines Oberhauptes bedingt, sehr arm, seit 1860 aber besserte sich ihre Lage und es gibt keine Cochin-Juden mehr, die von der Wohltätigkeit abhängen. Die weißen Juden sind Kaufleute und Farmer, die schwarzen Fischer, Fruchthändler, Holzverkäufer und Oelpresser; von den freien sind auch viele Angestellte, Buchbinder usw. Die Erziehung steht auf niedriger Stufe, die meisten lernen nur englisch, wenig von der Torah, nichts vom Talmud, die Frauen lernen noch weniger. Alle verheiraten Frauen tragen die Tahli, eine besonders gestaltete goldene Kette. Sie haben besondere Geburts- und Eheriten und kennen die Scheidung, ferner Beschneidung und Purifikation der Mädchen. Die Eheschließung kommt so zustande, daß der Vater des Bräutigams dem Vater der Braut die Verbindung der Kinder durch berufsmäßige Ehestifter vorschlägt. Die Verlobung wird gewöhnlich am Dienstag Abend gefeiert, vorher findet die Purifikation des Mädchens in der Synagoge statt. Die Anfertigung des Verlobungsringes und das Schneiden der Haare des Bräutigams ist als besonderes Ritual von Musik und Festlichkeit begleitet Bis vor 25 Jahren wurden die Toten verbrannt; durch den Einfluß des britischen Gesandten am Hofe des Rajahs von Cochin wurde ihnen ein besonderer Begräbnisplatz zugewiesen. Die Beni Israel in Bombay umfassen nach der Volkszählung von 1921 15.000 Köpfe, d. h. fast drei Viertel der gesamten Juden Indiens. Sie tragen Schläfenlocken und sprechen Mahratti, eine einheimische Mundart und stammen nach einer Version aus Ehen mit zum Judentum übertretenen Eingeborenen. Sie selbst bestreiten das aber entschieden und verachten die aus Mischehen stammenden sogenannten schwarzen Juden (Kala Jisrael). Sie behaupten, sich von den 10 Stämmen abzuleiten, andere jedoch glauben, sie seien schon seit Zerstörung des Tempels oder seit der Zeit des Antiochus Epiphanes im Lande. Trotz Assimilation halten sie an manchen jüdischen Gebräuchen fest, wenn sie auch von der hebräischen Sprache kaum mehr etwas übernommen haben. Sie sind Handwerker und Soldaten im Eingeborenenheer und avancieren oft zu Offizieren. Sie sind fleißig, wißbegierig und hochintelligent. Sie besitzen wohltätige Einrichtungen, Synagogen, Schulen, eine Zeitung. Der Anglisierungsprozeß macht aber dauernde Fortschritte. Auch sie sind schon Marco Polo bekannt, allein näheres Wissen von ihnen erhält man erst im 19. Jahrhundert. Zwei Männer haben auf ihre religiöse Entwicklung großen Einfluß genommen. David Rahabi, den wir schon erwähnten und Samuel Divekar. Während sich ehemals ihre Gebräuche erheblich von denen der Juden unterschieden — so hatten z. B. ihre Feste eingeborene Namen, Mahrati und Hindustanisch —, führte Rahabi jüdische Feste ein. Sie haben besondere Hochzeitsriten, Bekränzung des Bräutigams, Essen von süßem Reis und feierliche* Zug des Bräutigams auf dem Pferd zum Brauthaus, sowie eigenartiges Todeszeremoniell: die Trauernden waschen sich und ihre Kleider nach dem Todesfall, am dritten Tag gilt dann das Haus als gereinigt, die Toten werden mit dem Kopf nach Osten verbrannt, alles Wasser wird aus den Töpfen genommen, die Besucher des Trauerhauses bringen Trauermahlzeiten mit. Sie trugen früher Turbane, jetzt den Fez; die Frauen sind nach Hinduart gekleidet und schmücken sich mit Nasenringen. Ihre Entwicklung wurde gefördert durch Ezechiel Divekar, einem Soldaten der Ostindischen Kompagnie, der von Tippu Sahib gefangen wurde. Er tat ein Gelübde, flüchtete und baute in Bombay eine Synagoge und führte sephardische Riten aus Cochin in Bombay ein. Dies geschah im Jahre 1796. Durch Missisonäre gelangte dann 1812 ein zum Christentum übergetretener Jude Michael Sargon nach Bombay, der für Beni Israel Schulen gründete und 30 Jahre lang Teile des alten Testaments interpretierte. Später setzte etwa von 1838 ab Salomon Shurabbi die jüdische Tradition fort. Im ganzen ist sehr wenig Jüdisches geblieben, viele Namen haben vom Hebräischen ins Hindu gewechselt, z. B. Ezechiel in Hassaji, nur die Beschneidung, Fasten und Sabbat werden gehalten. Die Frage, ob dieser Stamm nicht vielleicht doch wirklich jüdischen Ursprungs ist, ist ungelöst. Eine amerikanische Schriftstellerin, die angeblich den Namen Miriam! Sterner trägt hat die Welt mit einem Interview mystifiziert, in welchem sie dem deutschen Reichspräsidenten Hindenburg Aeußerungen über Antisemitismus und Juden in dien Mund legte, die er nicht gemacht hat, da er die Dame überhaupt nicht empfangen. Man wird zugeben, daß die Erfinderin Hindenburg durchwegs wahre, vernünftige unidi fast möchte man sagen, selbstverständliche Gedanken aussprechen ließ. Z. B., daß die Juden der Weit große Männer geschenkt haben, daß Deutschland auf einen bedeutenden Geist wie Einstein stolz sein dürfe, daß das demokratische Deutschland kein Vorurteil gegen irgend eine Rasse oder Religion dulden wird usw., usw. Aber das darf niemanden hindern^, der Meinung