Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 31 (3.8.1928)
- Date
- 1928-08-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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iiiiiiiuiiiiHniiüiiM Seite i im Jahre 1866 nach der Schlacht von Königgrätz, über die mehr oder weniger nationalle Gesinnung verschiedener Fürstlichkeiten usw. — Auf S. 370 lesen wir in den Aufzeichnungen Dr. Cohens über seinen Besuch bei Bismarck am 25. September 1880 (S. 379): „Gladstone sei ein verrückter Professor. Die Bulgarenschwärmerei reiner Blödsinn. — Da sei ihm sein phantastischer Freund Disraeli lieber." (Schluß folgt.) Juden der Religion, aber nicht der Abstammung nach. Von Dr. Kurt Merlaender. Es ist vielen unbekannt, daß es noch heute jüdische Stämme gibt, die zwar der Religion nach, aber nicht von Geburt Juden sind, allerdings ist das Verhältnis dieser Ueberzeugungsjuden zu den Abstammungsjuden wie 1,1:98,9. Es sind dies folgende Stämme: Die Falashas in Abessinien. 80.000; die Karaiten in der Krim und der Türkei 6000; die Daggatuns in der Sahara 10.000; die Beni Israel im Bombay 15.000; und die Cochin 1600. Die Daggatuns, ein Nomadenstamm, leben bei der Oase in der marokkanischen Sahara. Im Jahre 1857 hört man durch den Afrikareisenden R. Mordecai zuerst von ihnen. Sie leben in Zelten und ähneln den berberischen_Tuareggs unter denen sie leben, in Sprache, Religion und Gebräuchen. Sie haben hellere Hautfarbe als die afrikanischen Juden für gewöhnlich und sind sich ihres Ursprungs noch bewußt. Sie sind den Tuareggs Untertan, die sich nicht mit ihnen vermischen. Im 17. Jahrhundert unterwarf Abd al Malik das Land und versuchte in Tementit die Juden zum Islam zu bekehren. Als sie Widerstand leisteten, verbannte er sie in die Wüste gleich den Tuareggs, die nur teilweise den Islam angenommen hatten. Von jeder Verbindung mit anderen Juden abgeschnitten, verloren diese Saharajuden allmählich ihre spezifischen Religions- und Rasseeigenheiten. Sie sind ein kriegerisches Volk, stets im Kampf mit den Tuareggs. Die Vermischung mit Berbern der marokkanischen und algerischen Sahara ist zweifellos, augenscheinlich haben auch manche von ihnen den Islam angenommen. (Uebrigens sollen nach einer Version selbst, die Berber ursprünglich jüdischer Abkunft gewesen sein.) Manche glauben auch, sie seien aus Kanaan vertrieben worden. Daß früher Juden in Mengen in Afrika lebten, beweist, daß es viele sowohl Juden als Mohammedanern heilige Plätze gibt, die biblische Namen tragen. Man findet Juden im ganzen Südmarokko und in der angrenzenden Sahara. In Tementit sind es zirka 6000 bis 8000, angeblich jüdischen Ursprungs. Der Name Daggatun kommt von tughatun gleich Ungläubige. Der Afrikaforscher Rohlfs fand keine Juden in der Oase Tuat, diejenigen, die früher dort lebten, waren Mohammedaner geworden. Die Falashas sind abessinische Juden unbekannten Ursprungs. Der Forscher Bruce erwähnt ihre Tradition, sie hätten Jerusalem im Gefolge Menileks, des Sohnes Salomons, verlassen, andere behaupten, sie stammten von Flüchtlingen ab, die aus Jerusalem bei der Zerstörung durch Titus flohen. Sie vermischten sich mit dem Eingeborenenstamm der Agaus. Sie leben unter den Amharas, sie sprechen abessinisch, tragen Turbane und bei festlichen Gelegenheiten die römische Toga, die Frauen Armbänder und Ohrringe, aber keine Nasenringe. Viele gehen barfuß und barhäuptig und rasieren oft den ganzen Kopf. Die Frauen sind unverschleiert. Verheiratete Paare verdingen sich oft miteinander zur Arbeit. Der Ackerbau ist ihre Hauptbeschäftigung, sie widmen sich aber auch dem Schmiede-, Webe- und Bauhandwerk. Sie sind monogam und schließen sehr früh die Ehe. Ihre Erziehung ist sehr rudimentär, nur selten können sie schreiben. Sie sprechen amharisch, die offizielle Sprache in Abessinien, zu Hause einen Agaudialekt. Die Führer werden in drei Kategorien mit verschieden Rechten und Funktionen eingeteilt, die Nezirim, Kohanim und Debteras. Ihre Religion beruht auf einer äthiopischen Version des Pentateuch, aber durch ihre Unkenntnis des Hebräischen modifiziert. Den Talmud kennen sie nicht, sie befolgen den Pentateuch und halten den Sabbat streng inne, denn „Sabbat wurde vor Himmel und Erde erschaffen". Sabbat ist für sie ein Engel, der über Sonne und Regen gesetzt ist und der sie in den Tagen des Messias nach Jerusalem führen wird. Die Kohanim bleiben Freitag nacht in der Synagoge. Nach beendeten Gebeten bringt man das Essen dorthin und alle speisen zusammen. Sie verehren auch den Neumond. Sie fasten oft, Purim und Chanukka kennen sie nicht, wohl aber Pessaeh und Laubhütten. Die Beschneidung, sowohl bei Knaben als bei Mädchen, wird von einer Frau ausgeführt. Nach ihrem Ritual beichten sie vor dem Tode; die Trauernden streuen Asche auf ihr Haupt und schlagen sich selbst. Die Toten veibjrennen sie. Bei manchen Gelegenheiten werden Opfer gebracht. Der Erstgeborene darf nur eine Erstgeborene heiraten. Geschlachtet wird nach genauem Zeremoniell, vor dein Kochen wird das Fleisch in kleine Stücke geschnitten und jede Blutspur sorgfältig getilgt, wie sie überhaupt zwischen rein und unrein ganz genau unterscheiden. Im 10. Jahrhundert hat der Ueberlieferung nach eine Königin namens Judith einen König von Abessinien entthront und eine Dynastie errichtet, die den Thron drei Jahrhunderte lang inne hatte. In der Folgezeit gibt es oft Revolten und Aufstände von Falashas, die dabei jedesmal als zum Judentum übergetretene Christen bezeichnet werden, und denen es meist schlecht erging. In den Kämpfen der Abessinier gegen die Mohammedaner standen sie stets auf seiten der Ersteren. Im Jahre 1626 wurden die Falashas von üembea aus Furcht vor der Grausamkeit eines Eroberers zum Christentum gezwungen. Die Karaiten sind eine jüdische Sekte; sie folgten der Bibel, nahmen aber viel rabbinische Tradition an, auch manches von anderen jüdischen Sekten und viel von den Mohammedanern. Ihr Gründer ist Atuui. der um das Jahr 800 starb. Sein grundlegendes Gesetzbuch entlieh viel vom rabbinischen Judentum und anderen Sekten, suchte aber all dies samt seinen eigenen Vorschriften auf biblischen Text zu basieren, wodurch oft sonderbare Ethymologien und exegetische Regeln entstanden. Dazu war es beinahe unmöglich, seine Vorschriften zu befolgen, so wenig waren sie mit dem praktischen Leben in Einklang zu bringen. Seine Nachfolger, zuerst seine Söhne, dann seine Enkel, versuchten später diese übertrieben asketischen Vorschriften zu ändern. — Anau war Eklektiker. Sein Code verursachte eineinhalb Jahrhunderte lang dauernden Streit unter den Ananiten, die sich später Karaiten nannten. Einige karaitische Kreise betrachteten denn auch Sabbat und Festtage nur als Erinnerungstage, aus Opposition gegen Anaus' Code, dessen Innehaltung keineswegs obligatorisch war, und erklärten die Auferstehung vom Tode auf eine allegorische und rationalistische Art. Aber es gab auch eine intransigente Richtung, die den Sabbat rigoros beobachtete, z. B. durfte kein Gegenstand von einem Raum in den anderen gebracht werden. Die gemäßigte Partei blieb, die Extremisten verschwanden. Nach und nach hörten die Zänkereien um die Auslegung der Kultgesetze auf. Hier und dort zeigt mohammedanisches Denken, auch die jüdisch-alexandrinische (hellenische) Schule ihren Einfluß. — Ein berühmter Lehrer war Nahawendi, auch er exzentrisch, aber doch gemäßigter als Anau und nicht so offen gegen manche Teile des Rabbinismus und gegen den Talmud. Er war der erste, der hebräisch schreiben konnte und verfaßte drei Werke in dieser Sprache. Da die Nachfolger Anaus' mit den wichtigsten leitenden Grundsätzen des Gründers oft keineswegs übereinstimmten, wurden seine Anhänger so an die Wand gedrückt, daß man sie schließlich zwang, nach Jerusalem auszuwandern, wo sie die „Klagenden Zions" wurden. Ein späterer Repräsentant war Abu Yusuf al Kirkisani, dessen Hauptwerk Küab al Amwar (Buch der Erleuchtung) heißt. — Der Karaismus sammelt Anhänger in Aegypten, Palästina, Syrien, Babylonien und Persien und breitet sich im 9. und 10. Jahrhundert immer mehr aus. Bald aber beginnt eine neue Gegnerschaft: Saadia, ihr Führer, sicherte den traditionellem Judentum den Sieg über den Karaismus. Trotzdem setzt die Lehre ihren Weg bis nach Spanien fort und wirkt dort auch auf die Literatur befruchtend ein. Auch in Byzanz finden sich Ausstrahlungen des Karaismus. Ein bedeutender Lehrer der Folgezeit hieß Aaron ben Elijah, der 1300 in Nicodemia in Kleinasien geboren wurde. Bedeutende Namen sind später noch Bashyazi und Calep Alendopolo. Die orientalischen Karaiten nahmen rasch an Zahl ab, als Maimonides, einer der größten und bedeutendsten Juden des Mittelalters nach Aegypten kam, dem damaligen Hauptsitz des Karaismus. Zwar war Maimonides im allgemeinen tolerant, aber in vielen Einzelheiten doch gegen die Lehren des Karaismus eingestellt und sein Einfluß auf Juden und Mohammedaner so groß, daß er auf den Karaismus geradezu dezimierend wirkte. So traten viele Karaiten zum Islam, noch mehr zum Rabbinismus über. Die dritte und letzte Periode des Karaismus nach der byzantinischen ist die tussische. Schon im 12. Jahrhundert finden sich in der Tatarengegend Südrußlands Karaiten. Der litauische Großherzog Witold siedelte zusammen mit gefangenen Krimtataren einige Karaiten aus der Krim in Litauen als Kolonisten an. Viele Karaiten wanderten nach anderen litauischen Städten, nach Wolhynien und nach Galizien aus. Besonders in der Stadt Troki gab es viele Anhänger der