Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 31 (3.8.1928)
- Date
- 1928-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064278--16458-3089210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 iüfflömüiiliiiflflfl im D1E WAHRHEIT ist aber dort nur eine Sammlung von Bismarck- Aphorismen daraus geworden. In dem vor kurzem erschienenen zweiten Bande der Gespräche Bismarcks, herausgegeben und bearbeitet von Dr. Willy Andreas, ordentlicher Professor der neueren Geschichte an der Universität Heidelberg (Bismarck, die gesammelten Werke. 2. Auflage, Band VIII, Otto Stollberg & Co., Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin)1) gelangen nun die Aufzeichnungen Cohens in ihrer ursprünglichen Form und ungekürzt zum ersten Male nach dem Manuskript zum Abdruck und sie erscheinen somit in ihrem Zusammenhang in der kurzen, fast stichwortartigen Fassung, die der Verfasser ihnen gegeben hat. Der Wert und d3e Bedeutung dieser Aufzeichnungen sowie die Persönlichkeit Dn Cohens charakterisiert Professor Dr. Andreas auf S. 375 des zweiten Bandes der „Gespräche" sehr zutreffend in folgendem: „Er (Dr. Cohen) hat darin den eigentümlichen Klang des Bismarckschen Ausdrucks sicher und unmittelbar festgehalten. Die Fülle und Sachlichkeit dieser Mitteilungen und die Offenheit des Fürsten lassen auch die Persönlichkeit Cohens in günstigem Licht erscheinen . . . Seine Niederschrift verzichtet auf jede erzählende äußere Umrahmung, auf Schilderung von Milieu und näheren Umständen des jeweiligen Besuches. Die Datierungen des Arztes sind sorgfältig und genau." Welche Wertschätzung Fürst Bismarck dem Dr. Cohen entgegengebracht hat, beweist das Schreiben, das Bismarck nach dem Tode des Arztes am 5. Dezember 1884 an den Sohn des Verstorbenen gerichtet hat; er sagt dort: „Meine Frau und ich werden in Ihrem Herrn Vater nicht nur den an uns und unseren Enkelkindern bewährten ärztlichen Ratgeber und Helfer, sondern den liebenswürdigen und geistreichen Freund unseres Hauses vermissen. Ich bitte Sie und die Ihrigen, unserer herzlichsten Teilnahme versichert zu sein, mit der wir unseren Verlust als unseren eigenen mit empfinden . . . . Bismarck war gewiß von Mißtrauen nicht frei; er hlatte manche üble Erfahrungen mit Leuten gemacht, denen gegenüber er eine allzugroße Offenheit an den Tag gelegt hatte. Um so bemerkenswerter ist es, daß er diesem jüdischen Arzte von Anfang an das allergrößte Vertrauen entgegenbrachte und ihm schon in den ersten Tagen seiner Bekanntschaft Dinge mitteilte, die er so manchem, mit dem er schon Jahre lang verkehrte, nicht gesagt hätte. So lesen wir schon in der allerersten Aufzeichnung des Cohenschen Tagebuches vom 13. September 1880 (S. 375): „Bismarck erzählte auch Anekdoten von Friedrich dem Großen im Gegensatz zu dem „trockenen und humorlosen Kaiser". Letzterer bes.äße auch ein außerordentliches Pflichtgefühl und sei namentlich leicht im Hinweis auf die militärischen Ehren zu bestimmen. Sein Mut sei unantastbar. In der Konfliktzeit empfing der König Bismarck einmai *) Wir haben bereits in dem Artikel „Bismarck und der Antisemitismus" auf die Bedeutung hingewiesen, die diese Publikation hinsichtlich der Beurteilung der Stellung des Fürsten Bismarck zum Judentum und zum Antisemitismus zu beanspruchen hat. mit den Worten: Nächstens würde Bismarck und dann er selbst guillotiniert werden. — Er war gänzlich decouragiert und auf alles gefaßt. Bismarck hob ihn wieder, indem er ihn bei der militärischen Ehre packte. Es sei ein ebenso ehrenvoller Tod wie auf dem Schlachtfelde. Hinweis auf Karl I. der anständig auf dem Schafott gestorben." Des weiteren lesen wir in dieser allerersten Tagelbuch-Aufzeichnungen des Dr. Cohen: „Als ich mich entfernen wollte, aus Furcht, ihn bei der Arbeit zu stören, sagte er, bei der Einsamkeit in Friedrichsruh sei es ihm ein Bedürfnis, sich mit wissenschaftlich gebildeten Leuten zu unterhalten. Es kämen sonst nur Minister und Räte, bei denen man Gott dankt, wenn sie wieder weg seien. Mein Besuch sei ihm schon Arznei. Ebenso der seines Re_c_htsanwalts Philipp in Altona"8). Der Arzt verzeichnet dann äußerst interessante und auch pikante Einzelheiten aus Mitteilungen Bismarcks über das Verhältnis Deutschlands zu Rußland, über das bekannte Verhalten König Wilhelms I. 2) Auch der Rechtsanwalt Justizrat Philipp in Altona, der in den Jahren 1880—1893 der juristische Berater des Fürsten Bismarck in Friedrichsruh gewesen ist, war Jude. Er entstammte, wie uns von hochgeschätzter Seite aus Hamburg mitgeteilt wird, einer jüdischen Familie aus Glückstadt und war mit einer Schwester des bekannten Justizrats Aronsohn- Braunschweig verheiratet. Auch Justizrat Philipp hat über die zahlreichen Unterredungen, die er 13 Jahre hindurch mit dem Fürsten Bismarck gehabt hat, Aufzeichnungen hinterlassen. Während nun die Hinterbliebenen Dr. Cohens auf das Bereitwilligste dessen Aufzeichnungen dem Professor Dr. Willy Andreas zur Verfügung gestellt haben, haben sich die Erben des Justizrats Philipp geweigert, dasselbe zu tun. Das erscheint um so merkwürdiger als ja die Oeffentlichkeit durch Prof. Erich Marckes, dem der Verstorbene einst Einblick in die Aufzeichnungen und Anfertigung von Auszügen daraus gestattet hatte, von ihrem Vorhandensein und auch einiges von ihrem Inhalt bereits erfahren hat. (Vgl. „Bismarckgespräche der Spätzeit", eine Nachlese von Erich Mareks. Velhagen & Klasings Monatshefte, April 1923). Professor Dr. Andreas sagt in der Vorrede zum zweiten Bande der Gespräche Bismarcks (S. XIX) gegenüber der Weigerung der Hinterbliebenen des Justizrats Philipp mit vollem Recht: „Inhaltlich bieten sie (die Aufzeichnungen Philipps) an sich heute, nachdem zahllose andere Gesprächsäußerungen Bismarcks gleicher und verwandter Art und die grollenden und zornmütigen Ergüsse des dritten Bandes der Gedanken und Erinnerungen über Kaiser Wilhelm und die Entlassungsgeschichte vorliegen, nichts neues und überraschendes mehr, so lebendig und vertraulich sie auch sind. Aber wertvoll bleiben sie, und ihr Fehlen in diesem Werke ist als Lücke zu beklagen. Diese Lücke zu erklären bin ich den Lesern schuldig. Es hätte Bismarcks Rechtsanwalt, der eine vortreffliche und hochachtbare Persönlichkeit gewesen sein muß, nicht zur Unehre gereicht, in der Reihe so vieler bedeutender Unterreder vertreten zu sein. Ich hatte übrigens, was hiermit ausdrücklich betont sei, es keineswegs darauf angelegt, diese Gespräche selber als erster herauszugeben, vielmehr der Familie des Tagebuchschreibers andere wissenschaftlich und persönlich zur Edition geeignete Persönlichkeiten namhaft gemacht und meinen Rat in uneigennütziger Weise für den Fall einer Veröffentlichung zur Verfügung gestellt; mir lag nur daran, daß die Gespräche in dieser oder jener Form auch dem vorliegenden. Werk einmal zugänglich gemacht werden könnten. Nachdem der Sohn des verstorbenen Rechtsanwalts Philipp, Herr Oberlandesgerichtsrat Philipp in Kiel, anfänglich eine Veröffentlichung in Erwägung zu ziehen schien, erfolgte auf eine wiederholte Anfrage des Herausgebers durch die Tochter des Justizrates, Frau Anna Arndt in Altona, eine dürre Ablehnung." Die Hinterbliebenen des Justizrats Philipp sollten es unseres Erachtens nicht vergessen, daß das gesamte deutsche Volk einen berechtigten Anspruch auf die in Rede stehenden Aufzeichnungen hat. JAC. MAVER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Kigf«3n«2 MaOabielluntf Zentrale: Wien ll.v GIOCkengaSSQ 24 Tel. R 48-4-79 Pttr KMtftnsb«Mta imd Vtreiflsfunktlonlr« gegen Legitimation 10V. Nachlaft