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Die Wahrheit · 1928-08-03 · Heft 31 (3.8.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 31 (3.8.1928)
Date
1928-08-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iliiMiiiliüiMiiM^ selte 3 Abraham Goldfaden. Der Begründer des jüdischen Theaters. Von Prof. Nachum Zwi Ehrlich. (Schluß.) Bei Bezeichnung der Gattung, der das oder jenes Stück angehört, wußte er oft keinen Ausweg, und manche U e b e rschrifte n wirken direkt komisch. Z. B. trägt die erste Ausgabe des Textbuches „Das zehnte Gebot" folgende Aufschrift: Das zehnte Gebot oder 10 sachmot. Tragischkomische Operette in fünf Akten und zwölf Bildern. Ein lyrisches Spiel, ein Zaubermärchen. Von Abraham Goldfaden. Musik undKostü m e vom Verfasser. Die Kritik dürfte schon damals Goldfaden stark angegriffen haben. Man ersieht das aus der Tatsache, daß er in dem eben erwähnten Stücke in der Höllenszene den Höllendiener auf einen Hund, der wütend an seiner Kette zerrt, weisen läßt, mit der Erklärung: Siehst Du! der Hund war, als er in Menschengestalt auf Erden wandelte, ein Kunstkritiker. Was die Lieder und Couplets betrifft, die sich in den Stücken zahlreich finden, mit Refrain undTendenz sind sie meistens ganz unabhängige Dichtungen und erst beim Schreiben der Stücke in dieselben eingeschaltet worden. Er schreibt selbst im Textbuche von „S u 1 a m i t h" (erster Akt. vierte Szene) im Textbuch von „Salamitt" (erster Akt, vierte Szene) über das bekannte Lied Rosinklach mit Mandlen wie folgt: „Dieses Lied paßt eigentlich nicht hierher, aber da es beim Publikum sehr beliebt ist, habe ich es eingeschalte t." Die Behandlung der Lieder als solche gehört in die Besprechung Goldfaden als Lyriker;• jedenfalls muß man sagen, daß er auf diesem Gebiete ein Künstler ersten Ranges ist. Und nun noch ein Wort über die Musik: Wer glaubt, daß Goldfaden Musiker war, ist auf einem Holzweg. Er konnte weder Notenlesen und -schreiben, noch schon beherrschteer ein Instrument. Er besaß aber ein großes musikalisches Talent. Mit einer fabelhaften Leichtigkeit faßte er eine Melodie auf und hielt sie im Gedächtnis fest, bis er jemanden fand, der sie ihm aufzeichnen konnte. Er diktierte, indem er die Melodie sangoder mit einem Finger auf dem Klavier spielte. Die Musik in seinen Stücken ist somit nicht von ihm komponiert, sondern zusammengestellt. Jede Melodie, die ihm gefiel, nahm er auf und verwendete sie, wo es ihm geeignet schien, indem er einen Text dazu schrieb. Das gilt für die R e z i t a t i v e, Duette und Arien. Hingegen scheint er zu vielen Liedern die Melodien selbst erdacht zu haben, weil sie den Texten so gut angepaßt sind und einen einheitlichen Charakter haben. Er bekam auch von vielen Chasanim und Musikanten Melodien für Arien und Rezitativ e. So finden wir in seinen Stücken neben jüdischen auch ukrainische, großrussische und rumänische Volkslieder, ältere Walzermelodien, Stellen, oft auch ganze Stücke aus italienischen und französischen Opern. Die Chöre setzten sich aus Kompositionen von Chasanim zusammen, die ursprünglich auf hebräische Texte geschrieben sind. Er bevorzugte ganz besonders die Kompositionen von den Chasanim: Abras, Blumental. Salomo Weintrau b, Blindmann und Schirmann. Alle diese verschiedenen Melodien wußte er miteinander so zu verschmelzen daß sie scheinbar einen einheitlichen Eindruck machen. Der Umstand, daß er nicht selbst Noten schreiben konnte, führte dazu, daß sich viele Unrichtigkeiten in die Melodien einschlichen, öfters noch machten die Kapellmeister der Theater willkürliche Aender u n g e n oder komponierten, da ihnen das Harmonisieren und Instrumentieren der Stücke ganz überlassen war. eigene Vor- und Nachspiele zu den Arien hinein. Es muß bemerkt werden, daß die Musik der Goldfadenschen Werke bis jetzt noch nicht gedruckt ist. Von manchen Stücken wie Sulamith. Barkochba und Rabbi Joselmann ist die Hauptstimme in den letzten Jahren im Druck erschienen. Von aller Arbeit, von all diesen Mühen hatte Goldfaden eigentlich weder materiellen, noch moralischen E r f o 1 g. Die Mitglieder seines ersten Theaters, die sich später zerstreuten und in Osteuropa sowie in England, selbst in Amerika Theater gründeten, spielten seine Stücke, ohne sich um deren Schöpfer zu kümmern, verkauften wohl auch die Stücke an neuerstandene Theater und bereicherten sich. Das Publikum kannte Goldfaden nicht, sondern lobte die Schauspieler, die so schön spielten und den Herrn Direktor, der so prächtige Stücke gab, und nicht selten hielten sie eben diesen Direktor, der bei Lese- und Schreibarbeiten ganz von seinem Souffleur abhängig war, für den Autor derselben. Bekannt ist, daß in einer galizischen Stadt auf Veranlassung des Theaterdirektors Goldfaden zur Aufführung einer seiner Stücke der Eintritt verweigert wurde, obgleich er sich eine Karte gekauft hatte. Goldfaden beschloß sein Leben im Jahre 1912 in bitterster Not. Einige Jahre vorher hatte er seinen Schwanengesang, das Stück „Ben Ami" geschrieben. Er erhoffte davon einen materiellen Nutzen, aber umsonst. Das Stück machte zwar von Amerika aus die Runde über alle jüdischen Bühnen, aber nur zum Vorteil der amerikanischen Direktoren, die ein prächtiges Geschäft dabei machten und den armen Dichter mit einer Kleinigkeit abspeisten. Rührend ist es, mit welcher Liebe er am Judentum hing. Jedes Ereignis, das sich in und mit dem jüdischen Volke abspielte, begleitete er mit seiner Posie. So ist das Stück „Moschiachszeite n", hervorgerufen durch die Judenpogrome in Rußland 1880 bis 1882 und die gleichzeitig entstandene Bewegung der Neuzeit „Chowene Zion". Bei vielen jüdischen Konferenzen und Beratungen nahm er persönlich tätigen Anteil. Doch war es auch eben diese unendliche Liebe, welche ihn zwar veranlaßte. mit bitterem Spott und scharfen Worten dem Juden seine Fehler vorzuhalten. Aber es ist schade, daß die Stücke Goldtadens a 11mählich in Vergessenheit geraten! Alles, was bis jetzt auf dem Gebiete des Singspiels nach und zu Lebzeiten Goldfadens geschaffen wurde, reicht lange nicht an seine Schöpfungen heran. Es wäre eine verdienstvolle Arbeit, wenn man die Goldfadenschen Bühnenwerke szenisch und musikalisch bearbeiten würde, dabei müßten natürlich viele Melodien entfernt und durch neue, echt jüdische, ersetzt werden. Es versteht sich, daß die ganze Partitur angelegt werden müßte. In einer dergestaltigen neuen Form könnten sich Goldfadens Werke noch lange erhalten, denn an der Hauptbedingung zum Bestände, an Lebensfrische, fehlt es ihnen nicht. Wer weiß, ob sich nicht Uebersetzer finden, die angelockt durch die Originalität und Urwüchsigkeit der Werke, dieselben auch auf nichtjüdischen Bühnen zu Ehren bringen, wie dies schon vielleicht mit weniger Recht — mit Dramen von Schalom Asch und P i n s k i geschehen ist. Der jüdische Leibarzt des Fürsten Bismarck. Der im Spätherbst 1884 verstorbene praktische Arzt L>r. Eduard Cohen in Hamburg, der vom Herbst 1880 bis zum Herbst 1884 Hausarzt der Familie Bismarck in Friedrichsruh gewesen ist, war bald nach seinen ersten Besuchen beim Fürsten Bismarck in ein besonderes Vertrauensverhältnis zu diesem getreten, und es ist bemerkenswert, daß der Fürst sich ihm gegenüber mit einer Rückhaltlosigkeit äußerte, die als ungewöhnlich zu bezeichnen ist. Dr. Cohen hat sich nach jedem Besuche sofort Aufzeichnungen über die Gespräche mit Bismarck gemacht. Einiges aus diesen Aufzeichnungen ist bereits früher bekannt gegeben worden, und zwar in Auszügen, die zum ersten Male in den von Erich M a r c k s in Verbindung mit K. A. v. Müller und A. v. B r a u e r im Jahre 1915 herausgegebenen „Bismarck-Erinnerungen" veröffentlicht wurden, es

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