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Die Wahrheit · 1928-08-03 · Heft 31 (3.8.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 31 (3.8.1928)
Date
1928-08-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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5eite 4 liiiHiiMiiiwiiniiiiitiiui!!^ Offi WAHRHEIT Wunder, so sagt die „Prawda", daß das Mitglied des Büros der kommunistischen Zelle eines Tages dem jüdischen Jungkommunisten, der in einer Versammlung auftrat, drohte: „Wenn du jüdische Fratze dich noch einmal aufzutreten erfrechst, so werde ich es dir zeigen." Es ist auch kein Wunder, fährt das Blatt fort, daß einige Arbeiter einen jüdischen Jungkommunisten unter Hohnlachen anderer Jungkommunisten mißhandelten. Auf den Gaswerken in Leningrad wurde einem jungen Arbeiter die Aufnahme in die kommunistische Jugendorganisation unter der Begründung verwehrt, daß er Jude sei. Wieder auf einer anderen Leningrader Fabrik gefiel man sich zuerst darin, die Nasen der. Juden mit dem Zirkel zu messen, um sie selbst hinterher mit Ziegelsteinen zu bearbeiten. Auf der Toilette las man die von der Zarenzeit her übliche Inschrift: „Haut die Juden, rettet Rußland". Der Antisemitismus blüht auch in den Arbeiterkonsumgenossenschaften. Iii Charkow rivalisieren bei den Wahlen in den Vorstand ein jüdischer und ein russischer Arbeiter. Kurz vor der Wahl erschien an den Wänden ein Plakat, in dem unter Berufung auf Lenin gegen die jüdischen Mitglieder gehetzt und aufgefordert wurde, nur Russen in das Präsidium zu wählen. Allerdings wurden in diesem Falle die drei Mitglieder der Kommunistischen Partei, die Urheber dieses Plakats, aus der Partei ausgeschlossen. Die „Prawda" erzählt auch von einem hübschen antisemitischen Stückchen, das sich ein älteres Parteimitglied in Moskau geil eistet hat. Die Hausangestellte dieses Kommunisten beabsichtigte, Mitglied der Gewerkschaft zu werden. Als seine Frau dies erfuhr, verbot sie „ihrem dienenden Geist" kurzerhand diese „unerhörte Frechheit". Da wandte sich die Hausangestellte an den jüdischen Nachbar. Dieser verhalf ihr dazu, Mitglied der Gewerkschaft zu werden. Die kommunistische Herrschaft setzte darauf das junge Ding vom Lande an die Luft..Der Mann der resoluten Frau, Mitglied der Kommunistischen Partei, richtete darauf an den Juden einen Brief, in dem es unter anderem heißt: „Erinnern Sie sich noch der alten Zeit, als es Judenmißhandlungen und Pogrome gab? Also bringen Sie mich nicht so weit, denn sonst werden nach meiner Rückkehr — er befand sich gerade auf der Dienstreise — bei Ihnen die Federn fliegen" — bei den zaristischen Judenpogromen flogen nämlich die Federn aus den Betten und Kissen der massakrierten Juden auf die Straße. Schließlich der Antisemitismus in den Hochschulen. Hierüber liest man ausführlich in der „Kommunistischen Jugend- Prawda". Im Institut für Erdmessung in Charkow wurde monatelang im Studentenheim der Student der Arbeiter-Universität, der Jude Sch.. von dem Mitglied der kommunistischen Jugend Ljaschenko und von dessen Freunden beleidigt und mißbandelt. Alle übrigen Mitbewohner sahen ruhig zu. Man begoß den schlafenden Sch. mit eisigkaltem Wasser, zwang ihn, nachts aufzubleiben; er durfte im Bett liegend seine Augen nicht schließen. Und als er eines Tages drohte, er würde Beschwerde führen, setzte man ihm den Revolver auf die Brust und sagte: „Versuche es nur," und verdoppelte die Mißhandlungen jedweder Art, ohrfeigte ihn, stach ihm die nackten Fußsohlen mit dem Zirkel und trieb es soweit bis Sch. das seelische Gleichgewicht verlor und der Arzt ihm verbot weiter zu studieren. In demselben Institut gefielen sich die Studenten darin, einer schwangeren jüdischen Studentin mit den Füßen gegen den Leib zu treten. Zur selben Zeit fast wurde am anderen Ende der Stadt im Studentenheim der 16jährige Student Reichel von dem Sekretär der kommunistischen Zelle der Musikschule nachts halbtot geprügelt. Der Kandidat in der Kommunistischen Partei S. und das Büromitgllied der kommunistischen Zelle N. schauten ruhig zu. Die gleichen Verfolgungen jüdischer Studenten werden aus Belajazerkow, aus der Bergbauschule in Dnepropetrowsk und aus dem technologischen Institut in Charkow gemeldet. Und auf einer Konferenz der proletarischen Studentenschaft in Charkow wurde gar die Forderung aufgestellt, daß man eine Prozentnorm nicht allein für die Juden, sondern auch für Russen und Polen einführen möge. Wenn schon die große Reihe der hier aufgezählten Fälle beweist, daß der Antisemitismus unter der proletarischen und kommunistischen Studentenschaft also den zukünftigen Erbauern des Sozialismus in Rußland, keine zufällige Erscheinung ist, so wird dies endgültig ersichtlich aus dem Ver- Zuckerkranke Wie Sie Ihren Zucker los und wieder arbeitsfähig werden, teile ich jedem Kranken unentgeltlich mit. Fr. Löw, Walldorf A 21 (Hessen) halten der kommunistischen Organisationen zu den einzelnen antisemitischen Exzessen. Das .Referat über die antisemitischen Ausschreitungen in dem Institut für Erdmessung wurde in witzelnder Form gehalten. Die unbeschreibliche Behandlung der schwangeren jüdischen Studentin wurde unter homerischem Gelächter der anwesenden Kommunisten dadurch erklärt, daß man sich eben zu einem Fußballmafcch vorbereiten mußte. Erst die Kontrollkommission der Charkower Kommunistischen Partei fand scharfe Worte gegen die Pogromhetze der kommunistischen Studenten. Das Beschämende an all den Tatsachen ist aber folgendes: Weder der russische Arbeiter, noch der russische Student waren während der Zarenzeit antisemitisch gesinnt. Die Häuflein von Antisemiten, die sowohl unter den Arbeitern als auch unter den Studenten vorhanden waren, wurden mit algemeiner Verachtung gebrandmarkt. Im heutigen Sowjetrußland ist es aber gerade umgekehrt. 3*- Die Situation der russischen Juden. Zur entsetzlichen Lage der russischen Juden schreibt der Frankfurter „Israelit": Aus welchen Ursachen und Triebkräften heraus sich diese entsetzliche Lage entwickelt hat, ist aus den uns zugegangenen Berichten nicht zu ersehen und man ist in dieser Hinsicht auf Vermutungen angewiesen. Innerhalb der Machtfaktoren der Sowjetrepubliken wirken eine Reihe von Strömungen neben- und gegeneinander. Die eigentliche Staatsleitung als solche ist zweifellos bemüht, bei aller Wahrnehmung der revolutionären und kommunistischen Doktrin Maß zu halten und das System der Unterdrückung weder auf religiösem noch auf innerpolitischem oder wirtschaftlichem Gebiet ins unerträgliche Extrem zu steigern. Anders -die „Jewsekties", die paar jüdischen Gotteshasser und Rieiligionsverfolger, denen kein Mittel zu schlecht ist, um ihrem entfesselten Machttrieb die eigenen Brüder zu opfern. Aber mehr und mehr treten neben diesen offiziellen Mächten unterirdische, in der Tiefe der russischen Volksseele wurzelnde Kräfte ans Tageslicht, die sich gegenseitig aufzuheben scheinen und dennoch tragischerweise beide zusammen ihre tödliche Wirkung gegen — die Juden richten. Diese beiden Kraftzentren sind, wie auch der Volkskommissär Bucharin in einer vor kurzem gehaltenen großen Rede im kommunistischen Jugendverband in Moskau ausführte, die religiöse Renaissance und der Antisemitismus. Wenn man die ängstliche Seelendiagnose Bucharins liest, dem es vor dem Erwachen der halb erstorbenen religiösen Sehnsucht und Inbrunst des Muschik graut, fallen einem die prophetischen Worte Nathan Birnbaums in seinem glänzenden Kenessi'o gedaulo-Referat ein, der damals schon den Taumel der kommunistischen Bilderstürmer als kindischen, vor der Weltgeschichte als Weltgericht zum Scheitern verurteiltet' Wahn kennzeichnete." Ganz unbegreiflich ist diese traurige Verirrung nicht. Auch die französische Revolution fing mit einem Kampfe gegen die Religion an, um Gott aus der Sprache zu verbannen1. Wenn man sich von allen Quellen der Geschichte losreißt, dann muß man auch in der Religion etwas „Rückschrittliches" erblicken. Und die törichten jüdischen antireligiösen Fanatiker wollen die christlichen noch übertrumpfen. Auch das ist eine nicht neue Erscheinung. Es ist geschichtlich und psychologisch ein Unsinn, das Judentum mit der Kirche zu vergleichen. Wir sind keine Staatskirche und haben keine machtlüsternen Pfaffen. Aber — hat jemals der Fanatismus nach Logik und Vernunft gefragt? Besserung kann nur die Zeit bringen. Auch diese Torheit wird weichen und einer besseren Erkenntnis Platz machen. Das Judentum hat im Laufe der Geschichte so Vieles überwunden, es wind auch darüber, hinwegkommen. Das Ewige besiegt alles Vergängliche.

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