Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 31 (3.8.1928)
- Date
- 1928-08-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Miiiiiiniiiniiiiininiim^ Seite 3 Zigarren täglich?" „Fünf bis zehn." „Sehen Sie," sagte Kraus, „wenn Sie das täten, was der Durchschnittsiude tut, wenn er im Leben weiterkommen will: wenn Sie statt an Ihren Stammtisch zu gehen, zu Hause blieben: wenn Sie. statt so viele Glas Bier zu trinken, sich ein Viertel hätten holen lassen und hätten dies zu Hause getrunken, so hätte Sie das weniger -gekostet, als ein Glas Bier am Stammtisch kostet: wenn Sie, statt so viele Zigarren zu rauchen, sich mit einem Tabakspfeifchen begnügen würden — wenn Sie dann alle diese überflüssigen, 25 Jahre hindurch gemachten Ausgaben zusammenrechneten, so hätten Sie Geld genug gespart und besäßen heut nicht nur feine Anzüge, sondern auch ein schönes Haus. Und noch eine Frage — denn wir sind gleich in Franzensbad —: Würde ihnen irgend etwas passieren, wenn Ihre vorgesetzte Behörde erführe, wie Sie sich über Juden geäußert haben?" „Ich würde sofort entlassen werden, denn die Direktoren und Aktionäre unserer Bahn sind vielfach Juden. Aber ich hab' keine Angst, denn unser Gespräch hat kein Jude mitangehört." „Da können Sie ganz beruhigt sein," erwiderte Kraus, als der Zug hielt. „Ihre vorgesetzte Behörde wird nie erfahren, was Sie gesagt haben; und warum? Ich bin Jude, mein Herr!" Das verdutzte Gesicht des Herrn Bahnbeamten kann man sich leicht vorstellen! Eine ähnliche Geschichte erlebte unser Kraus bei einer anderen Europareise in Frankfurt a. M. Während der Ausstellung in New Orleans sollte ein Diorama, „Die Schlacht bei Sedan", gezeigt werden, welches damals gerade in Frankfurt a. M. vielbewundert wurde. Eine ähnliche Vorführung hatte kurz zuvor in Chicago den Aktionären eine monatliche Dividende von 10 Prozent eingebracht. Also wurde Kraus von einem Konsortium nach Frankfurt geschickt, um den Kauf perfekt zu machen und das Diorama nach Amerika zu überführen. Der Besitzer war ein reicher Holländer, der eigens nach Frankfurt gekommen war, um mit Kraus zu unterhandeln. Beide Herren wohnten im Hotel ..Frankfurter Hof" und trafen sich hier regelmäßig beim Frühstück und abends beim Diner. Eines Morgens erschien im Speisesaal eine jüdische Familie, die augenscheinlich tags zuvor angekommen war, und bestellte Frühstück. Als sie sich hingesetzt hatten, sagte der Holländer: „Ich werde mich freuen, wenn ich erst wieder zu Hause bin. Da brauch' ich mich nicht zu ärgern." „Was ärgert Sie denn?" fragte Kraus. „Na, ärgert S i e's denn nicht, daß Sie mit Juden in einem und demselben Zimmer essen müssen?" „Nein," gestand Kraus ehrlich und brach das Gespräch ab, denn er wollte absichtlich keinerlei persönliche Angelegenheiten in die geschäftlichen Unterhaltungen einzum Bevollmächtigten einsetzen, der für ihn, den Herrn nämlich, alles Getreide der ganzen Umgebung zusammenzukaufen hätte. Daran könnte der Schankwirt große Reichtümer erwerben. Aber das Geschäft müsse noch heute Abend abgeschlossen werden, denn er, der Herr, müsse morgen mit dem frühesten seine Reise fortsetzen. Dann ließ er aus dem Schlitten einen großen Beutel voll Gold hervorholen und breitete den Inhalt vor Elieser aus, daß es diesem nur so vor den Augen, funkelte. „Greif zu, dummer Jud," rief der Herr, „das istalles dein wenn wir gleich das Geschäft abschließen, und du mir noch heute ein recht großes Festmahl bereitest." Mittlerweile war es schon spät geworden, die Frau hatte bereits die Sabbatlichter angezündet und Elieser fürchtete, daß ihn jetzt der Jezer-hara nicht übermanne und er sich vom Glänze des Goldes verleiten lasse, den Sabbat zu entweihen. Er wußte sich kein anderes Mittel, als die Gesänge zur Begrüßung des Sabbat anzustimmen, und sogleich fühlte er, daß er der Versuchung nicht erliegen würde. Er kehrte sich nicht mehr an das glitzernde Gold und an dessen Eigentümer. Und als der fremde Herr das sah, packte er seine Dukaten zusammen und zog ab. Im Himmel wurde Satan schön ausgelacht. Er aber sagte: „Das ist noch nicht alles, ich will noch einmal hinunter und ihn versuchen, ob er wirklich so gutherzig und sanftmütig ist, wie gesagt wird." Diesmal jedoch erhob sich Eliah der Prophet, und kam Satan zuvor. Am nächsten Sabbat, just mitten am Tage, als Elieser in der Stube saß und in einem Buche las, öffnete sich die Tür und ein armer Wanderer trat hinein, den Stock in der Hand, das Bündel auf den Schultern. Elieser war erstaunt, aber der Fremde sagte: „Guten Sabbat!", und Elieser erwiderte den Gruß' „Guten Sabbat!", ließ den Gast näher treten, half ihm sich bequem zu machen, reichte ihm Speise und Trank, und kümmerte sich nicht im geringsten darum, daß jener durch die Verletzung des Sabbat eine so große Sünde auf sich geladen, gab auch mit keinem Worte seiner Verwunderung darüber zu fließen lassen. Nachdem das Kolossalbfld bezahlt war und nunmehr Kraus bzw. dem Konsortium gehörte, sagte er eines iVlorgens zu dem Holländer: „Leben Sie wohl, ich fahre morgen ab." Der Holländer bat dringend, noch zwei Tage zu bleiben und dann mit ihm gemeinsam nach Amsterdam zu fahren, er habe dort in der Umgegend ein Landhaus und Kraus solle dort ein paar Tage lang sein lieber Gast sein. Kraus erwiderte: „Ehe ich Ihnen eine Antwort gebe, möchte ich Ihnen noch eine Frage vorlegen. Nicht wahr, wir haben uns vierzehn Tage lang täglich gesehen. Fanden Sie in der Art meines Auftretens oder meiner Geschäftsführung irgend etwas, was Ihnen mißfiel?" „Absolut nichts, nichts." „Schön: Wenn es Ihnen Verdruß bereitete, in einem Speisesaale zu essen, in dem sich zufällig ein paar Juden befanden, wie schwer würden Sie dann in Ihren heiligsten Empfindungen gekränkt sein, wenn infolge Ihrer Einladung ein Jude an Ihrem Tische säße und mit Ihnen unter demselben Dache lebte. Entschuldigen Sie also, wenn ich Ihre Einladung nicht annehme, denn ich bin Jude!" Als Kraus am nächsten Morgen auf den Bahnhof kam, wartete der Holländer bereits. „Herr Kraus", sagte er, „Sie haben mir eine gute Lehre gegeben. Ich sehe ein. daß meine Bemerkung über die Juden ungerecht war. Nun. da ich weiß, daß Sie Jude sind, bitte ich doppelt dringend, mir die Ehre Ihres Besuches zu erweisen." „Mit Vergnügen, aber in fünf Tagen geht mein Schiff nach Amerika, und in der Zwischenzeit will ich noch meine Mutter in Böhmen besuchen." Die Herren reichten sich die Hand zum Abschiede und sahen einander niemals wieder. Die Lage der Juden in Sowjet- Rußland. Der Kampf, der gegen die antisemitische Pogromstimmung sowohl in der Sowjetpresse als von der kommunistischen Partei bis jetzt geführt worden ist, scheint völlig erfolglos geblieben zu sein. Die „Prawda" schlägt Alarm: Kommunisten und kommunistische Jugend gehen den unorganisierten Arbeitern mit dem schlimmen Beispiel der Juden Verhetzung voran. Sie zählt folgende Fälle auf: In Leningrad ist in der Fabrik „Marty" die Stimmung sowohl bei der kommunistischen Jugend als auch bei den leitenden Kommunisten ausgesprochen antisemitisch. Da ist es kein erkennen, um den Armen nicht in Verlegenheit zu bringen. Zur Nacht bereitete er ihm ein Lager und am nächsten Morgen gab er ihm ein Almosen, .geleitete ihn ein Stück Weges, wie Gott es befohlen. Und als er sich von dem Armen verabschieden wollte, erblickte er ihn plötzlich vor sich in ganz anderer Gestalt. Er sah einen Greis mit weißem, langen Bart und ganz in weiße Gewänder gekleidet. Dieser sprach: „Ich bin Eliah der Prophet, und ich bin gekommen, um dich zu versuchen, ob du auch an einem Sünder und Frevler Gastfreundschaft übest Zum Lohn für deine Führung, wird dir das Höchste gegeben werden, das du dir wünschen kannst, ein Sohn, der die Augen von ganz Israel erleuchten wird." Nach einem Jahre gebar Eliesers Frau einen Sohn, der ist dann der Baal-Schem geworden. Anmerkung: Diese wunderschöne Sage ist mir durch mündliche Ueberlieferung in einigen unwesentlich von einander abweichenden Fassungen bekannt geworden. In der chassidischen Literatur ist die Sage einmal im „Rachame av". dann in „Derech Haemunah" verzeichnet, doch in beiden auf die Hälfte reduziert und verstümmelt, so daß sie den Eindruck einer zerfetzten und vertrockneten Blume macht. Dort fehlt nämlich die Episode der Versuchung durch Satan, die offenbar ursprünglich den Hauptbestandteil bilden mußte, sondern als Satan sich bereit erklärt, die Versuchung zu unternehmen, wird er gleich von Eliah beiseite geschoben. Doch ist die Versuchung von Rechts wegen das Amt Satans und nicht Eliahs. Es sei noch bemerkt, daß der Volksglaube, Satan erscheine als reicher Kunde am Freitagvorabend bei jüdischen Ladenbesitzern und Handwerkern, um sie durch große Bestellungen zur Entweihung des Sabbats zu verleiten,, sehr verbreitet ist, nicht nur unter den polnischen, sondern auch unter den sephardischen Juden. Es existieren mehrere darauf bezügliche Sagen.