Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 31 (3.8.1928)
- Date
- 1928-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 iiMiiiiraiiii:!^ DIE WAHRtffclt innern, Deutschland erkrankte in diesen Jahren selbst an der Seuche des Antisemitismus, und Rußland, das sich seit jeher zum Dogma der Rechtlosigkeit der Juden bekannte, konnte Rumänien nicht an die Notwendigkeit der Emanzipation erinnern. So hatten die gewissenlosen Herren Rumäniens eine der wesentlichsten Bedingungen der ihrem Lande verliehenen Unabhängigkeit verletzt und das Vertrauen Europas betrogen. Die Viertelmillion Juden blieb auch weiter im Zustande schändlichster Sklaverei, auf Grund der groben Fiktion, daß sie, obwohl ihre Väter und Vorväter in Rumänien gelebt und ihre Söhne in der rumänischen Armee gedient hatten, „Ausländer" seien und in den rumänischen Bürgerverband nicht eintreten könnten. Diese Verletzung des Staatsrechtes und des Völkerrechtes ist noch heute der Fall. ■ ■ Wie Adolf Kraus die Judenfeinde abfertigte. Wer ist Adolf Kraus? — Nicht mehr und nicht weniger als der jahrzehntelange Präsident eines vier Erdteile umspannenden demokratischen und doch völlig unpolitischen Ueberstaates, nämlich des Ordens B'nai Brith. Von 1905 bis 1925 haben Tausende und Abertausende jüdischer Männer in diesem ihrem selbstgewählten Führer die höchsten Ideale des Judentums und der Menschheit verkörpert gesehen und seiner weisen Leitung gehorcht. Als er im Frühjahr 1925 sein hohes Hirtenamt in jüngere Hände legte, übergab er den Brüdern B. B. als teures Vermächtnis seine ..Lebenserinnerungen" („Reminiscences and Comments"), in denen er die Summe seines reichgesegneten Lebens und Wirkens zieht. Mit Interesse lesen wir da die vorbildliche Art, wie er die Judenfeinde schneidig abfertigte. Adolf Kraus, ein gebürtiger Böhme (geb. 1850), war in jungen Jahren nach Amerika ausgewandert und hatte sich hier — in Chicago — zu einem der ersten Anwälte der Stadt sowie zum Besitzer der „Chicago Tribüne" emporgeschwungen. Er war auch Mitglied der städtischen Schuldeputation. Zu jener Körperschaft gehörte Sfeuilldett Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Als der Baal-Schein zur Welt kommen sollte. Als die Seele des Baal-Schern auf diese Welt herabgesandt werden sollte, um die Augen der Menschen zu erleuchten, herrschte unter den Scharen des Himmels eine große Erregung. Wer war der Würdigste, daß ein solcher Sohn ihm geboren werde? Man beriet hin und her. endlich wurde man einig, daß der Würdigste ein gewisser Elieser wäre, ein armer Landmann, der in einem entlegenen Dorfe eine Schenke hatte, dabei einen kleinen Acker bestellte und einige Stück Vieh züchtete, wie das in damaligen Zeiten üblich war. Im Himmel lobte man Elieser, der freilich nicht gelehrt war, sich abeT in strenger Redlichkeit von seiner Hände Arbeit ernährte, nicht habgierig war und ein sehr gutes Herz hatte. Jeden Freitag sandte er nach allen Straßen Wendungen in der Nachbarschaft Boten aus, die alle vorbeikommenden Wanderer, arm oder reich, einluden, bei ihm den Sabbat zu feiern, auch sonst ging kein Mensch, ob Jude oder Goj, ungesättigt und unbeschenkt von seiner Tür. Satan aber, als er das alles vernahm, sprang auf und schrie: auch ein gewisser Mr. Zimmermann, und zwar als Dezernent für den deutschen Unterricht an Chicagoer Schulen; er war zugleich Herausgeber einer wöchentlich einmal erscheinenden deutschen Zeitung. Eines Tages veröffentlichte dieser Zimmermann einen scharf judenfeindlichen Leitartikel. Als Kraus ihn fragte, warum er dies getan habe, ob er wirklich so schlechte Erfahrungen mit Juden gemacht habe, antwortete dieser deutsche Kulturträger: „Was ich da niederschrieb, sind gar nicht meine Gesinnungen; aber meine Leser wollen solch Zeug, und da setzte ich ihnen diesen Aufsatz vor." Die Sache sprach sich herum, und bei der nächsten Sitzung erklärte die Schuldeputarion einstimmig, ein Mannn, der die Volksseele durch Judenhaß vergifte, sei zur Mitarbeit im Schulwesen nicht geeignet und müsse sein Amt am Schlüsse seiner Wahlperiode niederlegen. Kraus wurde damit beauftragt, einen Nachfolger vorzuschlagen. Als Zimmermann dies erfuhr, suchte er Rechtsanwalt Kraus auf und bat, die Entscheidung noch um vierzehn Tage hinauszuschieben: er wolle inzwischen sämtliche Mitglieder der Schuldeputation umzustimmen suchen. Kraus antwortete: „Der Leitartikel, den Sie schrieben, verträgt sich nicht mit der absoluten Unparteilichkeit, die man von dem Schulinspektor einer amerikanischen Stadt erwartet. Der Grund, den Sie für Ihre verhetzenden Ausführungen angaben, hat die Sache noch schlimmer gemacht. Selbstverständlich gebe ich Ihnen Frist, und zwar acht Tage; denn ich möchte nicht als rachsüchtig gelten. Wenn Sie nicht die Mitglieder der Schuldeputation innerhalb von acht Tagen von Ihrer Befähigung, ihr anzugehören, überzeugen können, dann werden Sie es auch nicht in einem Jahre fertig bringen." Frau Bauer, eine deutsche Dame, suchte die einzelnen Herren auf: sie erklärte, Mister Zimmermann sehe das Unschickliche seiner Handlungsweise ein; er habe überhaupt das Zeitungswesen satt und verzichte fortan auf das Artikelschreiben. Daraufhin verblieb Zimmermann in der Schuldeputation und gab nie wieder Anlaß zu irgendwelcher Klage. Als Kraus nach Jahren wieder einmal seine böhmische Heimat aufsuchte, kam er auf der Reise von Karlsbad nach Franzensbad ins Gespräch mit einem Eisenbahnbeamten aus Pilsen, der salch wilde judenfeindliche' Ausfälle verlaubte. „Alle Geschäfte sind in den Händen der Juden." rief er wütend aus. „Sehen Sie mich an: ich bin seit 25 Jahren Bahnbeamter und verdiene nicht mal soviel, um mir einen anständigen Anzug machen zu lassen. Die Juden aber werden reiche Leute." Kraus fragte den Beamten: „Gehören Sie zu einem Verein?" „Ja." „Gehen Sie oft zum Vereinsstammtisch?" „Fast jeden Abend." „Wieviel Glas Bier trinken Sie jeden Abend?" „Na, achte, manchmal auch mehr." „Rauchen Sie?" „Ja." „Wie viele „Ich werde euch beweisen, daß dieser euer Gerechte bereit ist, für Geld, wenn es nur ein recht großer Haufen isL die ganze Frömmigkeit zu verkaufen. Laßt mich nur hingehen und ihn in Versuchung bringen." Man ließ ihn hingehen. An einem Freitag Vorabends, während ein starker Frost herrschte und ringsum die Welt mit dickem Schnee bedeckt war, fuhr vor Eliesers Dorfschenke ein prächtiger Schlitten mit reichgeschirrten Pferden vor, und darinnen saß ein großer Herr in kostbarem Pelz, und einige Diener. Sie traten in die Schenke und Elieser bot ihnen Branntwein und warme Speisen, damit sie sich erwärmten. Aber der Herr sagte zu Elieser: „Weißt du was, das ist alles sehr schön, aber ich habe gar keine Lust, bei dieser Kälte weiter zu fahren. Ich will hier übernachten." „Das ist mir recht," sagte Elieser, „laßt nur eure Pferde in den Stall bringen und macht es euch bequem. Ich habe für den Sabbat reichlich zu essen und zu trinken vorbereitet, es soll euch und euren Leuten an nichts fehlen." „Dummer Jud," sagte der Herr, „glaubst du, ich werde deine Judengerichte essen, welche du dir vorbereitet? Das fällt mir gar nicht ein. Du mußt ein Kilb aus dem Stall holen und schlachten, ein großes Feuer im Ofen anmachen, und deine Frau brät das Kalb, ich kaufe dir auch allen Schnaps und alles Bier ab, und wir machen uns hier ein schönes Gelage." Elieser wußte, daß den großen Herrn manchmal solche verrückte Launen in den Kopf kommen. Er antwortete: „Das kann ich nicht tun, denn es ist schon Abend, and am Sabbat ist es uns verboten, solche Arbeiten zu verrichten." „So werde ich dich und dein Weib dazu zwingen", erwiderte der Herr. Aber Elieser gab ihm zu verstehen, daß er sich vor solchen Sachen nicht fürchtete, und da verlegte sich der Herr — das war natürlich kein anderer als Satan in eigener Person — auf ein anderes Mittel. Er erklärte dem Schankwirt, daß er mit ihm ein großes Geschäft machen wolle, wobei sehr viel Geld zu verdienen sei; er wolle ihm nicht nur alle seine Vorräte zu jedem Preise, den er verlange, abkaufen, sondern ihn