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Die Wahrheit · 1928-07-27 · Heft 30 (27.7.1928) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 30 (27.7.1928)
Date
1928-07-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«t^V^^^«BMt<aW839M8ii»grat;il--!l<gi 5eitf 8 flninimflHBHmimnHm WAHRHEIT Dennoch war Goldfaden kein dramatisches Talent. In seinen Stücken ist die Lyrik überwiegend; daher die langen Monologe und Dialoge, die mitunter sogar langweilig werden und unbedingt störend auf den Fortgang der Handlung wirken. Auch ist das Personenmaterial, das er verwendet, zu groß und führt an kleinen Theatern zu dem Unfug, daß ein Schauspieler zwei Rollen übernehmen muß, weil die Leute an den Stücken nichts ändern wollen, was zu ihrem Vorteil gereichen würde. Wohl scheuen sich aber dieselben Theaterleiter nicht, Aenderungen vorzunehmen, die das Stück oder gewisse Szenen entstellen, man denke nur daran, wie manche Schauspieler die komischen Rollen verunstalten. Das ist ein Tänzeln, Grimassenschneiden, Purzelbäumeschlagen, Quicken und Heulen, Radebrechen, Witze hineinimprovisieren, und das oft gerade dann, wenn die Handlung sich ernst gestaltet, daß ein Zuhörer, der Goldfaden versteht. Mühe hat, Rufe des Mißfallens zu unterdrücken. Man hat einmal Goldfaden mit Jakob G o r d i n verglichen, und letzteren in den Himmel gehoben, während man auf ersteren nichts gutes kommen ließ. Das ist ein großer Irrtum. Gordin hat die meisten seiner dramatischen Stoffe fremden Literaturen entlehnt, zum Beispiel der Fremde; Enoch Arden; Gott, Mensch und Teufel; Faust; Medeaist eine Bearbeitung des dritten Teiles des Grillparzerschen „Goldenen Vlies" usw. Goldfaden hingegen hat seine Stoffe der Bibel, der jüdischen Sage und Legende oder der jüdischen Anekdote entnommen. Dort, wo er als selbständiger Erfinder der Handlung auftritt, z. B. in „Moschiachs Zeiten", „Das zehnte Gebot", ist er originell und rein jüdisch. Wenn auch, wie schon oben erwähnt, die Struktur an die Weise der Klassiker anderer Völker mahnt, so gehört sicher sehr viel Scharfblick und Feingefühl dazu, um es herauszufinden. (Schluß folgt.) Qflerj*en>. Die Völkischen im Deutschen Reiche sind in einem die Gemüter tief aufwühlenden Streit mit den Nationalsozialisten befangen. Die Völkischen fühlen nämlich brennenden Schmerz ob der Ungeheuerlichkeit, daß sich deutsche Männer finden konnten, die den Faschistengruß angenommen! Auf die mächtigen Ausdrücke sittlicher Empörung, die diese Entartung auslöste, hat allerdings Hitlers Privatsekretär — also ein Mann, der dem Führer gewiß nahesteht — im „Völkischen Beobachter" den Beweis zu erbringen versucht, daß der faschistische Gruß „durch erhobenen rechten Arm der natürliche und im deutschen Mittelalter gang und gäbe gewesen sei". Aber höhnisch wird dieser Beschwichtigungsversuch im „Deutschen Tageblatt" zurückgewiesen, denn der deutsche mittelalterliche Gruß „wurde mit leicht gekrümmter, nach innen gewandter Handfläche winkend vollzogen, während der Hitlersche Faschistengruß mit starr emporgestrecktem rechten Arm und nach außen gekehrter Handfläche erfolgt." Kein Zweifel, man muß sehr verbohrt oder bar jeglicher Vaterlandsliebe sein, wenn man so tief einschneidende Unterschiede zu verwischen wagt und dadurch die Geister in Verwirrung, ja zum Verrat an den heiligsten Gefühlen treibt. Wer noch einen Funken nationalen Mitgefühls für Deutschtirol im Busen hegt, wird den schicksalschweren Bruderkampf, der zwischen Völkischen und Nationalsozialisten entbrannt, in seiner ganzen Bedeutung ermessen. Man möge sich ja nicht durch den Hinweis auf das Mittelalter, dessen Traditionen in der Tat die heiße Sehnsucht beider Streitteile bilden, betören lassen; über den Abgrund, den der Gruß nach innen von dem nach außen gewandter Handfläche trennt, kann einen klar denkenden Antisemiten keine Rabulistik hinwegtäuschen. * * * Das Bankhaus Bleichröder feiert dieser Tage das Jubiläum seines 125jährigen Bestandes. Die Antisemiten, die sich mit Wonne daran erinnern, das Bismarck als junger Referendar nicht ganz frei von antisemitischen Allüren war (für die er in späteren Jahren allerdings ein verächtliches Lächeln hatte), gedenken bei diesem Anlaß mit schmerzlicher Betrübnis, daß der deutsche Kanzler im Jahre 1870 bei den Fragen der Kriegsentschädigung, die Frankreich zu zahlen hatte, niemand anderen als just den ungetauften Chef dieses Bankhauses zu seinem Vertrauensmann gewählt hatte. Fürst Bismarck hat damals in den Verhandlungen mjit Jules Favre mit treffendem Witz sogar ganz besonders auf Bleichröders Religionsbekenntnis hingewiesen. Als Jules Favre die deutsche Forderung auf Zahlung von fünf Milliarden Kriegsentschädigung erfuhr, schlug er die Hände zusammen und meinte jammernd: „Wenn ein Mensch von Christ Geburt an bis auf den heutigen Tag ununterbrochen Geld in kleinen Münzen gezählt hätte, so wäre bis zum Friedensschlüsse noch nicht eine so ungeheure Summe durch seine Hand gelaufen." Bismarck antwortet lächelnd: „Deshalb habe ich Bleichröder mitgenommen, der zählt nicht von Christi Geburt, sondern von der Erschaffung der Welt an." * General Nobile, der noch vor der schwierigen Aufgabe steht, sich gegen die Beschuldigung zu rechtfertigen, daß er durch seine mangelhaften Vorbereitungen sträfliches Unheil angerichtet, hat bereits Verträge mit Zeitungen und Buchhändlern abgeschlossen, die seine Reiseabenteuer veröffentlichen wollen. Das Honorar, das der General erhält, soll einige Milliarden betragen. Ein wahres Glück für die Juden, daß General Nobile nicht jüdischer Abstammung ist. Was hätten die Juden sonst über jüdische Habsucht und unausrottbaren jüdischen Schachergeist zu hören bekommen! * * * Wie ungarische Blätter melden, hat der ungarische Ministerpräsident vor einigen Tagen vor einer Kommission der Stadthauptmannschaft von Groß- Kanisza die Chauffeurprüfung mit Auszeichnung bestanden. Graf Bethlen hat bei diesem Anlaß zahlreiche Glückwünsche erhalten, in denen auch der Ueberzeugung Ausdruck gegeben wurde, daß ein so ausgezeichneter Chauffeur bei seinen Fahrten niemanden gefährden werde. Die Juden in Ungarn knüpfen an diese Gratulation allerdings noch den besonderen Wunsch, daß der Ministerpräsident bei der Lenkung des Staatswagens fürderhin gleichfalls darauf bedacht sei, daß niemand unter die — Räder komme. * * *

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