Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 30 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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m WÄHKHEU lllllllJlllllIMllIllfflIMIl itoi^ Seite i Betrachten wir unsere Wissenschaft, wie sie heute betrieben wird, dann sehen wir ein, daß sie sich zu drei Viertel mit nutzlosem Forschen beschäftigt und ein Viertel nur mit zweckmäßigen Dingen. Ich erinnere an das gelungene Experiment des inzwischen verstorbenen Professor M i e t h e, Gold aus Quecksilber herzustellen. Nun frage ich: Warum künstliches Gold, wozu das, wofür der reale Nutzen? Ich kenne darauf nur die Antwort: wissenschaftliche Spielerei! Oder wenn ein amerikanischer Wissenschaftler feststellen will, ob blonde oder schwarze Damen temperamentvoller sind? Was ist das? Etwa mehr als Unfug? Oder wenn der Astronom V a 11 i e r es sich in den Kopf gesetzt hat, mit einer Rakete nach dem Mars zu fliegen — was ist das? Kein Unfug? Was haben wir auf dem Mars zu suchen? Solche und solche und noch tausend andere solcher Unsinnigkeiten sind da, mit denen die Menschheit gerne spielt, wobei sie vergißt, daß die Wissenschaft allmählich ihren Wert verliert als Helfer und Beschützer der Menschen und nach und nach zu einem gleichgültigen Amateurtum herabsinkt zum Schaden aller Geschöpfe Gottes. Spannt die Wissenschaft ein in den Kampf gegen Krankheit, gegen eine immer mehr fortschreitende Verkümmerung des menschlichen Körpers, anstatt sie anzuspornen, auf dem Wege fortzuschreiten, den sie so leichtsinnig eingeschlagen hat. * * * Der Autor des vorstehenden Artikels spricht ein erlösendes Wort. Der Nordpol ist bereits entdeckt, die „wissenschaftliche Ausbeute" ist so gering, daß ihretwegen so viele kostbare Menschenleben nicht riskiert werden dürfen. Wenn „Snobs der Wissenschaft" a la N o b* i 1 e am Nordpol eine italienische Flagge abwerfen wollen, dann sollen sie es nur auf eigene Gefahr tun. Warum andere Menschen ins Unglück stürzen? Amundsen muß sterben, damit ein Nobile gerettet wird! Warum? Man muß Schluß machen mit der Nordpolfexerei. fiiiiiln i Beats* ^tlU0IUIIC Sellenslelteagasse 2 Tal. 68-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. 98-0-85 Abraham Goldfaden. Der Begründer des jüdischen Theaters. Von Prof. Nachum Zwi Ehrlich. (Fortsetzung.) Goldfaden empfand mit der Feinfühligkeit des Genies, daß trotz des Lachens und Spottens, daß trotz des Beifalls sich die Juden von den Vorführungen dieser Volkssänger keineswegs befriedigt fühlten. Er sagte sich, daß das Judentum, das er so heiß liebte, erst für das Theater erzogen werden müsse. Kannte er doch den bei den Juden des Ostens viel gebrauchten Ausspruch: Wir haben darüber so viel gelacht, daß wir kein Theater brauchten. Oder: Es ist mit ihm ein reines Theater, wenn jemand eine Dummheit begeht oder etwas Unmögliches will. Er fühlte sich als Priester, berufen dazu, dem Judentum seine historischen und legendären Personen wieder zu Bewußtsein zu bringen, indem er sie ihm auf der Bühne vorführte. Wie der Stammvater der Juden, dessen Namen er trug, allüberall Altäre baute und den Namen Gottes predigte» so durchzog er mit seinem Theater die Lande und zeigte dem Juden ein Spiegelbild seiner einstigen Größe und seines Jetzigen Zustandes. Goldfaden begann sein Unternehmen mit nichts; weder Theater noch Schauspieler und, was die Hauptsache ist, keine jüdischen Bühnenwerke gab es. Das Personal, das er um sich sammelte, wußte nicht, was Theater ist, waren es doch nur Volkssänger oder verkrachte Handwerksleute, wohl auch „Batchanim", die wenig Glück bei ihrem Berufe hatten. Die Volkssänger waren gewohnt, in einem Wirtshause auf ein paar zusammengestellten Kisten oder einem über zwei Bierfässer gelegten Brette Lieder zu singen und den Hanswurst zu machen. Die Handwerker waren schon besseres Material, da man ihnen keine Unarten abzugewöhnen hatte. Es blieb also Goldfaden nichts weiter übrig, als D i c h t e r, Komponist, Lehrer der Schauspielerkunst und Rhetorik und Regisseur in einer Person zu sein. Wenn man bedenkt, daß er das Unternehmen auch administrativ zu leiten hatte, so gewinnt man ein Bild von der Arbeit, die auf ihm lastete. Schauspielerinnen vermochte er am Anfang nicht zu gewinnen; er mußte daher in der ersten Zeit ganz von weiblichen Personen absehen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß er, als sich endlich eine Dame der Truppe anschloß, die jedoch nicht deklamieren konnte, gezwungen war, ihr eine wortlose Rolle zuzuteilen, und das zu diesem Zwecke geschriebene Stück, eines seiner Erstlingswerke, heißt auch: „Die Stimme Kalle" (Die stumme Braut). Dieser Umstand darf nicht wundernehmen. Die Begriffe der Sittlichkeit waren dazumal bei den jüdischen Frauen ganz anders als jetzt. Ein jüdisches Mädchen aus dem Osten verschmähte es sogar, mit einem Manne zu tanzen; wie konnte sie also zur Bühne gehen, wo sie doch mit Männern immer wieder in Berührung kam? Wenn Goldfaden über kurz oder lang doch Schauspielerinnen fand, so mochten die Ersten derselben Frauen gewesen sein, denen das Leben arg zugesetzt hatte. Auf keinen Fall wählten diese Jüdinnen den Bühnenberuf aus Idealismus. Wenden wir uns nun den Werken zu. die Goldfaden für das Theater geschrieben. Es wäre zu langwierig, wollte man jedes einzelne Stück besprechen; ein allgemeiner Ueberblick dürfte genügen. Zu diesem Zwecke ist es nötig, auch einiges über die Vorstudien zu sagen, welche Goldfaden sowohl in literarischer, wie auch in musikalischer Beziehung gemacht haben muß. Wenn man sich in die Werke Goldfadens vertieft, so erhält man den Eindruck, daß er ein fleißiger Besucher fremder Theater und ein eifriger Leser der Dramatiker verschiedener Völker war. Das häufige Auftreten von Geistern, und die Art, wann und wie sie erscheinen, mahnt stark an Shakespeare; die pathetischen Monologe und Dialoge, die bei Höhepunkten in Reimverse übergehen, lassen uns an Schiller oder Goethe denken. In den Komödien endlich verspüren wir die Nähe des französischen Dichters M o 1 i e r e. Trotzalledem ist Goldfaden doch originell in der Schöpfung seiner Charaktere. Hier lehnt er sich an niemand an; seine Personen sind echte jüdische Typen, gleichviel, ob in den historischen oder in den selbst erfundenen Handlungen. Als wohlbewanderter Talmud i s t genügt ihm eine kleine Bemerkung über eine historische oder legendäre Person, damit er deren Tun und Lassen im richtigen Lichte erscheinen läßt. Abraham in der „Opferung Isaaks", Mordechaj in „Esther". Bar- Kochba in dem gleichnamigen Stücke, Jehuda, der Makkabäer in „NesChazukkah", Rabbi Joselmann in dem Stücke gleichen Namens, hätte niemand besser zeichnen können als er. Und seine Frauen! Die treue Mutter Sarah, Dina, die Heldenbraut Barkochbas. deren Herz heiß ihrem Geliebten als Retter ihres Volkes entgegenschlägt, welches aber auch ihren Brüdern und Schwestern zeigt, wie man seine Ehre schützt. Sulamith. das naive, liebende Mädchen, die dem Gelübde treu bleibt, das sie ihrem Retter geleistet, die, um den Andrang der vielen Werber zu widerstehen, ihre Umgebung, selbst ihren Vater, durch Verleugnung des Verstandes täuscht, bis sie wirklich dem Wahnsinn nahekommt. Auch nichtjüdische Personen weiß er zu treffen und unterscheidet sehr genau die Charaktere der Römer, Griechen, Polen und Ukrainer voneinander.