Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 30 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064277--16439-3089190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 iinuuiumiuiDii iunnraiuiniiiuiiiRnniiiiititffn die WAHRHEIT aber versieht die reinen Erkenntnisbegriffe mit dem subjektiven Wünschen nach Betätigung, d. h. mit dem Werte für unser Sein. Aus der Quelle des Erkennens fließt nur der eine Befehl: Erkenne möglichst die Wahrheit. Suche nach Uebereinstimmung deiner Urteile über die Dinge mit diesen. Fasse die Lagerung des Stoffes und die Verhältnisse der Form möglichst so auf, wie sie unabhängig von deinem Erkennen real sind. Erfasse das Blühen einer Blume im Zusammenhange mit dem Samen, dem sie entsprossen, dem Boden, der sie gehegt, dem wärmenden Sonnenstrahl, der sie ans Licht gerufen. Suche nach den Ursachen, die ihr Sein begründen, möglichst nach der Ursache, die allen Erscheinungen der Blume, des Blütenstempels, der Staubgefäße, der Bodenbeschaffenheit, dem wärmenden Sonnenstrahl zugrunde liegen. Das Gefühlselement aber empfängt von der blühenden Blume, ihrer Farbentracht, ihrem geheimnisvollen Nicken einen Strahl von Wärme, einen Hinweis auf sich selbst. Der herausfordert zum Vergleich mit dem eigenen Leben, zum Bewerten seines Seins in Relation zum Sein der Blume. Sie sagt uns etwas mit ihrem Streben nach Erhaltung, nach Vervielfältigung, wie wenn eine Ahnung in ihr zuckte, daß es einen morgenden Tag gebe, an dem andere Blüten an diesem Stengel in Farbenpracht und Licht baden werden. — Der Gewinn für das erkennende und für das empfindende Indvidium ist ein ungleicher, wie die beiden Arten des Erfassens verschieden sind. Die Anlage für sie war bei den Menschen von jeher ungleich. Es gab Menschen, die ganz der einen Erkenntnisart gelebt, wie Völker, bei denen die andere vorwiegend herrscht. Die einen haben mehr deskriptiven Charakter in ihrem Ansehen der Dinge, sie bescheiden sich, bei einer Beschreibung der Tatsachen, Erklärung der äußeren Erscheinungen nach Ursache und Wirkung. Sie sehen die Dinge vornehmlich vom Gesichtswinkel der Kausalität. Sie fragen nach dem Woher? — Die zweite Betrachtungsweise bezieht alles auf den Menschen, sie erwägt Zusammenhänge des äußeren Seins in Bezug auf die menschliche Empfindung. Wohin eilen diese brausenden Gewässer, zu welchen Träumen erwachen wir wohl?... Und welches ist.der Zweck all dieser Träume, in uns und um uns... Wer so fragt hat Religion. Unangesehen der Antwort, die seinen Fragen wird. Ob diese verzweifelte Frage Zeichen ergibt oder in nichtiger Selbstzerfleischung endet; oder aber über das Jetzt in milde Harmonien sich auflösen, gleichviel, die Frage selbst ist Religion. Denn Religion im tiefsten Ver¬ Stande des Wortes heißt Ereignisse und Geschehnisse bewerten vom Standpunkte des Ich. Dem religiösen Denken in seinem verstoßen würde, vergebens besann er sich, daß die schöne Hexe ja eine Christin war, und daran, seinem Glauben untreu zu werden, konnte er ja nicht einmal im Traume denken. Er wollte von Warschau fliehen, aber der Zauber war zu mächtig. Er fand die Kraft nicht. Er fing an, Buße zu tun, sich zu kasteien, in den schönsten und traurigsten Gesängen sein Herz vor Gott auszuschütten, aber es half nichts. Die unreine Macht hatte schon zu große Gewalt über ihn gewonnen. Endlich beschlossen die Großen von Wilna, hinzufahren, um nachzusehen, warum ihr lieber Chasan so lange ausblieb. Sie fanden ihn traurig und krank und waren darob sehr betrübt. Sie ließen seine Frau kommen, und erst diese nahm ihn mit sich nach Hause. Sie ließ die größten Aerzte kommen, aber keiner konnte ihn gesund machen. Sie glaubten alle, er wäre krank am Leibe, aber keiner wußte, daß ihm das Herz weh tat. Sie bereitete ihm Bäder aus Wein, aus Milch und aus Tränen, aber es half nichts. Er siechte dahin. Er fühlte nur, daß, wenn er noch einmal in der großen Synagoge vor den Altar hintreten und sich so recht sattsingen könnte vor Gott, wie in früheren Zeiten, so würde ihm leichter werden. Aber das wagte er nicht, da er fühlte, daß die unreine Macht ihn in ihrem Besitz hatte und er das Bild der Zauberin stets vor Augen sah. Nur zuweilen stellte er sich in einen Winkel und hüllte sich in das Tal'lis, und es quollen die Töne ihm von den Lippen, daß die Hörer ein Schauer ergriff und sie in Weinen ausbrachen. Einmal, als die Frau ihm ein Milchbad bereitete und ihre Tränen darin hinein vergoß, fiel eiihr um den Hals und bat. sie solle ihn sofort nach der großen Synagoge tragen lassen, denn er war schon sehr krank. In der großen Synagoge sang er das Gebet für die Genesung kranker Kinder, andere behaupten, es war die große Beichte, die er da sang, denn er fühlte, daß es mit ihm zu Ende ging. Alle Anwesenden fingen an bitterlich zu weinen. Als er fertig war. rief er: „Nun ist mir schon leichter." Und er starb. Jene Melodie aber wird noch heute in Wilna und im ganzen Lande gesungen. tiefsten Bedeuten spiegelt sich die Welt der Erscheinungen im Ich. Die Rückbeziehung der Weltereignisse auf das Ereignis „denkendes und empfindendes Ich" bleibt das allgemeine Merkmal des Religiösen. Hier begegnen wir dem Einwände, dem zufolge dieses Merkmal nicht ganz das Religiöse decke. Und dies aus zweifachem Grunde. Fürs erste erschöpft dieses Subjektivität durchaus nicht die religiösen Vorstellungen. Im Bereiche der Religion, wie diese im geschichtlichen Leben der Völker auftritt, erhebt diese den Anspruch auf letzte Erkenntnis. Das will sagen auf Erkenntnis der letzten Ursachen dies Seins, sowohl wie des SolJens. Denn die historischen Religionen bescheiden sich nicht mit der Rolle Empfindungen des einzelnen Ich darzustellen oder bloß solche auszulösen; sie schreiten vielmehr mit der Behauptung einher das Weltenich zu kennen. Fürs zweite aber, so muß man sagen, genüge obrige Bestimmung des religiösen Merkmals nicht, denn sie verwischt den spezifischen Charakter des Religiösen im Gegensatze zum philosophischen Denken. Denn Philosophie als Wissenschaft vom Allgemeinen sucht ihrerseits wiederum eine Abgrenzung gegen die einzelnen Wissensgebiete darin, daß sie über diese zu dem Allgemeinen, Gattungsmäßigen im Erkennen fortschreitet. Daß sie bei diesem ihrem Geschäfte einen starken Einschlag subjektiver Wertung des Erkennens mit sich führt, beweist ihre Geschichte. So viele Denker, so viele Weltbilder, — auch sie also ein Traumbild, in welchem unzählige Prinzen herrschen. — Der erste Einwand gegen unsere dargelegte Wertung der Religion bemängelt an (dieser die Ausschaltung von Begriffen, die die Religion für sich in Anspruch nimmt. Dort, wo es sich um den Inhalt bestimmter religiöser Anschauungen handelt, haben wir uns über deren Richtigkeit auszusprechen. Hier genügt es, zu sagen, daß das subjektive Moment den religiösen Betrachten und Werten eigen bleibt. Ob man dies als „metaphysischas Bedürfnis" bezeichnet, das über uns hinauswächst oder darin die Schranke offenbart sieht, die unserem individuellen Erkennen entgegentritt und wir aus diesem Grenzbewußtsein heraus zu einer ergänzenden Begriffsdichtung schreiten (Fr. Albert Lange) — in beiden Fällen ist unser Merkmal gekennzeichnet. Gewiß, das besonders und erschöpfende Charaktermal der Religion stellt sich erst im Ringen des historischen Lebens dar. In diesem Sinne aber verlieren wir das allgemeine T'-nnzeichen, um an dessen Stelle, eine Reihe von einzelnen geschichtlichen Typen des Religiösen zu gewinnen. D^~v' man etwa am die Religion, die das christlich© Abendland zur Blütezeit der Scholastik beherrscht, dann wird sie andere Kennzeichen haben als eben diese Religion zur Zeit der Patristik. Und wiederum andere im Denken eines Augustin, Thomes, oder dessen Vorgänger Maimonides. Dies sind aber objektive Erscheinungsformen einer Urkraft, die wir als solche in den subjektiven Bedingungen kennzeichnen wollen. Für uns handelt es sich gleichsam um Stimmungen, um jene Töne, die alle Gebiete des religiösen Denkens durchklingen. Ob dieses nun in einer poetischen Form erscheint, in dem es Innenzustände beschreibt, oder zu einer strengeren Formulierung fortgeschritten ist, wie in den Systemen der Kulturreligionen, das „Religiöse" in beiden Formen bekunden die subjektiven Elemente der Empfindung. Religion und Philosophie sind demnach in ihrem Wesen eins; im Ausgangspunkt sind sie gleich, ihre Aufgaben bleiben ähnlich: die schöpferische Tat des Gedankens und Gefühles. Die normbildende Art ihres Wirkens sichert beiden Dasein und Bestand. Wenn sie ungeachtet dieser Identität in scharfen Gegensätzen hervortreten, demnach mehr streitend als einig im Leben der Menschheit erscheinen, so liegt dies an den Inhalten, die sie mit sich führen, — nicht aber an der Aufgabe, die eine gemeinsame bleibt. — Werte bilden, die über die Sinnlichkeit hinausgehen, eine Welt schaffen, die ein einheitliches Zwecksystem darstellt: dies die schöpferische Tat des religiösen und philosophischen Gedankens. Die Aufzeigung aber des Gegensatzes von Religion und Philosophie soll den Geltungsbezirk der umwertenden Tätigkeit beider bezeichnen. Die Geschichte der KultUTreligionen ist das Feld, auf dem sich diese Umwertung vollzieht und sie bildet somit das Objekt der religionsphilosophischen Kritik. PBBPfc.