Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 30 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT nnmmmraii 3eite 3 warum diese oder jene Erscheinung eintrete. Zunächst und für lange Zeit gilt seine Frage den Dingen um sich, die äußeren Erscheinungen, die augenfälligen Veränderungen erklären, ihren Grund angeben, ist das Geschäft der erwachenden Vernunft. Erst sehr spät erwacht der Mensch zur Untersuchung seines Erkenntnisvermögens. Die Frage, ob Erkenntnis überhaupt möglich sei. setzt schon einen hohen Grad Wissens und Könnens voraus. Die ersten Vorstellungen des Menschengeschlechtes sind denn auch webt Lehren vom Erkennen (Psychologie), sondern Welterklärungsversuche (Kosmologie). Weiterklärung ist der Anfang alles Forschens in Religion und Philosophie. Kosmische Ereignisse, die Auffallendes, Neues bringen, werden zu erklären versucht. Aber eben in diesen ersten Versuchen menschlichen Denkens, im Kinderstammeln der Menscheuseele erscheint ein Merkmal, das bezeichnend bleibt für Philosophie wie für Religion. Es ist d?es der anthropozentrische Gesichtspunkt, der in den ersten Welterklärungsversuchen vorwaltet. Die ewige Beziehune der Geschehnisse der Natur auf den Menschen und sein Verhalten bleiben für lange Zeit das Kennzeichen des Philosophierens. Sie bleiben es für alle Zeit für das religiöse Denken. Während sich die rein philosophische Spekulation immer mehr nach objektiven Erkenntnis-Kriterien umsieht und die Fülle der Geschehnisse in ein Schpma zu bringen sucht, das seine Evidenz gleichsam in sich trätrt, — bleibt das religiös gestimmte Denken der stete Ausdruck von Empfindungen. Tn diesen herrscht das „Tch". das subiektive Bedürfnis vor. Hier klingen selbst in den reinsten und abgezogensten Beerriffen Stimmungen nach, die ahnungsvoll anklineen, an seine Emnfindungen die der Mensch hatte, beim Verlassen des paradiesischen Grüns. Ein sehnsuchtsvolles Vorwärtssehen in 7eiten, die vorkommen werden, ein träumerisches Rückblicken in Aeone^. die unter uns. (rleichsam unter der Bewußtseinsschwelle liegen. Die Pelicrion bleibt iede hehre Stimmunc. die über uns selbst hinaus führt zu oroohetischem Schauen in ferne Zeitläufte, wenn -»vir nicht mehr im beut'Ven Stande *?ein werden: wo unser individuelles .Jen" sein Dasein geändert haben wird. Peligion ist die unaufhörliche Antizipation der Ankunft, gemessen und gedacht an dem individuellen Sein. Die ewige Aufhebung des Tch über Gegenwart und hier mit dem Sehnen nach um so stärkerer Selbstbeiahung. Partielle Selbsthingabe. um universelle Selbstbeiahung zu erlangen, zu ersehnen. Verneinung oft einer Wirklichkeit, um eines Traumes Willen, eines ewigen unendlichen, der wie ein Strom aus unbekannten Geklüften entspringt, um in endlosem Lauf dem Weltmeer zuzuträumen... lernt hatte und auf die Tür zuging, sagte die Mutter zu ihm: ..Sohn, mein teurer, mein herziger, habe ich wenig um dich Kummer gelitten! Komm* doch mit mir heim!" Sagt der Sohn: ..Komm', ich nehme dich auf meine Flügel, und trage dich weit, weit fort: dann wirst du noch weiter gehen, und wirst sehen einen großen Palast, und drinnen sitzt ein Mann und sammelt um sich die Vögel und streut ihnen Futter. Darunter wirst du ein blaues Vögele bemerken, mit weißen Streifen: das ergreif dann schnell, stecke es in deinen Busen und mach' dich rasch davon". Dann nimmt er sie auf seine Flügel und trägt sie weit, weit. Da sagt die Mutter: „Fühlst du nicht, Kind, wie heiß es hier ist?!" Sagte der Sohn: ..Tief, tief unten ist die Hölle." Sie flogen weiter. Sagte die Mutter: „Fühlst du nicht. Kind, wie schön es hier duftet?!" Antwortet der Sohn: „Das ist das Paradies, und es duftet so schön." Er ließ sie nieder und sie ging weiter, weiter: kam sie in einen großen Palast, und sah, wie einer saß und alle Vögel zusammenrief und ihnen Futter streute. Da erkannte sie ihr blaues Vögele mit den weißen Streifensie ergreift es schnell und läuft davon mit dem Vögele. Glücklich kommt sie nach Hause, da entwischt ihr plötzlich das Vögele und sie fällt in Ohnmacht. Als sie aber wieder aus der Ohnmacht erwachte, da hörte sie die frohe Kunde, daß der Sohn schon unter der Chuppah stehe. Man hielt Hochzeit, und es war große Freude. Des Sängers Schuld und Sühne. Der Komponist der berühmtesten Synagogalmelodien. die unter den Ostiuden leben, lebte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Wilna. wo er Chasan der berühmten dortigen ..großen Schuhl" war. Er hat eine große Anzahl ergreifender Synagogenmelodien hinterlassen, die noch heute weit und breit berühmt und bewundert sind. Er starb in sehr iugendlicbem Alter. Da er nicht nur als Komponist, sondern auch als Sänger viel Bewunderung und Liebe erntete, so hat die Volksphantasie um sein Leben und seinen frühen Tod eine merkwürdige ro- Ja, einem unbekannten, großen Gefühle verdanken beide ihren Ursprung, ihren ewigen Nährboden, und wie feindliche Brüder, ihres Ursprungs vergessend, ringen sie nach Dasein. Das subjektive Moment im denkenden und fühlenden Ich hat sie geboren. Welterklärung war die Aufgabe der sie sich unbewußt und ahnungslos hingaben: Selbsterkenntnis heißt das Ergebnis, dem sie mit Bewußtheit zustreben. „Als am ersten Tage des Daseins der Mensch Sonnenuntergang sah, da bezog er dieses Ereignis auf sich. Trauernd frug er sich, ob et-wa wegen seiner Sünden die; Welt untergehe. . . . Am nächsten Morgen schon sah er, dies sei der natürliche Lauf der Dinge. Ebenso bangte es ihm bei der Abnahme der Herbsttage ... Vielleicht ist die Zeit da, wo die Welt untergehen müsse, weil ich meiner Bestimmung untreu geworden0" (Abora sara 8a.) Ethisches und Kosmologisches liefen Her unvermittelt, in natürlicher Einheit nebeneinander. Mit d;eser Sage wollte der Talmud dem Gedanken Aufdruck verleihen, wonach d'e Erkenntnis in ihren Anfängen subiektive Momente mit sich führt. Ein Charakteristikum wie dieses eignet aller Philosophie, wie Religion und verschwindet selbst in den reifsten Gebilden beider nicht. Daher das bekannte Wort Fichtes: .Teder Mensch habe eine solche Philosopi'e was für Mensch er im Grunde sei. — 7m Laufe der gedanklichen Entwicklung scheiden sich Philosophie und Peligion. Aus einem Eden fließen beide Ströme, entzweien sich in brausendem Lauf und vereinen sich wieder, durchdringen einander in eewissen Zeiten, und da scheint es fast als wü'rde ewieer Friede unter ihnen walten. Doch wie in einem brennenden Krater kochen und zischen die verschiedenen Elemente durcheinander und sondern sich, um ihr selbständiges Dasein zu beginnen. Tmmer von Neuem durchsetzen «ich die Elemente, wie wenn die Urkraft im ewigen Formen ihre Erscheinung änderte, sich hier verneinte, um ihr Dasein in neuen Gestalten zu bejahen. Jedes Auge sieht die Welt anders, jedem Denker lagert sich Form und1 Stoff in neue Verhältnisse. Licht und Scharten, Wesentliches und Unwesentliches oder mit Heraklit die Dinge von oben und die von unten — sind Verhältnisse, nach denen sich die Erscheinungen im Weltansehen gruppieren. Sie sind nicht stehende Tvnen an den Dingen, nicht die Dinge selbst, sondern die Denkelemente, die wir in ihre Bewertung hineintragen. Farbentöne, die in Tntensität und Mischung die Kraft unserer Empfindungen abbilden. Langsam und allmählich verdichten sich die subjektiven Denk- und Gefühlstöne zu festen Gebilden, aus den ersteren werden Begriffe und Sätze des Erkennens. Das Gefühlselement mantische Sage gewoben, die hier in kurzen Zügen wiedergegeben werden möge: Man nannte ihn das „Hausväterchen" von Wilna. Er war nämlich noch ein sehr junger, kleiner Knabe, als schon sein Gesang das Entzücken der Hörer derart erregte, daß man trotz seines zarten Alters beschloß, ihn. als wäre er schon ein Verheirateter, ein Hausvater, zum Chasan der altehrwürdigen großen Synagoge zu machen. Da er noch zu klein war, mußte er vor dem Altar auf einem Schemel stehen. Sein Singen war das schönste, das man iemals gehört hatte. Man gab ihm, wie jedem frommen jüdischen Kinde, eine Frau, und er war sehr glücklich. Von weiter Ferne pilgerte man nach Wilna. um sein Singen und Vorbeten zu vernehmen. Die Wilnaer liebten ihn wie ihren Augapfel und waren stolz auf ihn. Die Großen der Stadt verhätschelten ihn und erfüllten ihm jeden Wunsch. Andere große Städte bewarben sich um ihn. aber alle ihre Bemühungen waren vergebens. Endlich kamen die Warschauer und bewirkten nach langen Werbungen, daß das Hausväterchen sich entschloß, auf einen Sabbat hinzufahren und in ihrer Synagoee vorzubeten. Dort lernte ihn der große polnische Komponist Moniuszko kennen und bewog ihn, längere Zeit dazubleiben. Sein Ruhm verbreitete sich bald auch unter den Christen. Es war Moniuszkos schöne Tochter, nach anderen war es eine andere Grafentochter, der seine Lieder und sein Singen besonders gefielen. Er mußte öfters in ihren Palast kommen und vor ihr singen. Er glaubte, es wäre ihr nur um seine Stimme und seine. Lieder und Gesänge zu tun, sie aber verliebte sich mittlerweile heimlich in ihm. Einmal, als er vor ihr gesungen, ward ihm sehr heiß. Sie nahm nun ihr seidenes Taschentuch und wischte ihm den Schweiß von der Stirn: andere behaupten, sie hätte ihm mit ihrem goldenen Fächer Kühlung zugefächelt. Genug, sie gewann so die Gewalt über ihn, denn dadurch konnte sie einen Zauber auf ihn werfen. Nun entflammte er in heftiger Liebe zu ihr. Vergebens besann er sich, daß er ja eine Frau hatte, die ihm nichts Böses getan, und die er ja nicht