Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 29 (22.7.1928)
- Date
- 1928-07-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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i^s^af^fNssai^iSXSftxssHMu^Ti^v^ Seite 8 Nielsen hat wirklich seltenes Glück. Ihm wird so kurzer Hand der Ruhm einer sensationellen Entdeckung zugeschoben, die seit undenklichen Zeiten keinem Juden unbekannt war, der nur je einen Blick in eines der vielen Bücher jüdischer Gelehrter geworfen, die sich mit dem Leben und dem Tode Jesus' beschäftigten. Man könnte schon ein stattliches Buch bloß mit diesbezüglichen Ausführungen füllen. Der Hinweis auf eine einzige Stelle in der diesem Thema gewidmeten 1895 erschienenen Schrift „Jesus von Nazareth", von dem Rabbiner Dr. J. Hamburger (dem berühmten Verfasser der Real-Enzyklopädie für Bibel und Talmud) dürfte hier genügen. Hamburger schreibt, nachdem er ein erschöpfendes wissenschaftliches Material für seine Behauptungen angeführt unter anderem: „Wir sind daher vollständig berechtigt den betreffenden Bericht in Matthäus und Markus, den die anderen Evangelien: Lucas und Johannes gar nicht kennen, als Sage oder als Dichtung zu bezeichnen und die Verurteilung und Kreuzigung Jesus4 als Faktum des Prokurators Pontius Pilatus zu halten..... Jesus wurde, als strebe er nach der Herrschaft des jüdischen Staates in Palästina und als Volksaufwiegler nach römischem Gesetz zum Tode verurteilt und sollte mit einem ,Bar Abbä4 zugleich gekreuzigt werden." Man sieht, Dietlef Nielsen kommt etwas verspätet mit seiner angeblich neuen Entdeckung. Wird man seiner Beweisführung mehr Beachtung und mehr Gewicht beilegen, weil sie von einem Nichtjuden stammt? Sollte es gar den Anstoß zur Revision des zwei Jahrtausende alten Prozesses geben, der mit der Verurteilung eines unschuldigen Volkes endete? Das würde vielleicht doch ein wenig den Haß und die Hetze gegen die Nachkommen dieses Volkes eindämmen, die damals aus naheliegenden Gründen überhaupt nicht recht zu Worte kommen konnten. * * * Im Lande der Denker und Dichter wurde dieser Tage die 57. Schändung eines jüdischen Friedhofes festgestellt. Da sich die besseren Antisemiten dieser grundstürzenden Schandleistungen überzeugter Arier zu schämen beginnen, ist anzunehmen, daß wir bald in antisemitischen Zeitungen die Anklage lesen werden: die Juden halten in ihrer schamlosen Verleumdungswut jetzt schon dabei, ihre Friedhöfe zu schänden, um die Schuld auf andere schieben zu können. * * * Das Gerücht, daß der Abgeordnete Gömbös, der gewesene Chef der Rassenschützler, in die Regierungspartei eintritt und demnächst zum Staatssekretär im Kriegsministerium ernannt werden soll, wird jetzt auch durch offiziöse Mitteilungen bestätigt. Nun heißt es, daß die Regierungspartei in peinvoller Verlegenheit Mittel sucht, um zu verhüten, daß auch der Abgeordnete Hejjas, dem Beispiele seines Freundes und Gesinnungsgenossen folge. Was Hejjas betrifft, von dem einst ein mutiger Staatsanwalt erklärte, es belasten 48 Mordtaten sein Gewissen, so schämt man sich doch der Öffentlich zur Schau getragenen Intimität mit ihm. Da erinnert man sich lieber des Heine'schen Verses: „Mein Liebchen grüß' mich nicht, wenn du mich triffst unter den Linden. Wenn wir zu Hause sind, wird sich schon wieder alles finden." imiiiUBunniiuniiiiniüuiiiiii Dj£ WAHRHEIT Abraham Goldfaden. Der Begründer des jüdischen Theaters. Von Prof. Nachum Zwi Ehrlich. Ueber Abraham Goldfaden und sein Wirken als Schöpfer des jüdischen Theaters ist bis nun die Auffassung sehr verschieden. Einerseits ist es unwissender Fanatismus, der in Goldfaden einen Richard Wagner der Juden sieht, indem er als Dichter-Komponist betrachtet wird, anderseits ist es Ignoranz, die infolge der Primitivität Goldfadenscher Theaterwerke sich nicht in die Sache vertieft und über Goldfaden einfach stillschweigend hinweggeht. Und dennoch gehört dieser wahrhaft geniale Mann zu den interessantesten Erscheinungen der neuesten Epoche jüdischer Kulturgeschichte; schon aus dem Grunde, weil er als echter Jude zu den lebensbejahenden Menschen zählte, wenngleich er nicht die Kunst besaß, sich im Leben Geltung zu verschaffen. So kam es. daß andere ernteten, was er gesät hatte, so kam es, daß die Mittel zu seiner Bestattung aus aller Welt zusammengebettelt werden mußten, während schon bei seinen Lebzeiten gewisse Theaterdirektoren durch Aufführung seiner Werke ihren Säckel füllten. Es ist bekannt, daß seine „Sulamith" ins Ungarische übersetzt und in Budapest mit großem Erfolge aufgeführt wurde, und daß er von New York aus seine Ansprüche auf Rechtswegen geltend machte, ohne etwas zu erreichen. Mit vorliegendem Artikel will ich in ganz objektiver Weise ein schlichtes, aber klares Bild über das Wirken Goldfadens als Schöpfer des jüdischen Theaters entwerfen: dem Volkslyriker sei ein anderer gewidmet. Ich gehe auf keine Lebensbeschreibung Goldfadens ein, weil sie mir für den beabsichtigten Zweck überflüssig erscheint. Goldfaden wurde zu Stare-Konstantyn (Wolhynien) geboren, absolvierte als Jüngling die Rabbinatsschule zu Zytomir, machte aber keinerlei Gebrauch von seinem Studien. Bald darauf veröffentlichte er eine Sammlung von Gedichten, nach damaligem Brauche in jiddischer Sprache mit hebräischer Uebersetzung. Ein Aufenthalt in Czernowitz führte ihn mit einer jüdischen Volkssängertruppe aus Rumänien zusammen, er begleitete diese nach Jassy, woselbst er nach Jahren das erste jüdische Theater begründete. So viel sei aus seinem ereignisreichen und wechselvollen Leben zur näheren Orientierung herausgegriffen. Es wird behauptet, daß die jüdischen Kaufleute Rumäniens Goldfaden gebeten hätten, ein jüdisches Theater zu schaffen; auch sollen sie ihm mit den erforderlichen Geldmitteln an die Hand gegangen sein. Eines wie das andere scheint unrichtig zu sein, den erstens: Woher wußten die rumänischen Kaufleute, daß gerade er zu dieser Schöpfung berufen sei? Zweitens hatten die Juden Rumäniens gar kein Interesse für eigene Literatur, geschweige denn ein Bedürfnis nach einem eigenen Theater, einer Institution, die noch nirgends in der Welt bestand. Endlich fällt die Gründung des ersten jüdischen Theaters in die Zeit, da sich der russisch-türkische Krieg vorbereitete, und da hatten die rumänischen Juden ganz andere Sorgen. Eines steht fest: die Vorarbeiten, die Goldfaden zu leisten hatte, ehe er an die Ausführung seines Planes schreiten konnte, waren übermenschlich. Sein ganzes Leben war eine fortdauernde Arbeit, die er nur zufolge einer tiefen, idealen Liebe zu seinem Volke bewältigen konnte: ein fortwährender Kampf, erst gegen die Indolenz seiner Theaterbesucher, dann gegen die Theaterdirektoren, meistens seine einstigen Jünger, und später seine Brotgeber; schließlich ist er auch den Aufreibungen erlegen. Schon in frühen Jahren scheint Goldfaden an die Gründung eines jüdischen Theaters gedacht und darin seine Lebensaufgabe gesehen zu haben, doch ist er nicht Schöpfer der Idee, sondern nur Verwirklicher derselben. Die Idee hatte ihren Ursprung in den Purimspielen, deren Besprechung nicht in den Rahmen dieser Zeilen gehört. Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Ostjuden mehr Bewegungsfreiheit gewannen, erwachte auch in vielen das Bedürfnis nach einem Theater und in Ermangelung eines eigenen besuchten sie die der von ihnen bewohnten Länder. Hier fanden sie jedoch keinen wahren Genuß, wenngleich sie sich das in den seltensten Fällen eingestanden. Bei den wirklich guten Stücken war dem Juden oft die Sprache des Dichters kaum verständlich, bei Komödien und Operetten verabsäumten es die Theaterleitungen der Großstädte im östlichen Europa nicht, immer einen Juden als lächerliche oder klägliche Figur hineinzuimprovisieren, woran sich das Publikum vergnügte. Und der im Zuschauerraum anwesende Jude? Seine Vogel-