Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 29 (22.7.1928)
- Date
- 1928-07-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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F ^^^■^^yjre'ysWMg' *.JäVISnSMrSSÄ-^9T1«tSi^LgTOM §eüe 6 DIE WAHRHEIT dichterisch begabten Menschen halten. Bei der Darstellung der Hauptgestalten aber hat die Absicht, in lehrhafter Deutlichkeit einen bestimmten Gegensatz zu entfalten, das künstlerische Gefühl soweit zurücKgedrängt,daß gerade dadurch eine gewisse Schärfe der Kontrastzeichnung, eine theoretische Unlebendigkeit der Figuren entstanden ist, die der Absicht Siemers Abbruch tun könnte. Der niedersächsische Bauernsohn und der Londoner Ghettoprozeß sind allzusehr mit dem schriftstellerischem Bewußtsein, allzuwenig mit dem künstlerischen Gefühl angefaßt. Deshalb haben ihre Reden einen Grad von Bewußtheit, von rein logischer Durchbildung, die bei dem Hans Georg den Glauben an eine ganz naive, nur nach Instinkten handelnde Natur stört, die Intellektualität Goldsteins aber bis zur Karikatur überspitzt. Das rein Theoretische dieses Menschen, der zu nichts in der Welt eine Gefühlsbeziehung, zu allem bloß geistige Anknüpfungen gewinnen kann, das würde in seiner Lebenswahrheit viel bedeutsamer sein, wenn es nicht bis zur Unmöglichkeit übertrieben wäre. Denn weder die Natur noch der ihr folgende Dichter, nur der Literat und seine Tendenz kennt das absolute, das abstrakte Wesen. Auch der verstiegenste Intellektuelle hat in Wirklichkeit Kräfte des Gefühlslebens in sich und nutzt sie in erster Linie vor sich selbst, um bei seinen Entschlüssen und Handlungen die Illusion eines gemütlichen Motivs zu haben. Menschen, die so wie Siemers Figur aus der absoluten Kälte des Bewußtseins leben, dürften sehr selten sein, viel zu selten, um typische Bedeutung beanspruchen zu können. Wenn also die Gestalt dieses jüdischen Agitators, der nicht nur destruktiv ist, sondern nicht einmal vor sich selber einen rechten Glauben an den positiven Teil seiner Aufgabe nährt, künstlerisch nicht recht lebendig wird, so hat das auch für die. erzieherische Wirkung dieses Buches seine Gefahren. Denn es stellt einen allerdings vorhandenen und bedeutenden Kontrast noch viel krasser hin, als er in Wirklichkeit ist oder im Lebendigen überhaupt sein kann! Das aber war ganz gewiß nicht Siemers Meinung; und so hat der^ Eifer des Schriftstellers, der die rechte künstlerische Einfühlung unterband, hier gerade der schriftstellerischen Absicht geschadet, der reinere dichterische Kunst mehr gedient hätte. Man darf vielleicht auch hinzufügen, daß der jüdische Bauernsohn und der deutsche Intellektuelle in der Mitte doch nur eine etwas dürftige Vorstellung geben von den unendlich mannigfaltig gestuften Graden und Arten der Einwurzelung der Juden in deutsches Wesen, und auch der lebendigen Beziehungen zum jüdischen Menschentum, deren freidenkende Deutsche fähig sind. Wenn Siemer schon für seine Umrißzeichnung den Schatten Rathenaus beschwören mußte, so hätte ihm ein etwas geduldvolleres Verweilen bei dieser höchst merkwürdigen Gestalt noch ganz neue Tiefen seines Problems aufschließen können. Auch hier hat künstlerische Kargheit die schriftstellerische Absicht mehr gehemmt als gefördert. Trotzdem aber enthält das Siemersche Buch Werte, denen man die allergrößte Verbreitung wünschen muß. Schon das historische Material, das über die äußere Vergangenheit, die innere Geschichte, die Literatur, den gegenwärtigen Stand des Judentums zusammengetragen ist, scheint höchst beachtenswert. Es gibt sicher auch Juden genug, die da aus der Lektüre noch zulernen können, und ganz bestimmt sehr viele, wohl den allergrößten Teil der Christen, die ihre Sachkenntnis hier in sehr nützlicher und bequemer Weise bereichern können. Dabei ist es natürlich nicht zu vermeiden, daß ein mit so großem Fleiß und so großer Energie, aber doch erst zu einem bestimmten Zweck, in einem bestimmten Augenblick ergriffenes Material hie und da wesentliche Lücken oder Ungenauigkeiten aufweist. Als Beispiel möge ein Fall genügen, der uns hier am nächsten angeht: In einer großen Volksversammlung, in der Siemer alle Parteien des Judentums in authentischen Zitaten zu Worte kommen läßt, tritt natürlich auch ein Redner des C. V. auf — und schneidet übrigens recht gut ab. Der eine Satz, der bei dieser Gelegenheit aber der Organisation des Centraivereins gewidmet war, enthält einen sehr heftigen Fehler. Es wird gesagt, daß dieser große Verband nur „deutsche Juden liberaler Richtung" umschließt. Es gehört aber zu den wichtigsten Grundlagen des Centraivereins, daß er nicht nur die liberalen Juden, sondern auch die orthodoxen umfaßt, soweit sie gegenüber den Zionisten ihr deutsches Staatsbürgertum als entscheidend zu betonen wünschen. — Es ist ganz interessant, an solch einem kleinen Beispiel darzutun, wie schwierig die Orientierung auf einem so großen und verwickelten Gebiet für einen Außenstehenden ist, selbst wenn er so außerordentlich viel guten Willen mitbringt wie Heinrich Siemer. Die Tatsache, daß die große Mehrheit unserer Volksgenossen aus diesem Buch doch eine Fülle sehr nützlicher Erkenntnis holen kann, wird dadurch nicht erschüttert. Die Hauptsache aber bleibt, daß man von diesem Buch mehr holen kann als nützliche Kenntnisse. Es ist kein Zufall, daß es auch die künstlerisch stärksten Stellen seines Buches sind, in denen seine Liebe zum Menschen zur Formulierung reinster Erkenntnisse drängt. Sogleich zum Beginn, wenn der Schrei der gebärenden Mütter vom Londoner Ghetto und aus der Weserniederung in einer mächtigen Luftwelle zusammenfließen — während die aus langer Kulturgeschichte gewachsenen, sehr verschiedenen Wiegenlieder schon nicht mehr so rein verschmelzen können! Und dann, schon dem Ende nah, auf der Höhe der Entfremdung, das wundervolle Wort über den dumpf wütenden jungen Deutschen und den dialektisch rasenden jungen Juden, die sich Todfeinde wähnen: „Sie waren Brüder in einem hohen Sinne, weil sie selbstlos waren". — Hier bricht das Licht jener großen Gabe zum Ueberpersönlichen, zum Ideellen durch, jener Gabe, durch die der Deutsche und der Jude vielleicht in einem ganz besonderen, auch über dem allgemein menschlichen Anteil reichenden Maße miteinander verbunden sind. — Daß Siemer durchaus wohl daran tut, die tiefen, auch instinktiven Fremdheiten, die zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland und überall tatsächlich bestehen, klar hervorzuheben, das betont Max Brod. der diesem Buch ein Vorwort geschrieben hat. durchaus mit Recht. Man wird zu einer echten Verständigung niemals dadurch kommen, daß man vorhandene Gegensätze leugnet, sie unter die Bewußtseinsschwelle drängt und vielleicht gerade dadurch den Keim für eine dumpf schwelende Entfremdung schafft, die unter Umständen in tödlicher Feindschaft ausbrechen kann! Nein, es ist durchaus gut, daß Siemer hervorhebt, wieviel am typisch jüdischen Gebaren, an Tempo, Heftigkeit und Ungehemmtheit des Ausdruckes, den anderen Deutschen auffällig, erstaunlich, ängstlich sein muß. Gewiß könnte da ein jüdischer Autor unschwer eine Gegenrechnung aufmachen. Daß aus dem innersten Wesen des Judentums immer noch Aeußerungen kommen werden, die dem Nichtjuden zunächst fremd, ja beängstigend scheinen müssen, halte ich für sehr wahrscheinlich. Aber dann wird .eben alles darauf ankommen, die Kraft zu erkennen, zu zeigen, zu stärken, die durch ihren tieferen Wert, ihre höhere Gewalt diese Fremdheit überwinden kann. Max Brod kann nicht umhin, in seiner Vorrede wiederum das zionistische Ideal als das Allheilmittel für alle Fremdheit in der Welt zu empfehlen, und er möchte auch den Autor Siemer. der sich im übrigen für den Zionismus nicht sonderlich begeistert zeigt, für diese Ideen in Anspruch nehmen. Aber tatsächlich ist Siemer auf einem besseren Wege. Er glaubt nicht, da^3 das Problem der mit Deutschland tausendfältig verwachsenen Juden dadurch zu lösen ist, daß man ihrem Dasein einen inneren Mittelpunkt — in Palästina schafft! Der Boden, den ihr Geist wie aller Menschen Geist braucht, um nicht mit dem Gefühl der Erde Leben und Fruchtbarkeit zu verlieren und sich ins tödlich Abstrakte zu verrennen, der Boden ist ihnen in Deutschland, nicht in Asien gewiesen. Und daß sie ihn fühlen und ehren, ist wichtiger, als ob sie ihn wirklich mit Pflug und Spaten bearbeiten. Der Geist aber, der, um den Spalt der Fremdheit zu schließen, umgekehrt zu den all zu Erdgebundenen kommen muß, das ist nicht ein jüdischer Nationalgeist, der nur in Palästina Lebenskraft gewinnen kann. Es ist der Menschheitsgeist, der durch die Jahrtausende in diesem Volke ohne Land lebendig geblieben ist. Seltsam richtig sagt Max Brod am Schluß seiner Einleitung, daß wir in unserem Leben und in unserer Literatur nachgerade genug haben an der Lobpreisung des Elementaren und daß es JAC. MAYER Eigene MaOabiellun^ Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSe 24 Tel.R48-4-79 Für Kiütusb«amte und Verelnsfunktlon&re gegen Legitimation 10% NachlaB