Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 29 (22.7.1928)
- Date
- 1928-07-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 luiilfnTinnnmjimimnHHiiinmHnniiniriic! gg* WAHRHEIT es als Kolonie, im großen ganzen für den Sozialismus wenig zugänglich ist. In den Augen ihrer jüdischen sozialistischen Gegner sind sie verabscheuungswürdige Bourgeois. Eine von diesen blühenden Kolonien ist etwa die berühmte Weinbaukolonie Rischon le Zion, die sich außerordentlich gut entwickelt hat und deren billige und ausgezeichnete Weine namentlich in Aegypten viel getrunken werden. Sie arbeitet, ebenso wie die blühenden mustergültig organisierten Kolonien der deutschen Templer nach den Arbeitsbedürfnissen und Arbeitsmethoden des Orients unter Heranziehung eingeborener arabischer Arbeitskräfte auf einer, soweit es im Orient überhaupt möglich ist, kapitalistischen Grundlage. Die seitdem neu zugewanderten Juden sind aber zum größten Teil sozialistisch oder gar kommunistisch eingestellt, und zwar mit der überspitzten Schärfe und dem radikalen Sinn des slawischen und russischen Sozialismus. (Einwanderung 1924—25 aus Polen 51%. aus Rußland 19%, Litauen und Rumänien je 5.2%, Deutschland 1.3%.) Kommen sie doch meist aus den östlichen Ländern Europas. Mit einem starren Eigensinn und Fanatismus bemühen sie sich, sozialistische und kommunistische Theorien durchzuführen, sei es in der Exklusivität ihrer Arbeiterorganisationen, sei es mit allerlei gemeinwirtschaftlichen Wirtschaftssystemen. Wir finden ausschließlich radikale sozialistische Arbeiterorganisationen, die die Mitverwendung der wirtschaftlich in Palästina allein tragbaren billigen arabischen Arbeitskräfte unmöglich machen. Wir finden sozialistische Konsumorganisationen, die sozialistische Stadtverwaltung in Tel Aviv u. dgl. Wir finden auch kommunistische Siedelungen, die sogenannten K w u z o t h. Diese letzteren sind ganz nach kommunistischen Theorien aufgebaut: alle Einnahmen gehen in die gemeinsame Kasse: die Verpflegung ist gemeinsam: Löhne gibt es nicht; die einzelnen Funktionen wechseln unter den Mitgliedern, die in großen Gemeinschaften bis zu 400. in kleinen 30 und 40 zählen. Sogar die Leibwäsche ist manchmal gemeinsam. Eheschließung ist nicht notwendig. Die Kinder werden von der Genossenschaft aufgezogen, die auch allein über die Ausbildung zu bestimmen hat. Die Religion tritt absolut zurück. Die Entscheidung in allen Fragen hat die Genossenschaft, die Versammlung der Genossen. Diese Genossenschaften können sich wirtschaftlich, soweit sie überhaupt sich durchbringen, nur durch die großen Zuschüsse von Seiten ihrer Religionsgenossen in anderen Ländern und der zionistischen Organisation halten. Die aus der kapitalistischen Wirtschaftsordnung kommenden Gelder nehmen sie freilich „als vorausbezahlte Steuern" ganz gern an. Auch das bißchen Industrie, das sich in Palästina findet, Hegt darnieder. Wohl wurde in der offiziellen Statistik eine Menge von „Fabriken" angeführt. Allein das sind nach deutschen Begriffen nur „Gewerbebetriebe" mit sechs oder weniger Arbeitern. Die Arbeitslosigkeit ist außerordentlich groß. Ende 1926 zählte man 8000 jüdische Arbeitslose. In der rein jüdischen Stadt Tel Aviv nahmen am Osterfest 1927 von den 45.000 Einwohnern der Stadt 22.000 Arbeitslosenunterstützung in Anspruch. Daß die Not unter den eingewanderten Juden ganz ungeheuer ist. trotz der reichen Unterstützung, das zeugen nicht bloß die zunehmenden Auswanderungen; das kann jeder sehen und hören. Felix P i n n e r sieht meines Erachtens noch zu wenig dunkel, wenn er die Lage in Palästina also charakterisiert: „Menschlich eine bewunderungswürdige Leistung und zugleich ein bewunderungswürdiges Erdulden. Oekonomisch. gemessen an der Ungunst der Vorbedingungen und der Kürze der Arbeitsfrist, gewiß kein Fiasko, aber doch auch heute noch, wo sich die Verhältnisse schon gebessert haben, ein recht unbefriedigender, auf die Dauer trotz des größten doppelwurzeligen Idealismus (des nationalen und des sozialen) nicht aufrechtzuerhaltender Zustand. Denn auch die stärksten Ideale schleifen sich allmählich ab, wenn die ökonomischen Belastungen zu groß sind oder zu lange währen." (Das neue Palästina. Berlin 1926, S. 36.) Recht hat nach meinen Beobachtungen der schon genannte A. W i e n e r. wenn er schreibt: „Das zionistische Siedlungswerk gleicht einem Wagen, dem ein Pferd vorne und eines hinten angespannt ist. Das vordere Pferd — die nationale Begeisterung — will freudig und tapfer den Wagen ungeachtet aller Hindernisse vorwärts ziehen. Das hintere Pferd — der Chauvinismus, der unüberbrückbare Gegensatz der Arbeiter zu der bürgerlichen Politik und manches andere — zieht den Wagen nach der entgegengesetzten Seite, so daß, treten nicht grundlegende Aenderungen ein, die wirtschaftliche Krisis in Palästina nicht wird überwunden werden können." (Kritische Reise, Seite 115.) Die gesamten Zukunftsaussichten des Landes Palästina wage ich nicht zu beurteilen. Doch ist ganz gewiß die pessimistische Einstellung der Londoner Zeitung „Daily Expreß" nicht völlig unberechtigt, die in ihrer Nummer vom 28. Jänner 1928 schreibt: „Das zionistische Experiment in Palästina ist besinnungslos verfahren. Die jüdischen Einnahmen sind im verflossenen Vierteljahre zurückgegangen, darunter die Zolleinnahmen um fast ein Viertel. Notstandsarbeiten mußten infolge schweren Regens eingestellt werden. Und angeblich droht eine Hungersnot. Landwirtschaftlich und erst recht industriell hat Palästina keine Aussicht, jemals hochzukommen. Jetzt erst, nach zehnjährigem Zeitverlust, ist eine Sachverständigenuntersuchung der wirtschaftlichen Möglichkeiten eingeleitet worden. Die Kaligewinnung aus dem Toten Meere scheitert an Transportschwierigkeiten. Gleichzeitig versagen die finanziellen Quellen der zionistischen Bewegung, besonders aus Amerika; von der kürzlich in London aufgebrachten Anleihe von 4,5 Millionen Pfund Sterling sind drei Millionen verausgabt und 1 Million für den Bau des Hafens von Haifa, ein Projekt ohne mittelbaren Einfluß auf die Wirtschaftslage bestimmt. Demonstrationen der jüdischen Arbeiterschaft haben zu bewaffneten Zusammenstößen mit den Grundbesitzern geführt usw." Es gäbe noch manches andere zu sagen zum interessanten Problem Palästina. Denn das, was angeführt wurde, sind noch lange nicht alle Gründe, warum ein jüdischer Nationalstaat in Palästina unmöglich erscheint. Das Problem Palästina ist nicht leicht zu lösen, und wenn man nach langer Zeit einmal an die Lösung herangehen will, wird es die ganze kolonisatorische und politische Klugheit Englands brauchen, um das staatspolitische Problem wirklich zu lösen. Daß es aber durch die Gründung eines ganz Palästina umfassenden jüdischen Nationalstaates gelöst werden kann, dürfte unbedingt ausgeschlossen sein. Meyer Amschel Rothschild. Von Dr. Kurt Zielenziger. „In den Städten des Mittelmeeres, des Atlantischen Ozeans saßen die Juden, groß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch zwischen Orient und Okzident. Sie langten übers Meer, sie rüsteten mit die ersten Schiffe nach Westindien. Organisierten den Handel mit Süd- und Mittelamerika. Erschlossen Brasilien. Begründeten die Zuckerindustrie des westlichen Erdteils. Legten zur Entwicklung New Yorks die Fundamente. Aber in Deutschland saßen sie klein und kümmerlich. Im 14. Jahrhundert waren sie hier in mehr als 350 Gemeinden erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben worden. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der Behörden lebten sie 'eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür." So hat mit wenigen Pinselstrichen Lion Feuchtwanger •ein Bild gezeichnet, das schärfer als alle historischen Darstellungen die Lage der Juden zu jener Zeit charakterisiert, als der Kapitalismus in Europa seinen Einzug hielt. Vom Ackerbau ferngehalten, vom Handwerk verdrängt, von den meisten Zweigen des Handels ausgeschlossen, verbleiben ihnen nur die Geldgeschäfte. Das Geld läßt sie emporsteigen. Durch das Geld öffnen sich die Tore des Ghettos. Fürsten und Herren brauchen die Juden, weil sie ihnen die Mittel zur Macht verschaffen. Die Berührung mit den Höfen bringt den Juden Kenntnis deutscher Sitten und deutschen Geisteslebens. Die Hofjuden werden die Wegbereiter der Emanzipation. Der kurpfälzische Oberhof- und Kriegsfaktor, Kammeragent des Kurfürsten von Köln und spätere Geheime Finanzrat von Württemberg, Josef Süiß-Oppenheimer, der Jud Süß der Dichtung, ist der prominenteste Vertreter eines solchen Hofjuden. Die Unersättlichkeit des absolutistischen Fürsten zwingt ihn. immer neue Geldquellen zu erschließen. Land und Fürst sind ihm, dem Juden, Untertan. Aber sein Glanz führt zu seinem Untergang. Noch war die Zeit nicht reif, um einem Juden die Führung im Staat und der Wirtschaft zu überlassen. Noch blieb das Ghetto. Aus diesem Ghetto kam dann ungefähr hundert Jahre später der Mann, dessen Name noch heute als Symbol des Reichtums gilt. Meyer Amschel Rothschild. Dieser kleine Frankfurter Haridelsjude wurde zum Begründer eines Hauses, um das sich ein Nimbus von Macht und1 Ansehen wob, wie ihn in neuer Zeit niemals vorher und ikaum nachher wieder eine jüdische Familie besessen hat. Es war kein jäher Auf-