Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 29 (22.7.1928)
- Date
- 1928-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT ircunniinnnnmnnmi^^ Der Judenstaat in Palästina. Von P. Erhard Schlund 0. F. M.*) II. Bei meinem Aufenthalt in Palästina habe ich mich als Religionshistoriker vor allem bemüht, die Verhältnisse anzusehen nach der religiösen Seite hin und bin zu der Einsicht gekommen, daß man religiös innerhalb des palästinischen Judentums vier Gruppen unterscheiden müsse. Die größte an Zahl und Macht sind die Zionisten. die heute verhältnismäßig am meisten Einfluß in der Stadt Jerusalem und im Lande ausüben. Diese Zionisten sind durchaus nicht, wie man bei uns gerne annimmt, gläubige und religiöse Menschen, streng orthodoxe Juden, die aus religiöser Begeisterung ins Heilige Land gezogen sind. Vielmehr sind sie zum größten Teil Nationalisten, die sich vielfach um keine Religion, keine Synagoge und keinen Sabbath kümmern. Daß sie an der jüdischen Religion wenigstens äußerlich festhalten, ist nationale und Rassenangelegenheit. Die Heilige Schrift besteht nach ihnen aus alten Geschichten und Legenden: sie ist nur ein historisches und literarisches Dokument und der Messias nichts anderes als der Kulturfortschritt. Diese Leute kümmern sich überhaupt nicht um religiöse Fragen. Ihnen ist es zuerst um die Nation und dann um das Geschäft und die Wirtschaft zu tun. Aus den Zionisten heraus kommt eine andere Gruppe, die sich M i s r a c h i nennt, ohne als Gruppe freilich geschlossen zu sein. Idealisten, die den Weg durch den fernen Osten gemacht haben. Sie kamen freilich auch aus der Begeisterung für ein Ideal, weniger das nationale als vielmehr das religiöse. Vielfach gaben sie angesehene Stellungen in der Heimat auf, um hier dem Ganzen, einer idealen Gemeinschaft zu dienen. So wird mir von angesehenen Aerzten, Rechtsanwälten usw. erzählt, die ihre Praxis in der Heimat, vor allem in Oesterreich, verließen und als Pferdeknechte und dergleichen in einer Kolonie Dienste tun. Viele von diesen sind freiwillig wieder zurückgekehrt, als sie die Unerreichbarkeit ihres Ideals erkannten; andere aber sind geblieben; sie haben den Kommunismus mehr oder weniger *) Auszugsweise aus den „Münchner Neuesten Nachrichte n". Krüppel, einen närrischen Kauz, der beinahe unter dem Schnee erfroren wäre". Er sättigte den armen Chassid. und hörte nicht auf, nach seiner Art sich über ihn lustig zu machen. Dann brachte er ihn nach Sokal und dort wollte er ihn seinem Schicksale überlassen, daß er seinen Weg nach Beiz zu Fuß fortsetze. Aber er überlegte es sich: „Wie kann ich einen solchen ungeschickten dummen Menschen allein auf den Weg lassen? Der kann sich ja noch einmal hinlegen und umkommen, zum Teufel." Er brachte ihn daher im Schlitten nach dem. ersehnten Beiz. Der Chassid lebte nach jenem Ereignis noch zwei Jahre, die er dem Studium der Thorah. dem Gebet und der Buße widmete. Das alles aber tat er im stetigen Denken an die Seele seines Retters. Als er starb, fragte man ihn, wen er sich zum Gefährten erwähle. Er antwortete: „Ich wähle den Rabbi Israel Fuhrmann." Man suchte den Bezeichneten unter den Verstorbenen, aber man fand keinen Alann dieses Namens. Endlich fand man ihn unter den Lebenden. Aber seine Zeit war noch lange nicht abgelaufen. Der Chassid blieb also einsam und wartete geduldig, bis sein Genosse ankam. Als Israel Fuhrmanns Todesstunde kam. wurde im Himmel festgestellt, daß er keine Sünde im Leben unterlassen habe. Wie sollte man da einen solchen Menschen einem Gerechten zum Gefährten geben? Allein dieser trat vor Gottes Thron hin, hielt Fürsprache für den Fuhrmann, gedachte seiner Tat und aller Gebete und Büßungen, die er selber der Seele seines Retters geopfert. Vor dem Fuhrmann also taten sich unverzüglich die Pforten des Paradieses auf. Aber der Fuhrmann sagte: „Was soll ich mich da in diesem Paradiese langweilen? Beten und Thorah lernen wie die andern hier kann ich nicht." Man brachte ihm also sein Gespann hin. das er antreibt, um sich derart die Zeit zu verkürzen. Mit dem Anhören dieser seltsamen Geschichte verbrachte ich all die Zeit, da ihr mich in Gedanken versunken saht. Anmerkung. R. Meirel Promyslaner (Meir v. Przemyslany, einem kleinen Städtchen in Ostgalizien), der um die Mitte aufgegeben, wenigstens was die bolschewistische und sozialistische Form betrifft und suchen nun nach einem Kommunismus nach der Art des alten Urchristentums. Eine weitere Gruppe bilden die gemäßigten Juden, die nicht die nationalistischen Bestrebungen der Zionisten teilen, sondern ungefähr den Juden in unseren europäischen Städten gleichzustellen sind. Ihnen ist die Religion — ich meine das nicht im schlechten Sinne — mehr eine Gewohnheitssache. Und ihre Ausübung Gewohnheitsrecht und Gewohnheitspflicht, von der man sie leicht dispensiert. Mit einem für das Wirtschaftliche besonders geschärften Blick schauen sie die Verhältnisse unter den Menschen an, auch die religiösen Verhältnisse, bleiben aber für die religiösen Probleme im großen ganzen uninteressiert. Sie gehen in die Synagoge oder auch nicht, halten den Sabbath oder auch nicht, wollen Juden sein und bleiben. Ganz gegeneinander abgeschlossen ist eine andere Gruope von Juden im Heiligen Lande, die wir die Sekte njuden nennen wollen. So zäh sonst nämlich die Juden zusammenhalten, so haben sie doch in religiöser Hinsicht gar manche Spaltungen, Sekten. Obwohl die Unterschiede ganz unwesentlich und gar nicht groß sind, hassen sich diese Sekten doch hierzulande und bekämpfen sich. Es ist auch hier das, was der Religionspsychologe die Tenazität der religiösen Ueberzeugung und Ueberlieferung heißt, die eine Einigung verhindert. So unterscheiden sich in Jerusalem die Sekte der S e p h a r d i m, die meist strenggläubige Juden aus Spanien, Portugal, Mirokko und Algier umfaßt, und die Sekte der Aschkenazim mit den Peruschi m und den C h a s s id i m, meist Juden aus Nordosteuropa. Jede dieser Sekten hat ihre eigene Synagoge, die von den Angehörigen anderer Sekten nicht betreten werden darf. Auch in der gegensätzlichen Einstellung bezüglich der Probleme der Sozialpolitik und der Wirtschaftssysteme scheinen mir Schwierigkeiten zu liegen, die einem jüdischen Staate kaum eine gedeihliche Entwicklung möglich machen würden. Die Unterschiede sind zu grundsätzlich. Sehen wir einmal ab von jenem Teil der eingesessenen jüdischen Bevölkerung, der sich rein religiös einstellt und in einer geradezu staunenswerten ökonomischen und sozialen Bedürfnislosigkeit lebt, so finden wir einerseits, daß der größere Teil der früher eingewanderten Juden, die es schon vor dem Kriege zu etwas gebracht haben, sei es privatim, sei des vorigen Jahrhunderts verstarb, war eine der merkwürdigsten Gestalten des späteren Chassidismus. Die meisten von ihm überlieferten Wundergeschichten kleiden einen zarten und tiefen Gedanken in das Gewand einer derben Phantastik. vermengt mit einem gewissen Humor, wobei allerdings der Humor für unseren Geschmack manchmal unfreiwillig wirkt. Er war ein fröhlicher Asket, maßlos im Wohltun und ein Freund der Armut. Seinen Nachkommen hinterließ er den Segen, daß sie immerdar arm bleiben sollen. Er war ein Freund und Beschützer namentlich der unteren Schichten der Bevölkerung „ohne Unterschied der Konfession*' wie unsere moderne Phrase lautet. Seine Reden durchflocht er häufig mit ruthenischen und polnischen Sprichwörtern. Mehrere seiner Wundergeschichten finden sich in der chassidischen Legendenliteratur verzeichnet. Eine dieser Geschichten, welche erzählt, wie er einem kinderlosen Christen bei Himmel Nachkommenschaft erflehte, schließt mit folgendem Passus in ienem dieser Literatur eigenen formlosen Hebräisch: „Daraus können wir die Moral entnehmen, daß der Rabbi, sein Andenken sei gesegnet, auch Nichtjuden gleich den Juden beschirmte. Er machte keinen Unterschied und sagte nicht etwa, „ich werde Juden vorziehen, weil sie Kinder meines Glaubens sind", sondern hat auch Nichtjuden beschützt. Und das lernte er von Gott. „Denn du erhörst die Gebete jeglichen Mundes." Und es gibt keinen Unterschied zwischen den Bekennern des einen Glaubens und denen eines anderen, denn der barmherzige Gott braucht nur das Herz." „Denn du erhörst die Gebete jeglichen Mundes" ist ein Passus aus dem Achtzehngebet. „Der barmherzige Gott braucht nur das Herz" ist ein Satz aus dem Talmud (Synhedrin 106 b), welche schon Maimonides zur Begründung desselben Gedankens anführte. (Fortsetzung folgt.)