Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 29 (22.7.1928)
- Date
- 1928-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064276--16420-3089170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 »niiiniinniniimnmuiiraimiiummiiiniuimmiinüUiiifnininiiHmnuiuiiiiiiiiiiHruiiitt qh» WAHRHEIT Wir klagen und trauern um die Gottesstadt, weil in diesen Tagen uns alles Leid gegenwärtig wird, wie es seit Beginn der Exilswanderung über uns hereingebrochen. Jerusalem erscheint uns da als der Tränenquell, aus dem wir immer von neuem unsere Augen getränkt. Wir klagen und trauern um Zion, wenn wir an all das Schöne und Herrliche denken, das sich an diesen Namen knüpft, an die Propheten, die hier im Geiste Gottes (Jas Schwert flammender Rede geführt, an unsere Sänger, die ewige Lieder dort gesungen, an unsere Weisen, die hier gelehrt und die durch ihre Aussprüche die Lehrer der edelsten Menschen geworden, und daß gleichwohl nur langsam die Ideen des Judentums sich Bahn gebrochen. Eine solche Klage und Trauer, birgt sie aber nicht auch erhebenden Trost in sich? Wer so rückwärts schaut gewinnt er da nicht Mut zum kräftigen Vorwärtsschreiten? Und wann wäre solches mehr von Nöten gewesen als gerade in unseren Tagen? Von neuem erfahren wir es, wie es nur eines Hauches bedarf, um den glimmenden Funken des Hasses gegen unsere Glaubensgemeinschaft zur hellen Lohe anzufachen? Und wie teilnahmslos verhält man sich bei delrn Ausbruch roher Gewalten, durch die unsere Stammesgenossen unter dem heuchlerischen Schein von Gesetz und Recht von Haus und Hof gejagt werden'! Kongresse werden abgehalten, um die Stimme der Menschlichkeit gegen Haß und Fanatismus, der unter dem Deckmantel der Religion auftritt, wachzurufen und unter den Augen der Kulturvölker wird ungestört in Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Der Fuhrmann im Himmel. Einmal am Freitag abends nach der Heimkunft vom Gottesdienst, als Rabbi Meirel Promyslaner das Lied sang, mit welchem die Wochentagsengel verabschiedet und die Friedensengel des Sabbat begrüßt werden, brach er plötzlich ab, versank in ein Sinnen, und es dauerte eine lange Zeit, bis er erwachte. Die Nahestehenden fragten ihn, wo er so lange geweilt und was er erlebt habe: da erzählte er ihnen folgendes: > Wahrend ich den Wochentagsengeln das Geleit gab, gelangte ich zu den Pforten des Paradieses. Ich warf einen Blick hinein und sah, es stand ein schwerer Lastwagen da, mit zwei Pferden bespannt, die ein kräftiger, hochgewachsener Fuhrmann antrieb, während er von Zeit zu Zeit laut mit der Peitsche knallte. Darob war ich sehr erstaunt. Was hatte da solch ein Fuhrmann mit Wagen und Pferden im Paradies zu schaffen, und noch dazu an einem so vornehmen Platze? Auf meine Frage ward mir folgendes zur Antwort: Dieser Fuhrmann heißt Reb Israel. Bei Lebzeiten war er ein arger Sünder, ein loser Vogel, der keinem Frevel aus dem Wege ging, aber eine gute Tat, die er vollbrachte, öffnete ihm die Pforten des Paradieses. Das war so; aller Welt ein völliger Vernichtungskrieg gegen die Juden ins Werk gesetzt, ist das nicht Anlaß genug zur Klage und Trauer? So weit ist also die Menschheit noch von der Verwirklichung der Ideale des Judentums entfernt? Die Träne, meinen die Alten, war das Gnadengeschenk, mit dem der erste Mensch aus dem Paradiese entlassen wurde, um in seinem Leid sich wieder aufzurichten. Wer wahrhaft trauert, wer des Grundes der Trauer sich bewußt ist. der wird auch getröstet und selbst angeeifert. Unsere Trauertage wollen durch den Rückblick, zu dem sie uns anregen, zum Ausharren auf unserem Posten anspornen. Sie künden uns von vielen Leiden, aber auch von der Kraft unserer Ahnen, wie von ihrer Not, so auph von ihrem Mute. Sie künSdlen uns, welch rein ideellem Ziele ihr Streben galt; nicht um eine Weltstellung zu gewinnen, nicht um Nationen unters Joch zu beugen, sind sie Völkern und Königen entgegengetreten, es galt Haus und Altar, ihre Heiligtümer zu schützen gegen frevlen Angriff. Ist dieses Bewußtsein nicht erheben d? Wir zweifeln nicht, daß unsere Zeit trotz aller Rückschläge noch kommen wird, denn wie gesagt wir glauben zu sehr an die weltgeschichtliche Biedeutumg unserer Bekennerschar und leben in der festen Ueberzeugung, daß ein Triumph unserer Lehre ein Triumph der Gerechtigkeit und Menschenliebe sein wird. An einem Wintertage, da ein grimmiger Frost herrschte, fuhr Israel Fuhrmann mehrere Passagiere nach Sokal; alle waren in warme Pelze gehüllt und hatten sich in das Innere des gedeckten Schlittens hineingepackt, den Fuhrmann litt es nicht auf dem Bock, er stieg hinunter und schritt neben dem Schlitten einher. Da stieß sein Fuß an etwas Hartes, das unter dem Schnee verborgen lag. Der Fuhrmann blieb stehen, bückte sich und sah näher zu. Er zog unter dem Schnee einen erstarrten menschlichen Leib hervor, der hier schon mehrere Stunden dazuliegen schien. Er fing an, den leblosen Körper mit Schnee einzureiben, und goß ihm Schnaps in den Mund, wovon er stets eine volle Flasche bei sich hatte, dann hüllte er ihn in seinen eigenen Pelz und legte ihn auf den Schlitten. Als der Erfrorene ein wenig zu sich kam, erzählte er, daß er eben zu seinem Zaddik nach Beiz auf den Sabbat pilgerte, und da habe ihn die Müdigkeit übermannt und er sei eingeschlafen. Der Fuhrmann, von Natur ein plumper und ungeschlachter Mensch und ein Flegel dazu, konnte natürlich keine Ahnung davon haben, was das bedeute, zum Zaddik auf den Sabbat zu pilgern, und daß weder Fröste noch Wolkenbrüche, noch sengende Hitze imstande wären, die Seele, die sich nach ihrem Zaddik sehnt, zurückzuhalten. Er fing also an, sich über den armen Chassid lustig zu machen und ihn zu verhöhnen. „Ach du dummer Mensch, du armer Krüppel, du Taugenichts! Wie kann man bei solchem Frost eine so weite Reise zu Fuß antreten, und noch dazu in so federleichten Kleidern. Zum Rebbe wollte er gehen! Auch ein wichtiges Geschäft! Kann der Rebbe nicht einen Tag warten?" So spottete er über den erfrorenen Chassid. der mittlerweile im warmen Pelz dalag und zähneklappernd Gott dankte und seinen Retter segnete. Sie kamen nach einem Wirtshaus, um Rast zu halten. Der Wirt hieß den Fuhrmann freudig willkommen. Dieser brachte ihm allemal Gäste, die ihm Geld zu verdienen gaben, daher machte ihm seine Ankunft stets Freude. „Heute müßt ihr mir eine doppelte Portion verabreichen," rief ihm der Fuhrmann entgegen, „ich habe da unterwegs einen armen Teufel von feinem Chassid aufgelesen, einen