Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 29 (22.7.1928)
- Date
- 1928-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis «Ueser Nummer 50 Qroschen. ffloJmsAttk mit des VeröffentHAungeii der „Union denfsdhösferr. Juden** und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitisdieii Kultusgemeinde Wien" ffmiiiniiniiiiiiiininiiimiiiinniimiiiiiimiiniimniiimimmiiniifflnnHnimniminnnnmm^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestrafie Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XUV. Jahrgang Wien, 20. Juli 1928 Nummer 29 Unsere Trauertage. Mitten in die Freude der Festtagswochen, wie sie die Ferienzeit allemal darstellt, klingen hinein die dumpfen, ernsten Töne der Klage und Trauer um den einstigen Zerfall der heiligen Zionsstadt In langen drei Wochen klagt alljährlich von neuem die jüdische Bekennerschar übieir vergangenen Glanz und Ruhm; da werden in unseren Gotteshäusern unsere Propheten in ihren Strafunld Mahnreden wieder lebendig, und ein jeder in Israel wird' an Jerusalem und an das Heiligtum und dessen Herrlichkeit erinnert. Der Besonnene denkt da'bei an die Ursachen, welche vor zwanzig Jahrhunderten den gewaltigen Umschwung herbeigeführt und auch an die Folgen, die sich an Israels Exilswanderung geknüpft, und die Vergangenheit Wird ihm Lehrmieiisterin, die Gegenwart unter dem rechten Lichte zu begreifen und zu erfassen. Ganze Bände spricht ihm z. B. der eine Satz nur, den er an einem der „Trauersabbate" aus der heiligen Schrift verlesen hört: „Und die Kinder Israel brachen auf von Ramses und lagerten sich in Sukkoth." So beginnt nämlich >dler zusammenfassende Bericht über Israels Wüistenwanderung. Ramses hatte das Volk der Juden in harter, schwierer Sklavenarbeit unter der Zuchtrute ägyptischer Vögte erbaut, und Sukkoth hat seinen Namen von den Hütten, die hier Israel als ein Volk von Freien errichtete. Wer redet heute noch 'viel von Ramses, wie gewaltige und mächtige Riesentnauern es auch umgaben, — der Fluch lastet eben auf dem, was idurch Despotenhand erzwungen wirid — aber das schlichte und einfache Sukkoth ist dem Israel der Wüstenwanderung und nicht bloß diesem Geschlechte allein Symbol für den Gottesschutz geworden, der freien Menschen zuteil wird, ob sie auch in leichten, schwankenden Hütten wohnen. „Aus dem Dunkel zum Lichte, durch Kampf zum Sieg e", das ist gleichsam das Motto der Wänderungen Israelis von Aegypten bis zur neuesten Zeit. Es hat Zeiten gegeben, in denen man das Trauern um Jerusalem nicht für recht zeitgemäß angesehen. Zion ist zerstört, wir haben aufgehört ein Volk zu sein; ziemt es sich aber, über ein verlorenes Bürgerrecht zu klagen, nachdem wir mitten unter den Völkern, mit denen wir leben, mit denen wir wirken, eine neue Heimat errungen? Der Tempel ist zerstört, sind aber nicht unsere Gotteshäuser auch Heiligtümier, unter denen viele sogar als ein deutliches Zeichen von dem Opfersinn unserer Glaubensgenossen gelten können? Was soll da die Trauer, nachdem die traurigen Begleiterscheinungen! jenes für die zeitgenössische Jutieroheit gewiß entsetzlichen Ereignisses der Zerstörung Jerusalems längst geschwunden? So fragten gar Viele und suchten mit solchen Fragen die Berechtigung dieser und ähnlicher Gedenktage zurückzuweisen. Die aber verstehen den Sinn unserer Trauer nicht oder nur schlecht, welche überhaupt diese Frage erst aufwerfen. In unseren Tagen wieder, wo wir wohl die Lauesten unter den Lauen jene Erinnerungen mit begehen sehen, da tritt uns eine andere Erscheinung entgegen. die ebenso Zurückweisung verdient: unsere Trauertage werden ails „nationale" Unglückstage gefeiert und müssen für politische Bestrebungen herhalten. Wir klagen aber und trauern nicht etwa um Zion in dem Sinne, daß wir mitten unter den Andersgläubigen des Lebens nicht recht froh wenden könnten, wir uns nicht zu betätigen, unsere Kraft nicht zu entfalten und zu entwickeln vermöchten! Im Gegenteil! Wir glauben zu sehr an die weltgeschichtliche Bedeutung unserer Bekennerschar, wir leben der festen Ueberzeugung, daß wir kraft unseres Glaubens das Ferment für alle Kultur und Gesittung dargeboten, wir wissen, daß die Zerstörung von Jerusalem ein Mittel der göttlichen Vorsehung gewesen, uim die Bekenner des Einig- Einzigen in den großen Garten der Menschheit als Saatenkehnie alles Guten und Edlen hineinzupflanzen. „Am neunten Ab," sagen die Alten, „ist der Messias geboren." Ein trefflicher Gedanke! Zion mußte fallen, auf daß der welterlösenlde Gedanke von einem Gotte, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, mit seinen Trägern unter die Menschen verpflanzt wurde.