Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 28 (13.7.1928)
- Date
- 1928-07-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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immer die Schechina ruht, solches denkbar und möglich ist, sollt« in der ganzen Gola wie eine Fanfare wirken." Schalom Asch über die Krimkolonisation. Der jüdische Dichter Schalom Asch, der in den letzten Wochen in Rußland geweilt hat, besuchte in Berlin den Leiter des Europa-Werkes der American Joint Distribution Committee, Herrn Dr. ßernard Kahn, und schilderte ihm in begeisterten Worten seine Erlebnisse in den jüdischen Kolonien, die er besucht hat. Schalom Asch sieht in der russisch-jüdischen Kolonisationsbewegung: eine Erscheinung von Dauer und von großer Tragweite für die russische Judenhei't wie für das Judentum überhaupt'. Er ist des Glaubens, daß ein fester jüdischer Bauernstand in Rußland im Entstehen begriffen sei, die jüdischen Kolonien machen den Eindruck festbegründeter Siedlungen trotz zeitweiliger Nöte und Leiden infolge von Mißernte. Das Hauptverdienst gebühre der wirklich idealen Tätigkeit des Joint Distribution Committee, das in Rußland weitgehende Bewegungsfreiheit genießt. Boykott-Propaganda vor einem schlesischen Gericht. Vor dein Gericht in Hirschberg (Deutschland) hatten sich vor kurzem fünf Nationalsozialisten zu verantworten, die im Dezember 1927 die Schaufenster mehrerer jüdischer Firmen und die Schilder jüdischer Rechtsanwälte mit Hakenkreuzen in roter Farbe beschmutzt und Bürgersteige, Hauswände, Eisenbahnunierführungen und Schaufenster mit Inschriften wie „Deutsche, kauft nicht bei Juden!", „Hep, hep!" und anderen Bemerkungen verunziert hallen, die zum Teil so gemein sind, daß man sie nicht wiedergeben kann. Unter den fünf Angeklagten waren alle Altersklassen, sogar Männer von 30 und 4U Jahren vertrtlten. Das Gericht war der Meinung, daß derartige Taten, die den Tatbestand des groben Unfugs und der Sachbeschädigung ergeben, nur durch hohe Freiheitsstrafen zu sühnen seien. Nur mit Rücksicht darauf, daß die Angeklagten als Opfer der Verhetzung zu betrachten seien, verurteilte sie das Gericht nur zu einer Geldstrafe von je 100 Mark. Die Breslauer „Jüdische Zeitung" fragt: „Sind die Angeklagten dadurch bestraft, wenn irgendein Großindustrieller oder Rittergutsbesitzer ihnen die 50U Mark bezahlt? Und wie alt muß man eigentlich sein, um nicht mehr als Opfer einer gewissenlosen Verhetzung betrachtet zu werden?" Antisemitismus griechischer Haienbehörden. Der amerikanisch-jüdische Kongreß hat bei dem Departement für auswärtige Angelegenheiten der amerikanischen Regierung Klage gegen die griechischen Behörden im Hafen von Piräus erhoben, die eine ganze Gesellschaft von in Amerika wohnender Juden, die sich auf der Rückreise von Palästina nach Amerika befanden, interniert haben. Die Verhafteten stammen zwar aus Osteuropa und haben ausländische Pässe, wohnen aber seit langer Zeit in den Vereinigten Staaten. Es wurde ihnen ausdrücklich gesagt, daß sie nur deshalb interniert werden, weil sie Juden sind. Unter den Internierten befanden sich zwei hervorragende Gelehrte, der Professor am Jüdisch-Theologischen Seminar in New York, Leo Honor, und der Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem, K1 i n g 1 e r, sowie die Frau von Professor Honor. Erst nach mehrtägiger Haft wurde der Gesellschaft die Weiterreise gestattet. Der griechische Generalkonsul in New York, Herr A. C. M a c h 1 e r a s, erklärte dem ITA-Vertreter, er könne nicht glauben, daß die Maßnahme der Hafenbehörden mit der Religion der Verhafteten etwas zu tun habe, da in Griechenland Glaubensfreiheit herrscht. Er habe veranlaßt daß eine Untersuchung der Angelegenheit durchgeführt werden soll. Rumänische Justiz. Das Bezirksgericht in K i 1 i a (Rumänien) verurteilte mehrere jüdische Kaufleute, die an den Sabbat-Tagen ihre Läden geschlossen halten, zu hohen Geldstrafen und drohte ihnen im Wiederholungsfälle die Entziehung der Gewerbescheine an. Das Gericht begründete das Urteil damit, daß eine Geschäftssperre gleichbedeutend mit Stöjrung der öffentlichen Ordnung sei. Das Appellationsgericht in Ismael bestätigte das erste richterliche Urteil. — Das Bezirksgericht in Roman verurteilte den. jüdischen Rekruten Jfczig Meier zu 5000 Lej Geldstrafe und zur Tragung des Schadens, weil er während der Zugfahrt auf der Strecke Jassy—Roman, als er von antisemitischen Studenten angegriffen und blutig geschlagen wurde, die Notbremse zog. Unglaublich, aber wahr! Kunst und Literatur „Das neue Europa" (Wien-Zürich-Berlin). Mit nie erlahmender Ausdauer dient diese von Dr. Paul Hohenau redigierte Zeitschrift der Mitarbeit an der Lösung der weltbewegenden Probleme: Reibungsflächen unter den Völkern auszuschalten und Grundlagen für den Weltfrieden zu schaffen. Sie hat sich dadurch in der publizistischen Gefolgschaft des Völkerbundes eine ansehnliche Stellung erworben. Das Juli-August-Heft des XIV. Jahrganges enthält Beiträge jener internationalen geistigen Elite, die an dem großen Versöhnungswerke mitarbeitet. Als außergewöhnlich bedeutsam muß der Artikel des Professors an der Pariser Sorbonne, Henri Lichtenberg e r, bezeichnet werden, der die Fortschritte der kulturellen und geistigen Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland schildert. Dr. Paul Hohenau warnt vor der Gefahr von Unterströmungen in der deutschen Politik, die die großzügige Konzeption der Friedenspolitik seiner führenden Staatsmänner leicht stören könnte. Ueberaus eindrucksvoll sind die Erklärungen des französischen Ministerpräsidenten Poincare über die „Künftigen Beziehungen der Völker". Das Mitglied des englischen Unterhauses J. M. Ken wort hy spricht von den Schrecken des Krieges und zeigt, wie unerläßlich die weitere Festigung und Ausgestaltung des Friedensgedankens durch den Völkerbund ist. Sir Eric P h i p p s, der englische Gesandte und General B o r t ag a r a y, der Gesandte Argentiniens, betonen die Sympathien dieser Länder für Oesterreich und ihren Willen, die gegenseitigen kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu vertiefen. Der bekannte politische Schriftsteller Leopold Mandl äußert sich über das europäische Grenzenproblem und die Möglichkeit seiner Lösung. Ueber Englands Stellung zum Völkerbunde bieten die Ausführungen des Professors C. K. Webster interessante; Aufklärungen. Die Direktiven der Wirtschaftspolitik des Völkerbundes werden vom britischen Delegierten Dr. Adam S h o r 11 eingehend besprochen. Sehr bemerkenswert ist, was der türkische Ministerpräsident Ismen t Pascha über die Reformpolitik der Türkei zu sagen weiß und des weiteren, was Außenminister Eduard Benes in seinen historischen Denkwürdigkeiten über die seinerzeitige Friedensmission des Grafen Mensdorff erzählt. Der posthume Aufsatz des verstorbenen Generals A u f f e nberg-Komarow über Krieg und Politik verdient besondere Beachtung. Interesse dürften auch die Artikel von L o t i n, Dr. Friedrich W a H i s c h und Clemens Khan K o 1 i s c h e r finden. Auslieferung Wien IX., Türkenstraße 9. Paneuropa-Zeitschrift. Heft 5, IV. Jahrgang (Paneuropa- Verlag, Wien I.). Preis Mk. —.90, österr. S 1.50. Der Führer der Paneuropa-Bewegung, R. N. Coudenhove-Kalergi, würdigt hier den europäischen Politiker Stresemann, der „im großen Prozeß, den heute das deutsche Volk mit der Welt führt, der beste Anwalt seiner Nation ist. Denn er führt diesen großen Prozeß nicht auf Sieg oder Niederlage einer Partei — sondern auf einen würdigen Vergleich, durch den beide Teile moralisch und materiell gewinnen". Coudenhove hat liier den Sinn der politischen Führung Stresemanns in einem Satze erfaßt. Er schließt mit dem zuversichtlichen Ausspruch: „Seine Unterschrift wird eines Tages unter dem europäischen Bundesvertrag stehen: die Unterschrift des großen deutschen Europäers Gustav Stresemann." — Der bekannte Berliner Natdonalökonom, Wladimir Woytinski, sucht an Hand vieler Tabellen und Diagramme, die seinem sechsbändigen Werk: „Die Welt in Zahlen" entnommen sind, eine Zusammenstellung der durch den Weltkrieg entstandenen materiellen Verwüstungen zu geben. In lebendiger und fesselnder Weise gibt der Verfasser ein Bild von dem ungeheuren volkswirtschaftlichen Vermögen, das der Weltkrieg in der Form von unmittelbaren Kriegskosten, Zerstörungen, Produktionsausfall, verpufften Reparationsleistungen usw. verschlungen hat. Eine wahrlich aufwühlende, doch zugleich aufrüttelnde und zu denken gebende Aufstellung. Sie müßte Viele zu Paneuropäern bekehren. Eine Uebersicht der politischen Ereignisse der letzten Zeit vor* Hans Zehrer, Berichte aus der Bewegung und Buchbesprechungen bilden den Abschluß des interessanten Heftes. David Bergelsohn auf der deutschen Bühne. Der bekannte Berliner Theaterdirektor und Bühhenreformer Erwin