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Die Wahrheit · 1928-07-13 · Heft 28 (13.7.1928) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 28 (13.7.1928)
Date
1928-07-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite § iiiiiitiiiimiitiiiiiiinui^ Wahrheit Die Bibliothek der Wiener Kultusgemeinde. Im Leben des Alltags, in unserm häuslichen Kreise wie im großen Getriebe draußen, nehmen wir alle uns zu Gebote stehenden und unser Dasein leicht und freundlich gestaltenden Einrichtungen und Bequemlichkeiten als etwas Selbstverständliches hin. Nur selten denken wir. darüber nach, wie es früher gewesen, wie vieles man entbehren mußte, wie schwer alles zu den täglichen Notwendigkeiten Gehörende zu beschaffen war und zu welcher Anspruchslosigkeit wir verurteilt waren. Diese Gedanken drängen sich mir beim Besuche der Bibliothek der Kultusgemeinde auf. Vor Jahrzehnten habe ich sie das erstemal betreten. Ein bescheidener Raum, ein enger, wenig imponierender Bücherbestand, ein primitiver verworrener Katalog. Zeitraubend und qualvoll war es, das benötigte Werk herauszufinden. Und heute! Zahlreiche Räume, eine der reichhaltigsten Bücher Sammlungen, nach den modernsten Methoden sorgfältig gearbeitete Kataloge, auch manche originelle Spezialbehelfe, die es nicht bloß ermöglichen, das gesuchte Buch im Augenblick zu finden. Sie ersparen auch dem wissenschaftlich Arbeitenden viel Aufwand an Zeit und Mühe, indem er in diesen Katalogen für jede Materie die Literatur verzeichnet findet. Dies alles ist das Werk eines rühmlichst bekannten Gelehrten und genialen Organisators, des Direktors Dr. Bernhard Wachstein. Vor 25 Jahren, am 1. Juli, ist er als Amansiensis in die Bibliothek eingetreten. Vor etwa 15 Jahren wurde ihm die selbständige Leitung übertragen und ihm Gelegenheit gegeben, seine Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen, seine erstaunliche Arbeitskraft ungehindert zu entfalten. Er darf heute mit großer Befriedigung auf die im verflossenen Vierteljahrhundert von ihm vollbrachte Arbeit zurückblicken. Das war nicht die Arbeit eines Beamten, der seine Pflichtstunden absolviert, der sich der durch das Amt gegebenen Aufgaben vorschriftsgemäß entledigt. Das ist das Werk eines gedankenreichen, von glühender Liebe zur Sache erfüllten Mannes, der sich keine Ruhe gönnt, bis seine Einfälle lebendige Form angenommen haben und exakt durchgeführt sind. So hat er ein Musterinstitut geschaffen, wofür ihm schon des öfteren von Fachleuten aufrichtige Anerkennung gezollt wurde. Durch die mit Fachkenntnis gewählten Neuanschaffungen, besonders aber durch den auf sein Betreiben erfolgten Ankauf eines großen Teiles der Bestände aus der Büchersammlung des Rabbiners Nachum Friedmann in Sadagora ist die Bibliothek mit unschätzbaren Werten bereichert worden. Das Verdienst, diese Schätze den Gelehrten und Studierenden durch genaueste Katalogisierung leicht zugänglich gemacht, für jede Arbeit auf dem Gebiete jüdischen Wissens Hinweise auf die einschlägige Literatur gegeben und dadurch die jüdische Wissenschaft in hervorragender Weise gefördert zu haben, darf Dr. Wachstein mit vollem Rechte für sich in Anspruch nehmen. Ueberdies ist W a c h s t e i n mit seinem umfassenden Wissen und seinem erstaunlichen Gedächtnis selbst eine lebende Bibliothek. Alle, die sich mündlich in den Amtsstunden oder schriftlich von außerhalb mit wissenschaftlichen Anfragen an ihn wenden, beschenkt er reichlich aus dem quellenden Born seines tiefen Wissens, wenn dies auch für den mit seinen amtlichen Obliegenheiten und seinen Forschungen schwer beladenen Mann eine große Belastung bedeutet. Die Wiener Kultusgemeinde weiß wohl, was sie in Dr. W a c h s t e i n besitzt, auch was die Bibliothek war und was sie heute ist. Viele tiefgreifende Pläne Wachsteins für den weiteren wissenschaftlichen Ausbau der hfibliothek harren noch der Durchführung. Wir wünschen ihm hiezu ein langes, von den Sorgen des Tages freies Dasein, Gesundheit, Kraft und Freudigkeit. Dr. J. Taglicht. Qlcrrctx. Der Verband der katholischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen Oesterreichs hielt dieser Tage eine Versammlung ab, in welcher die gebotene Stellungnahme der katholischen Schriftsteller zum beabsichtigten Gesetz über die Schund- und Schmutzliteratur erörtert wurde. Stürmischen Beifall fand die Ansprache des Kardinals P i f f 1, der darauf hinwies, daß die Schund- und Schmutzliteratur eine Seuche sei, die immer größere Volkskreise und vor allem die ihr schutzlos ausgelieferte Jugend verheerend ergreift, und dies müsse alle Faktoren, die guten Willens sind, aufrütteln, dafür?u sorgen, daß unser Volk ein klares Urteil über die Größe dieser Gefahr erlange. In diesem Blatte, das bei der Bekämpfung des Antisemitismus sich stets freudig auf Erklärungen des Papstes und hoher Kirchenfürsten berief, die in dem Antisemitismus eine Verhöhnung des Evangeliums erkannten, darf wohl gesagt werden, daß jeder von wahrem katholischen Geist erfüllte Schriftsteller die von Lüge, Haß und Verleumdung strotzende antisemitische Hetzpresse sicherlich in erster Reihe zu jener Schund- und Schmutzliteratur rechnet, die wie eine Seuche die Geister und die Herzen der Jugend bedroht. * * * Ferdinand Lassalle erfährt eine große Genugtuung. Bebel hatte mehrere Jahre nach dem Tode des genialen Organisators der Arbeiterklasse mit Berufung auf dessen mündliche Mitteilungen daran erinnert, daß Bismarck es war, der Lassalles Bekanntschaft gesucht habe. Bismarck erklärte daraufhin, daß der Wunsch nach einer persönlichen Be gegnung nicht von ihm ausgegangen sei und er würde, wenn er einmal Zeit finden werde, in alten Briefen nachzusuchen, dies auch dokumentarisch beweisen. Bismarck sagte buchstäblich: „Ich hoffe dann noch die Briefe zu finden, welche den Wunsch aussprechen und die Gründe enthalten, die mich bewegen sollten, Lassalles Wunsch zu erfüllen." Der eiserne Kanzler ist zeitlebens nicht dazu gekommen,

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