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Die Wahrheit · 1928-07-13 · Heft 28 (13.7.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 28 (13.7.1928)
Date
1928-07-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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hi£ WA HR HEU jjijiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin iiiiiijmuuiüJiiiiiiiiiUiiJiiuiüiiiiiiiiiJiJiJiiiniJii, Sqüq 1 Nauheim. Alte Sagen und Märchen wissen von einer Salbe, die dem Auge die Kraft verleiht, im Erdreich verborgene Schätze zu erspähen, auch längst entschwundenes Volk zu belauschen, das, in tiefem Schacht versenkt, dort sein gespenstisch Wesen treibt. Wie so manches andere hat auch dieses Sagengut durch die Wissenschaft einen neuen Wahrheitskern erhalten. Der Geologe sieht mit wissengeschärftem Blick, wie der Boden, auf dem er steht, allmählich gewachsen ist. Er sieht hier in Nauheim, wie sich die Erdschichten so gebildet und Kalk an Schiefer so gelehnt hat, daß ganz plötzlich aus längst verlassenen Bohrungen die heilkräftigen Sprudel hervorbrechen konnten, die den unbekannten Flecken mit einem Schlage zu einem Weltkurorte ganz einziger Wirksamkeit erhoben haben. Dem Historiker aber werden mitten unter den lebenden längst vergangene Geschlechter wieder lebendig. Er sieht hier römische Legionäre und germanisches Volk ihre Salzpfannen füllen, aus fernstem Süden und Osten Händler ein- und ausziehen, die das kostbare Salz mit blankem Gold aufwiegen, sieht Jahrhunderte später Oesterreicher und Franzosen in mörderischem Kampfe um den Johannesberg ringen und allmählich das stille Dorf zum stattlichen Heilbad von Weltruf werden. Auch zur jüdischen Geschichte liefert Nauheim und seine Umgebung manchen Beitrag. Heute in nächster Nähe eine Zentrale jüdischen Lebens in Frankfurt und ringsherum eine Menge bedeutender Gemeinden, so daß in einem Radius von zwei D-Zug-Stunden mehr Pflegestätten jüdischen Lebens sich zusammendrängen, als sie so manches Land im ganzen aufzuweisen hat. Nimmt man hinzu, daß diese jüdischen Siedlungen zu den ältesten Deutschlands, ja zum Teil Europas zählen, so ermißt man die Fülle und Mannigfaltigkeit des geschichtlichen Stoffes, den sie jedem bieten, der jüdischen Dingen sein Augenmerk widmet. Ueberdies wird durch Veranstaltungen, wie diesmal die höchst beachtenswerte „Ausstellung religiöser Kunst in Hessen" mit zahlreichen wertvollen jüdischen Gegenständen in dem schönen Marburg, also eine Schnellzugstunde von Nauheim entfernt, und die „Pressa" in Köln, so viel des Sehenswürdigen und Lehrreichen geboten, daß es sich schon darum lohnte, diesen von der Natur begnadigten, alten Kulturboden mit seiner Häufung alter wie moderner Anziehungspunkte einen Besuch abzustatten. Wie die anderen Städte und Dörfer der fruchtbaren Welterau mit ihrem wohlhabenden Bauernstande weist auch Nauheim schon im Mittelalter eine jüdische Ausiedlung auf. Die Geschichte dieser Juden Nauheims und der nächsten Nachbarschaft zu beschreiben, erschwert allerdings der Umstand, daß lapidare Dokumente, wie Gra.bschriftcu aus älterer Zeit nicht vorhanden sind und das Aktenmaterial in den Archiven von Hanau, Darmstadt, Marburg, Wiesbaden, Friedberg und anderen Städten, zerstreut ist. Hat doch das kleine Nauheim nicht nur so und so oft den Besitzer gewechselt, sondern zu einer Zeit in zwei Teilen zwei verschiedenen Herren gehört, wie ja auch die Juden Frankfurts in drei Gruppen zerfielen: die Kaiserlichen, die durch Karls IV. Verpfändung an die Stadt gekommen waren, die Mainzischen, die die Stadt vom Kurfürsten von Mainz gekauft hatte, und endlich jene Mainzischen, die pfandweise dem Mainzer Erzbischof gehörten. So recht anschaulich die Tragik des jüdischen Leibeigenloses! Einige dieser Weiterauer Gemeinde, wie die zu Münzenberg und Friedberg, sind aus der jüdischen Literaturgeschichte oder durch monumentale Reste aus alter Zeit (Judenbad, Rabbinerhaus) bekannt. Nach Analogie dieser und anderer Schwesterniedeiiassungen darf man wohl auch die erste in Nauheim um die Mitte des 14. Jahrhunderts ansehen. Wenn die Juden von Frankfurt 1337 beim Kaiser petitionieren, er möge dem Treiben der „Judenschläger" auf dem benachbarten Lande Einhalt gebieten, oder wenn 1349 die Juden dieser Gegend unter den Auswirkungen des Schwarzen Todes so schwer zu leiden hatten und so herabkamen, daß ein Schriftsteller des 18. Jahrhunderts der kühnen Vermutung Raum geben konnte, aus den damals vertriebenen und in Wälder und Höhlen geflüchteten Juden seien die Zigeuner geworden, so dürften zu den Heimgesuchten auch Nauheimer Juden gehört haben. Man braucht ja nur daran zu erinnern, daß aus Städten, z. B. Frankfurt, vertriebene Juden sich in benachbarte Dörfer retteten, wo sie sich oft des tatkräftigen Schutzes der Gutsherrschaft zu erfreuen hatten, die die Juden als Einnahmequelle willkommen hieß, während sie in den Städten als Konkurrenten unbequem geworden waren. Bis zu 60 verschiedenen Steuern kann man aufzählen, die den deutschen Juden im Mittelalter aufgebürdet wurden. 1464 kamen Abgesandte des Markgrafen Albrecht von BrandenfrieiiftriDeitsft XI.. im. - 11|MII |ft Seite nstetteitgaase 2 Tel. 68-1-28 Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. 98-0-8S barg nach Hanau, zu dem Nauheim damals gehörte, um von den dortigen Juden den dritten Pfennig, die Kronsteuer für den Kaiser ehizuiordern. (Marburger Staatsarchiv, Abschritt im Nachlasse des Dr. Lindenstruth, durch gesch. Vermittlung des Herrn Dr. Alartin, Nauheim.) Das war nur eine der Abgaben au den Kaiser, neben denen aber noch an die LandesheiTschuic und in den Städten an den Magistrat, ja außerdem an die Geistlichkeit bis zum Nachtwächter und Scharfrichter Steuern zu entrichten waren. Gerade aus der Nauheimer Gegend hören wir von Betträgen der Juden zur herrschaftlichen .lagdverwuitung, für die Kanzlei, den Landbeieiter, zum Hussen (Hussiten), Geld zur Türken-Steuer, sie mußten für die Herrschaft Gänse mästen, Pergament liefern, für die Schützen Tuch, stets Würfen bei sicit tragen, um an jeder Zolisteile außer dem Betzoll, ja, jedem, der ihnen begegnete und es begehrte, ein Pasch Würfe auszufolgen. Selbst von den Judenleiehen wurde ein Totenzoll, ein „Wildgeld*', erhoben, bemerkenswert ist, daß man, wie allgemein die Merkfahne, in jener Gegend eine besondere Judeniahne hinaussteckte zum Zeichen, daß nunmehr die Juden auf dem Markte ihre Einkäufe besorgen durften. Hier durfte mau sagen: Wer den Spott hat, braucht ihr den Schaden nicht zu sorgen. Neues Licht Luit aus Hanaus Weistümern auch auf die schmähliche Form des alten Judeneides. Der schwörende Jude mußte auf einer Schweinshaut oder einem dreibeinigeu Stuhle stehen. In jenen Weistümern ist nun für die allgemeine Eidesleistung von einem dreibeinigeu Sessel und einer Bockshaut beim Oifeiibarungseide die Rede. Auch sei erwähnt, daß im Gegensatze zu dem heimischen Rechte vom „Rottweüerisehen" oder „Kotwelscheu" Rechte gesprochen wird. Aus dem erwähnten Nachlaß hat nun Dr. Marlin im „Bad Nauheimer Jahrbuch" (7. Jahrg. 1928, Nr. 1/2) eine Urkunde des Dannstädier Staatsarchiven des folgenden Inhalte^ veröffentlicht: Der Jude Gumprecht in Nauheim hatte daselbst ein Haus gekauft, in dem er 1523 wohnte. Der Grat von Hanau gestatte ihm aber nicht, das Haus zu bei .dien. Er sollte es verkaufen. Da er jedoch keinen Käufer iand, verkaufte er es dem Grafen für 30 Gulden derart, daß er kein Geld erhielt, sondern noch zehn Jahre das Haus bewohnen durfte, wobei der jährliche Hauszins mit 3 Gulden berechnet, somit in zehn Jahren die Kaufsumme abgewohnt wurde. Der Jude mußte die Unterhaltungskosten und die auf dem Hause iahenden Abgaben diese zehn Jahre hindurch bezahlen, und wie die anderen Juden der Grafschaft Hanau, alle drei Jahre seinen Freibriei nehmen. Indes wohnte er noch 1536 in Nauheim; denn in diesem Jahre wurden ihm IUI) Gulden Türkensteuer abgefordert. Einem anderen Nauheimer Juden, Abraham, wurde 1539 der Bescheid, daß er 20 Achtel Hafer Türkensteuer zu liefern habe. Wolle er wegziehen, so solle er 20 fl. für den Abzug, 300 fl. für sein Haus und 20. fl. auferlegter Türkensteuer zahlen. Auch dürfte dann kein anderer Jude in Nauheim aufgenommen werden. Wir hören, daß 1539 und 1543 den Juden der Aufenthalt in Nauheim und Rompenheim verboten wurde. Doch ist es fraglich, ob diese Maßregel durchgeführt wurde. Aus neuester Zeit möge hier noch eine Begebenheit Erwähnung finden. Vor etwa 50 Jahren suchte ein krankes Judenmädchen hier in Nauheim Unterkunft und Pflege. Da sie die nicht fand, ging sie nach dem nahegelegenen Friedberg. Unterwegs brach sie aber zusammen und so wurde sie entseelt aufgefunden. In der Nauheimer Synagoge wird an ihrem Todestage ein Seeletdicht gezündet und Kaddisch gesagt. Man brachte mit diesem traurigen Zwischenfall auch den auffallenden Umstand in Verbindung, daß eine Reihe angesehener Gemeindemitglieder in der Blüte der Jahre kurz nacheinander dahingerafft wurde. Der älteste, heute noch erhaltene Friedhof der Nauheimer Gemeinde liegt mitten im Walde auf dem Wege von Johannesburg zum Waldhaus. Ein Grabstein deutet an, was durch das Gemeindebuch bestätigt wird, daß ein junger Kurgast (aus Lindow, Kreis Ruppin), dessen Leiche man im Teich gefunden, 1859 hier beerdigt wurde. Nach einer anderen Angabe desselben Buches muß hier spätestens 1763 eine jüdische Gemeinde bestanden haben. Dr. M. Grunwal d.

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