Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 28 (13.7.1928)
- Date
- 1928-07-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT »uihniinutiim^^ Seite ö einen Seite der alte, nach der Weise der Väter fromme Rabbi, der Repräsentant von zehntausenden Jerusalemer Juden, der nur sein himmlisches Jerusalem kennt, der auf den Messias und auf den Tempel hofft und auf die Zeit, wo ,von Zion ausgehen wird die Lehre und des Herrn "Wort von Jerusalem,' — und auf der anderen Seite der zionistische Volksschullehrer, dem Bibel und Talmud reine Literaturprodukte, nicht Grundlagen der Frömmigkeit und des Rituales sind, dessen religiöser Glaube darin besteht, daß einst der jüdische Nationalstaat grünen und blühen wird. Ja selbst zwischen den eingeborenen palästinischen Juden und dem modernen Zjonisten, der. von auswärts kam, haben sich Gegensätze aufgetan. Man hört in Jerusalem öfter, di'e eingeborenen Juden werden von den Zionisten nicht angestellt und beschäftigt, weil sie national nicht so zuverläsig seten." (Fortsetzung folgt.) Brief aus Polen. Von B. B u g a, Skala, n. Z. Erst drei Monate sind vergangen, seitdem die jüdische Bevölkerung in Polen oder richtiger gesagt ihre zionistischen Vertreter bei den Sejm wählen eine vernichtende Niederlage erlitten haben, noch sind die Wunden nicht vernarbt, und schon beginnen die Herren auf den Schultern der jüdischen Massen, von persönlichen Interessen geleitet, sich um die Beute führender Stellen im Sejmklub zu raufen. Minimal ist die Zahl dieser „auserkorenen" Vertreter, aber groß und schwer lastet die Not, die noch durch hinaufgeschraubte hohe Steuern sich gegenwärtig ins Unermeßliche gesteigert hat, auf den polnischen Juden. Mit tiefer Wehmut empfinden es alle Schichten der jüdischen Bevölkerung, daß gerade in einem Zeitpunkt schwerer Krise, da die Einheitlichkeit zum Kampfe unter einer Fahne ein Ding der Notwendigkeit wäre, sich ihre Vertreter gegenseitig zerfleischen und einen wahren Guerillakrieg, wie er ärger nicht mehr vorkommen kann, führen. Der jüdische Sejmklub zählt gegenwärtig 17 Mitglieder, davon gehören 7 Deputierte und 4 Senatoren der kongreßpolnischen Bevölkerung an, während der Rest aus galizischen Abgeordneten besteht, so daß der Zahl nach die kongreßpolnischen Vertreter eine überwiegende Mehrheit bilden. Aber die Minderheit ist noch immer stark genug, um in entscheidenden politischen Augenblicken die Oberhand zu gewinnen, da es mit einer festen Einigkeit im anderen Lager auch nicht so rosig bestellt ist. Es kann somit nicht Wunder nehmen, wenn das P r äs i d i u in des Klubs bis vor kurzem unbesetzt war und es bei jeder wichtigen politischen Angelegenheit zu einer Spaltung zwischen den beiden zionistischen Gruppen kommt — so was ist bekanntlich bei Zionisten auch möglich. Nur geringen Anlaß bedürfte es, sei es von Außen oder Innen her, um den gänzlichen Riß in diesem morschen Gebäude darzutun. Die kongreßpolnische Gruppe ist äußerlich wie innerlich streng jüdischnational, weicht von ihren politischen Forderungen nicht um ein Jota ab, ist ebenso unnachgiebig wie unbeugsam und fordert von ihren Parteigenossen strenge Disziplin. In fortwährender Opposition gegenüber der Regierung beharrend, jedem Mittelweg zwischen den friedlichen Elementen des jüdisch.en Volkes und der Regierung ausweichend, finden sie einen Stützpunkt in der Person des Herrn Grünbaum, der ebenso große Popularität wie Anfeindung im jüdischen und im polnischen Lager genießt. Die galizische Gruppe ist ebenfalls jüdischnational, aber nicht so völkisch angehaucht wie die kongreßpolnische, sie weicht in ihren Forderungen gegenüber der Regierung auch in keinem Punkte ab, ist aber realpolitisch und friedlich gesinnt. Nicht stets in strenger Opposition beharrend, nicht hinter sich alle Brücken der Verständigung abbrechend und stets einen Mittelweg zwischen dem jüdischen Volke und der Regierung suchend, wird sie geleitet von dem allseits beliebten Dr. Leon Reich, dessen Freunde sich weit über den Grenzen seiner eigenen Partei, so auch in der Regierungspartei und anderen polnischen Parteien finden, der aber von den antisemitischen Parteien und ebenso ron den jüdischen völkisch angehauchten Nationalisten bis aufs Aeußerste bekämpft wird. Die große Schlacht, in der es zwischen diesen beiden Gruppen zu einem Zusammenstoß kam, war die Budgetdebatte im Seim. Die Regierung legte das Budget für das Jahr 1928/29 dem Sejmplenum vor; dafür waren die Regierungs- und andere kleine Parteien unter gewissen Vorbehalten, dagegen die Extremen auf der Rechten und Linken wie auch teilweise die nationalen Minderheiten. Die Extremen auf der Rechten, die in heftiger 'Opposition zur Regierung stehen, bekämpfen dieselbe, weil sie in ihr die Ursache ihrer gewaltigen Niederlage finden, die Sozialisten sehen in der Regierung Renegaten ihrer Sache und bezichtigen sie des Verrats an derselben; schließlich bekämpfen Teile der nationalen Minderheiten, besonders der territorialen, die Regierung, weil sie in ihren nationalen, kulturellen und wirtschaftlichen Forderungen begrenzt sind und bisher kein Entgegenkommen fanden. Aber als es zur Abstimmung kam, zerschmolz die ganze Opposition auf 55 Stimmen, was genügend beweist, wie weit oft der Weg von Worten bis zu Taten ist. Vor der Abstimmung im Sejm versammelte sich natürlich auch der jüdische Sejtnklub, um Stellung zum Budget zu nehmen, und hier stieß das Pro und Kontra mit solcher Wucht zusammen, daß es schließlich zu einer B 1 am a g e kam. Grünbaum, dieser unbeugsame Pharisäer des Nationalismus, bot seine ganze glühende Beredsamkeit auf. um den Klub zu überzeugen, daß der einzig richtige Weg zur Linderung der jüdischen Not angeblich der sei, nur gegen das Budget zu stimmen. Jedwede Nachgiebigkeit und Stimmenthaltung sei nur Oel in das Feuer der Judenfeinde. Nur ein Kampf gegen die Regierung bis aufs Aeußerste. zusammen mit allen Minderheiten, werde in Zukunft Erfolge zeitigen. Die Gegenausführungen seines Antipoden Dr. Leon Reich gipfelten darin, daß der Kampf gegen die wirtschaftliche Bedrückung ein gemeinsamer mit allen Bevölkerungsteileii sei und hier alle eine Sprache sprechen. Auch er und seine Genossen haben in jahrelangen Kämpfen gegen die Regierung um die Rechte der polnischen Juden Proben ehrenhaften und würdigen Mutes bewiesen, aber der gegenwärtige Zeitpunkt ist nicht geeignet, um eine Opposition bis aufs Messer zu treiben. Wer kann den Juden in ihrer gegenwärtigen katastrophalen Lage helfen? Vielleicht die polnischen Nationalisten, (die bereit sind, alles, was jüdisch heißt, mit Stumpf und Stiel auszurotten und die Rückkehr ihrer Herrschaft ersehnen, oder vielleicht die linken Bauernparteien, welche alle Hebel in Bewegung setzen, um auf Kosten der städtischen Volkesmassen, also vor {allem der jüdischen, die Steuern ihrer Wähler auf dem Lande zu entlasten. Und zwischen dieser Skylla und Charybdis kann ja nur die Regierungspartei als einziger Rettungsanker dienen, deren Vertreter von der Seimtribüne aus wiederholt offenherzig ihren Unwillen über die ungerechte Steuerbemessung ausdrückten. Da aber eine Unterstützung der Regierung aus politischen Motiven unmöglich sei, so bezeichnete Dr. Leon Reich statt des Dagegenstimmens Stimmenthaltung als den goldenen Mittelweg. Seine Worte fanden wohl ein Echo bei seinen Anhängern, aber bei der Abstimmung im Klub war eine überwiegende Majorität für den Antrag Grünbaum, gegen das Budget zu stimmen. Als es aber zur Abstimmung über dasselbe im Seim kam. war die jüdische Opposition nur mehr sage und schreibe vier Stimmen stark, der Rest meldete sich krank und blieb absichtlich ferne, was ganz deutlich bewies, welch enorme Rolle bei diesen Herren die Verantwortung spielt. Herr Grünbaum, der sich schon als Sieger wähnte, war nur ein Prediger in der Wüste. Dennoch stellte der Deputierte Dr. Rosmarin von der Gruppe Dr. Leon Reichs den Antrag, zum Präsidenten des jüdischen Sejmklubs Grünbaum zu wählen, was auch einstimmig geschah. Die Reich-Leute wollten im Präsidium gar keinen Sitz einnehmen, um ganz d i e Verantwortung und die Konsequenzen den Grünbaum-Leuten zu überlassen. Somit ist Grünbaum der Allgewaltige im Klub. Aber nicht die Parole „Nach mir die Sinflut!", wie sie die Grünbaumsche Politik Jahrelange zum Schaden der jüdischen Bevölkerung