Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 28 (13.7.1928)
- Date
- 1928-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 « nmiiuiinuiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!ii:i DIE WAHRHEIT Die englisdie Regierung hatte sogar ausdrücklich den ihr vorgeschlagenen Text: „Die Wiedererrichtung Palästinas als nationaler Heimstätte des jüdischen Volkes" abgelehnt. Die englische Regierung band sich weiter durch ihre Erklärung in § 4 des Mandatstextes für Palästina vom 24. Juli 1922, die sogenannte Agency-Bestimmung, in der es heißt: „Eine angemessene jüdische Vertretung (Jewish Agency) soll als eine öffentliche Körperschaft anerkannt werden zu dem Zwecke, die Verwaltung Palästinas in solchen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten zu beraten und mit ihr zusammenzuwirken, die die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte (Jewish national home) und die Interesen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen und, immer vorbehaltlich der Kontrolle durch die Verwaltung des Landes, zu helfen und teilzunehmen. Die zionistische Organisation soll, solange ihre Organisation und Verfassung nach der Meinung des Mandatars angemessen sind, als solche Vertretung anerkannt werden. Sie soll, im Einvernehmen mit seiner Britischen Majestät Regierung, Schritte unternehmen, um die Mitarbeit aller Juden zu sichern, die gewillt sind, bei der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu helfen." Es entspricht der Klugheit, englischer Politik, daß sie sich mit keiner dieser Erklärungen irgendwie festgebunden hat. Denn beide Erklärungen enthalten Klauseln, die auszulegen noch in der Hand der englischen Regierung als Mandatsmacht liegt Die englische Regierung führt ihre Verwaltung durch den Oberkommissär in ihrem Sinne und nach den allgemeinen Absichten der englischen Politik. Vertreter der Einwohner sind für die obere Verwaltung nur Ratgeber, über deren Rat sich hinwegzusetzen dem Oberkommissär nicht schwer fällt. Sind mir doch Fälle bekannt geworden, in welchen Eingriffe der obersten Landesleitung zum Beispiel in der Rechtsprechung in einem Maße erfolgten, das wir in unseren Landen nicht für möglich hielten. Doch in allen mir bekannten Fällen waren diese Eingriffe zugunsten des Landes. Ueberhaupt möchte man gerne den Eindruck gewinnen, daß sich die wahren Interessen des Landes, zurzeit wenigstens mit den Interessen der englischen Politik decken und daher eine Aenderung der politischen Verhältnisse im Lande nicht zu begrüßen wäre. Wie überall in ihren Kolonial-Ländern, so verstehen die Engländer auch in Palästina, sich möglichst unsichtbar zu machen. Man sieht viel Landespoldzei, aber verhältnismäßig wenig englische Polizei und englisches Militär, überhaupt englische Uniformen. Ich glaube übrigens, viel mehr französische Uniformen in Palästina gesehen zu haben als englische. Denn die französischen Truppen, die in Syrien liegen, bekommen sehr viel Urlaub zum Besuche der heiligen Stätten der Christenheit in Palästina und erscheinen in größeren Abteilungen in voller Uniform überall in der Stadt, beteiligen sich auch an religiösen Veranstaltungen in Uniform und machen damit, nebenbei bemerkt, vor allem auf die christlichen Einwohner den besten Eindruck. Auch englische Zivilbeamte trifft man kaum. Sie benehmen sich außerordentlich unauffällig und verstehen sich zurückzuhalten. Ich selbst kam amtlich nur mit einem einzigen oberen englischen Beamten zusammen. So wird der äußere Eindruck der Besetzung durch eine fremde Macht auf ein Minimum herabgedrückt. Anderseits wird freilich auch das Bewußtsein, mitreden zu dürfen, sowohl bei Juden wie bei den Arabern dadurch gehoben, daß nebensächliche Dinge der Stadtverwaltung und den Beratungskörpero vorgetragen werden. Aber von Absichten der Engländer, einen jüdischen Staat einzurichten, merkt man wenigstens in der Stadt Jerusalem selbst noch nichts. Gewiß haben die Juden einen bestimmenden Einfluß auf manche Dinge, und es wird in den nichtjüdischen Kreisen über diesen Einfluß auch entsprechend geklagt und geschimpft. Eher könnte man diesen Einruck in rein jüdischen Siedlungen gewinnen. So hat zum Beispiel die berühmte jüdische Kolonie Tel Aviv eine rein jüdische (sozialistische) Verwaltung. Allein das sind halt doch nur Siedlungen, Kolonien mit ihrem Selbstverwaltungskörper, aber nicht das Land, nicht der Staat. Im Gegenteil, die Zukunftshoffnungen, daß das Land», wenn einmal die Mehrheit seiner Einwohner lesen und schreiben könnte, sich seine staatlichen Autoritäten würde selbst wählen dürfen, werden von den englischen Machthabern mit stummem Schweigen, in engeren Kreisen auch mit einem Lächeln beantwortet. Und immer wieder wurde ich darauf hingewiesen, daß den Juden ja nur eine Heimstätte, nicht ein Staat versprochen sei; die Verhältnisse müßten sich noch gewaltig klären und heben. Das einzige, was möglich erscheint, wenn auch in weiter, weiter Ferne, wird die Herbeiführung eines staatlichen Zustaudes sein, wie er etwa in der Schweiz herrscht. Das seit 1927 eingeführte Palästinageld mit seiner Aufschrift in englischer, arabischer und hebräischer Schrift möchte diesen Eindruck erwecken. Aber ich glaube nicht, daß im Ernst schon irgendein maßgebender Kenner der Verhältnisse hier mit Jahren rechnen wird, vielleicht nicht einmal mit Jahrzehnten. Auch dia Verhältnisse im Lande selbst scheinen so schwierig zu sein, daß die Errichtung eines rein jüdischen Nationalstaates unmöglich sein dürfte. Was die Bevölkerungsverhältnisse betrifft, so finden wir folgende Sachlage: Nach der amtlichen Zählung vom 1. September 1926 beträgt die Gesamteinwohnerzahl 887.000 Seelen. Davon waren Mohammedaner 641.000 oder genau 72.27 Prozent; Juden 158.000 oder 17.81 Prozent; Christen aller Bekenntnisse 78.000 oder 8.8 Prozent und Sonstige, deren Konfession nicht festgestellt werden kann, etwa 10.000 oder 1.12 Prozent Wichtig ist natürlich die jüdische Einwanderung. Die Zahl der Juden ist von 11 Prozent im Jahre 1900 auf etwa 15 Prozent im Jahre 1914, auf 17.8 Prozent im Jahre 1926 gestiegen. Doch scheint heute die Einwanderung zurückzugehen und mehr Juden ausals einzuwandern. Nach den Angaben der Regierung sind in den Jahren 1922 bis 1926 rund 75.000 Juden ein- und 16.520 ausgewandert, so daß ein Einwanderungsüberschuß von rund 58.480 festzustellen wäre. In den ersten fünf Monaten des Jahres 1927 sind aber 1052 eingewandert und 2032 ausgewandert, so daß 980 Seelen mehr ausgewandert sind als eingewandert. Die Zahlen für die zweite Hälfte des Jahres 1927 stehen mir leider nicht zur Verfügung; ich kann also nicht feststellen, ob die Auswanderung auf der gleichen Höhe blieb. Wichtig sind für ein Land wie Palästina auch die Bodenbesitz Verhältnisse. Nach A. Wiener (Kritische Reise durch Palästina, Seite 24 ff.) beträgt der gesamte Boden des Mandatsgebietes Palästina 23.100 Quadratkilometer (Oberbayern und Niederbayern zusammen messen 27.470 Quadratkilometer, sind also größer als ganz Palästina) oder 19,800.000 Dunam (1 Dunam 919 Quadratmeter). Davon ist anbaufähiger Boden rund 9,000.000 Dunam. Von diesen gehören den Juden überhaupt etwa 1,000.000 Dunam 919 Quadratkilometer, den Zionisten rund 200.000 Dunam rund 185 Quadratkilometer. Dieser jüdische Bodenbesitz ist freilich auch wieder in den Händen von verschiedenen durchaus nicht übereinstimmenden Gesellschaften und Privatleuten. Schon aus diesen statistischen Tatsachen ergibt sich, daß der Errichtung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina ganz bedeutende, wenn nicht unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege stehen. Wenn nur 17.8 Prozent der Bevölkerung Juden, nur 11 Prozent des Bodens in den Händen der Juden sind, wenn noch dazu wenigstens in der letzten Zeit mehr auswandern als einwandern, dann muß trotz allem Fanatismus der Araber und trotz ihrer Uneinigkeit, trotz der verhältnismäßig immer noch reichen Geldlinterstützung der Juden durch ihre Glaubensgenossen außerhalb Palästinas, trotz aller möglichem Förderungen es immer noch 'ein weiter Weg sein zur Errichtung eines jüdischen Nationalstaates. Denn die Judenfrage, die Bodenbesitzfrage und viele andere Fragen müßten unbedingt vorher noch gelöst werdtem. Dazu kommt aber noch eine andere große Reihe von Schwierigkeiten, die in der jüdischen Bevölkerung selbst liegen. Diie Juden in Palästina sind alles eher als eine einheitliche Masse. Was die innervölkischen kulturellen Unterschiede betrifft, lasse ich Wiener sprechen, der gewiß mehr Einblick gewinnen konnte als ich. Er sagt: „Jedenfalls ist der Unterschied in Jerusalem zwischen den verschiedenen Juden aus aller Herren Länder, die sich dort zusammenfindien, vorerst unverwischbar und unüberbrückbar. Auf der einen Seite der englisch-zionistische Beamte, der im weißen Sportanzug soeben vom Polo gekommen ist, in einem Heim von erlesenem Kunstgeschmack gerade seinen Tee einnimmt, — auf der anderen Seite der Jude aus Buchara in der bunten Farbenpracht des persischen Volkes, der in Strümpfen auf seinem Djyan hockt und ein persisches Buch studiert. Auf der einen Seite der Chaluz aus Rußland mit der bis an den Hals hinauf zugeknöpften russischen Jacke, vollkommen aufgehend in zionistisch-sozialistischem Ideal, russische Lieder singend^ hebräisch sprechend— und auf der anderen Seite der deutsche Ingenieur, alter Freund des Zionismus, lange Jahre im Lande, der hebräisch zwar leidlich versteht, aber kaum ein Wort hebräisch spricht, und dtern sein bürgerlicher Beruf ans Herz gewachsen ist. Dann auf der