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Die Wahrheit · 1928-07-13 · Heft 28 (13.7.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 28 (13.7.1928)
Date
1928-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 iiiiHiiimTiiinminiimiiimiiiniiiiiiinm^ DIE WAHRHEIT fortgeschritten ist. die Geschlechter, Stämme und Völker sich längst mannigfach vermischt haben und im Kulturbewußtscin die Idee der Menschheit aufzutauchen beginnt, so verschwinden die Vorstellungen und Ideale der primitiven Zeiten ja keineswegs. Wie die Griechengötter vom christlichen Mittelalter durchaus nicht in ihrer Existenz bezweifelt, sondern nur für Teufel erklärt wurden; oder wie aus den Dämonen des Altertums unsere Gespenster geworden sind: so verwandelt sich zwar der Blut-Aberglaube auf höheren Kulturstufen, aber er verschwindet nicht. Mit naiver Selbstüberhebung setzt man d i c B 1 u t sgemeinschaft. in die m a n h e r c i n g e b o - r e n ist, absolutals die beste, höchste, einzige, als den w a h r c n Ausdruck der Menschheit. Die so denken, haben freilich die höchste und wertvollste Entwicklung der Menschheit nicht begriffen. Der S t a a t ist es. der in seinem Begriff der Mythologie des Blutes ein Ende macht und ihre primitive Einheit durch eine höhere, rein geistige Einheit der Kultur ersetzt. Dies kann hier nicht weiter ausgeführt v/erden.*) Dagegen gilt es zu erkennen, daß der Antisemitismus, sofern er sich als Rassenproblem gibt, ein typisches Schulbeispiel des mythologischen Blutaberglaubens ist. Daß man trotz l.amarck und D a r w i n noch an die Konstanz der Rassenarten glaubt, mag als eine der logischen l 'ueeheuerlichkeiten der Lehren der Rassentheorie dahingestellt bleiben: aber sogar, wenn wir den Rassentheoretikern die Existenz einer rein ..arischen" und einer anderen rein ..semitischen" Rasse zugäben, hätten sie nicht eben viel gewonnen. Der Kulturbegriff des Staates hat nie und nirgends vor der Rasse halt gemacht, der Staat ist ein sittlicher Begriff, und die Bestimmung des Menschen auf Erden wird nicht von der Biologie oder irar Anatomie, sondern von der Ethik ausgemacht. Wäre es *) Vergl. dazu H. Cohen: „Ethik des reinen Willens", und W. Kinkel: „Der Humanitätsgedanke". selbst so, daß unsere jüdischen Mitbürger rassenmäßig von uns, den Nicht-Juden oder Ariern, verschieden sind— 'es gibt aber gar keine „reinen" Rassen mehr und hat sie in historischen Zeiten wohl kaum gegeben —, so steht nicht die Frage so: bist du Arier oder nicht?, sondern: bistduein guter Staatsbürger oder nicht? Gehörst du der Kultur und dem Recht dieses deutschen Staates mit ganzem Herzen und w i 11 i g an? Wer diese Frage bejaht, der ist Deutscher; wer sie verneint, er mag noch so stolz auf sein Ariertum sein, ist kein Deutscher. Aber damit man uns nicht mißverstehe: Dieser Staat ist, wie es im Begriff des Staates liegt, - nicht ein absolutes, starres Gebilde, sondern ein methodischer Weg zur Idee der Menschheit. Es ist daher die sittliche Pflicht aller Staatsbürger, an der sittlichen Fortentwicklung des Staates mitzuwirken: und <cs gibt gar kein törichteres Wort als das Wort: Politik verdirbt den Charakter. Wenn sich also der R a s s e n - Antisemitismus als ein Rückfall in mythologisch-primitive Denkart enthüllt, so steht es nicht viel besser mit dem r e 1 igiösen Antisemitismus. Die Klassiker der deutschen Philosophie haben uns längst belehrt, daß alle Religionen Wege zu Gott sind. Gerade in dieser Hinsicht täte es not, daß wir wieder beim 18. Jahrhundert in die Schule gingen. Lessings „Nathan der Weise" hat das Problem in seiner ganzen Tiefe erfaßt und die einzig mögliche Lösung dargeboten. Daß man das heute nicht mehr weiß, kommt zum größten Teil daher, daß die offiziellen Vertreter des Christentums, die Theologen, nicht von dem Gedanken loskommen, das Christentum sei d i e e i n e a bsolute Religion, die Religion schlechthin. Man sieht die Eigenart anderer Religionen kaum, oder man würdigt sie nur als „Vorstufen", „Vorbereitungen", höchstens als „Ergänzungen" des Christentums. Hier kann nur die Einsicht helfen, daß die Religion der Propheten gerade so gut ein reiner Men~ Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Das Totengericht. Es war einmal eine arme Frau. Ihr Mann war Kürschner und ging durch die Dörfer, um Bauernpelze zu nähen oder zu flicken. Gewöhnlich pflegte er am Freitag vor Abend nach Hause zu kommen und seinen kärglichen Verdienst mitzubringen. Die Frau besaß eine kupferne Schüssel, die sie jeden Donnerstag bei einer Nachbarin versetzte, um Sabbat machen zu können, dann am Sonntag löste sie die Schüssel ein. Die Nachbarin hielt das für eine Mizwah, da jene ohne ihre Beihilfe nicht imstande gewesen wäre, etwas für den Sabbat vorzubereiten. Einmal starb die Nachbarin. Die arme Frau schämte sich, bei einer anderen anzuklopfen, und dachte bei sich, vielleicht wird mir Gott auch ohne Schüssel helfen. Sie wartete Donnerstag bis zum Abend, aber es zeigte sich nichts. Als die Nacht kam, nahm sie die Schüssel und ging wie sonst auf die Straße hinaus und überlegte, wo sie ein Darlehen aufnehmen könnte. Da begegnete sie einem fremden Menschen, der vom Abendgebet aus der Synagoge kam. Dieser redete sie an undfragte, wohin sie mit der Schüssel wolle. Die Frau antwortete: „Ich möchte mir drei Gulden leihen. vm den Sabbat machen zu können, denn mein Mann kommt erst morgen spät vor Abend nach Hause." Sie erzählte ihm die ganze Geschichte, und daß sie so seit langem zu tun pflegte, aber nun sei ihre Wohltäterin gestorben. Der Fremde sagte zu ihr: „Ich will Euch, gern das Geld auch ohne die Schüssel leihen, das könnt Ihr von einer Woche auf die andere haben, und wenn Euer Mann etwas mehr verdient, könnt Ihr mir es zurückgeben." Die Frau war sehr erfreut, nahm das Darlehen an und bereitete den Sabbat, wie Gott es gebietet. Am Freitag abends, während sie die Sabbatlichter anzündete, segnete sie den guten Menschen und sagte: Möge ihm im Himmel eine eben solche Helligkeit entgegenleuchten; als sie die Fische aß, sprach sie: Daß ihm das Paradies so schön duften möge, wie die Fische duften. So segnete sie ihn immerfort. Einige Zeit darauf verstarb die arme Frau und ein Jahr danach auch ihr Wohltäter. Als man ihn hinaustrug nach dem „heiligen Ort" (Friedhof), kamen die Zuchtengel herbeigeeilt, um seine Seele in Empfang zu nehmen und wollten dabei ihre gewöhnlichen Streiche beginnen, so wie sie es zu machen pflegen, wenn ein Sünder stirbt: Da drängen sie sich an seinen Leichnam heran, der eine kneift, der andere zupft, der dritte pufft oder verhöhnt ihn. Aber jene Frau kam ihnen entgegen und schützte ihn vor den Angreifern. Sie rettete ihn auch von den „Qualen des Grabes", die jeder Mensch erleiden muß. Denn jene Verstorbenen, die bereits zwölf Monate lang für ihre Sünden abgebüßt haben, besitzen im Himmel eine große Bedeutung und vermögen viel für die Irdischen. Jener, Mann war im Leben Aufseher der Propination gewesen, hinterließ datier der Witwe www' i-r-fiF

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