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Die Wahrheit · 1928-07-13 · Heft 28 (13.7.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 28 (13.7.1928)
Date
1928-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Oroscken. wdhmiwk MM Veröffentlidrangen der »Unfern deufadiftsterr.' Juden" und den „Amtliches Verlautbarungen der Israelitischen Kulrusgemelnde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV, Jahrgang Wien, 13. Juli 1928 Nummer 28 Humanität! Von Universitätsprofessor Dr. W. K i n k e 1 (Gießen). Wenn man von den Ausschreitungen gegen Juden in Oesterreich, Rumänien und leiden* auch in Deutschland (Gräberschändungen usw.) liest, so könnte man glauben, das Jahrhundert der Aufklärung sei vergeblich gewesen, und Leute wie Voltaire, Mendelssohn, Lessing, Herder und Kant hätten umsonst gelebt. Kant schrieb: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist dies© Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen." Fichte sah in der Geistesträgheit das schlimmste Laster. Unter den angegebenen Gesichtspunkten muß man die große Masse unserer Antisemiten und Rassenthleoretiker unter Unmündige rechnen, die ihre Unmündigkeit selbst verschuldet haben, weil sie dienkträge sind. Gustav Freytag hat in seinen „Bildern aus deutscher Vergangenheit" berichtet, wie schon im Mittelalter dlie Juden die Prügelknaben des deutschen Volkes abgeben mußten: sei es, daß eine Mißlernte ins Land kam, Krieg odier Fest — die Juden sollten schuld sein. Nicht viel komplizierter, nicht viel geistreicher sind die Gedankengänge der Mehrzahl unserer heutigen Antisemiten. Mit diesen nun haben wir es hier nicht zu tun. Wir wollen vielmehr zusehen, woher es kommt, daß das Erbgut des Aufklärungszeitalters, die gegenseitige Achtung und Humanität, so vernachlässigt wird. Wir sagen absichtlich: „gegenseitige Achtung" und nicht: „Toleranz"; denn tolerieren dulden muß man Fehler und Schwächen; unsere Klassiker aber wollten, daß sich die Religionen, resp. ihre Anhänger, gegenseitig Achtung zollten. Freilich, wollte man die aufgeworfene Frage restlos zu beantworten suchen, so müßte man weit tiefer in Geschichte und System der Kultur eindringen, als das hiier möglich ist. Man müßte also z. B. auf die Entstehung der Nationalstaaten eingehen, die sich (nicht nur was Deutschland angeht) mit einer Blut- und Eisenpolitik im 19. Jahrhundert vollzogen hat; man müßte überdies die Entwicklung der Wirtschaft und der Wissenschaft ins Auge fassen, indem der werdende Kapitalismus die Klassengegensätze verschärft, die Volkseinheiten in sich selbst zerstört und zerrissen hat, während die Naturwissenschaft den Kampf ums Dasein als eine allgemeine Erscheinung in der Natur darstellte. So lernten die einzelnen, wie die Völker, den Selbsterhaltungstrieb, den Machttrieb als eine Grundkraft dies Lebens ansehen; und es ist schon von hier aus verständlich, daß man dem Ideal der Humanität in so weitem Maße untreu wurde. Auch die Wissenschaft der Geschichte und des Staates schien, im Bemühen, das wirkliche Geschehen zu begreifen, dahin geführt zu werden, wenigstens für den Staat und die Politik den „heiligen Egoismus" anzuerkennen. Auf solchem Geistesboden konnten dann die Rassentheorien eines Gobineau wuchern, nachdem ohnehin die Romantiker am Beginn des 19. Jahrhunderts schon dem Individualismus des Genies (als Erben der Sturm- und Drangperiode und selbst der Renaissance) das Wort geredet hatten. Natürlich auch, daß die Auswirkungen solcher Lehren sich auch auf dem Gebiete der Religion geltend machten. Die Judenfeindschaft kann nicht ohne Rücksicht auf alle die angedeuteten Erscheinungen verstanden werden. Uns nun interessieren hier mehr die Momente, die in der augenblicklichen1, zeitgenössischen Kultur unseres Volkes angetroffen werden, und die zu dem Fortwuchern der Giftpflanzen der Judenfeindschaft und der Inhumanität beitragen und dieses Fortwuchern einigermaßen begreiflich machen. Dazu giU es nun aber zuerst, den Antisemitismus (nicht historisch, sondern systematisch) in seiner Wurzel, ohne Rücksicht auf die Zeitlage, zu verstehen. Es sind aber offenbar zwei Motive, die man im Antisemitismus leicht auseinanderhalten kann: das Rassenmotiv und das religiöse. In dem Aberglauben an die Ueber-oder Unterlegenheit, oder wohl gar auch an die Unwandelbarkeit der Rasse steckt mythologischer Seelenglaube. Man weiß, wie bei primitiven Völkern die Seele mit dem Blute identifiziert wird — daher Blutrache, Blutsfreundschaft. Die erste und älteste Gemeinschaft unter Menschen ist die tierische Blutsverwandtschaft. Die Familie, das Geschlecht, der Stamm, erst viel später auch das Volk — das sind die Einheiten und Gemeinschaften, durch die auch dem primitiven Menschen ein Vorbegriff der Einheit der Menschheit zuteil wird. Wenn nun die Kultur

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