Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 'UiiMHfl^^ ßj£ WAHRHEli WakiJieltmrctnTagc Oesterreich braucht keine Talente. „Kein Elend, Blutvergießen und Pestilenz kommt der grausamen Torheit gleich, die darin besteht, daß die Gesellschaft jährlich Tausende von Intelligenzen und Talenten unerkannt und ungenützt verwelken läßt , schrieb einmal Walter Rathenau. Tragisch ist es, wenn eine Zeit ihre Dichter nicht liest, wenn ein Staat seine wirklichen Staatsmänner als Dilettanten behandelt, wenn eine Gesellschaft sich gegen die Wissenschaft des Einen oder die Technik des Anderen sträubt, daß Wissenschaftler und Techniker gezwungen werden, ihr kostbares Gut dem Auslande zur Ausbeutung gegen die eigene Heimat anzubieten. Oesterreich ist kein dieser letzten Tragik fähiges Land. Gewiß: die Anerkennung der Welt mag über das Verkanntwerden des Genies in der Heimat hinwegtrösten. Gewöhnlich bleibt sie aber aus. Nicht, weil die Welt für Genies nicht genug Platz hätte. Nein, wohl nur deshalb, weil Begabungen, auf dem Acker der Heimat gewachsen, unter den Bäumen der Heimat groß geworden, anderswo gar nicht brauchbar sind. Das gilt für das ganze Bataillon der Politiker, Staatsmänner und Wirtschaftler, das gilt wohl für alle auch, die den Weg ins Ausland nicht gefunden haben. Um hier nur eine Begabung herauszugreifen: Erinnert man sich noch, wer eigentlich in den Wirbeliahren nach dem Umsturz die österreichische Finanzpolitik heldenhaft gegen alle Attentate und Mordversuche unserer Politiker und Finanzminister verteidigt hat, sechs Jahre lang, bis er gegen sie die Stabilisierung der Währung, die Gründung der Nationalbank, kurzum ein geordnetes Wirtschaftswesen durchsetzen konnte? Das war ein kleiner Mann, der bleich und brummig hinter seinem Schreibtisch saß, .ein gewisser Dr. Hermann S c h w a r z w a 1 d, ein Mann, der im Geldwesen Chinas genau so Bescheid wußte, wie im komplizierten Kreditsystem des großbritannischen Königreiches, ein Wissenschaftler mit dem Finanzministerstab im Tornister, nur daß er nie nach diesem Stab in seinem Tornister hatte greifen dürfen. Warum? Weil er als nicht ganz rassenrein galt! Aber jedenfalls nutzte ihn der Staat, nutzte ihn die Gesellschaft doch aus, bis die erste Etappe, die er sich gestellt, erreicht, bis das Schlimmste vermieden war. Und dann ließ man ihn fallen, vielleicht, weil man sich sagte, jetzt gehe es auch ohne ihn. Daß er weich fiel, änderte nichts an der Tatsache des Sturzes. Und irgendwie erschüttert das Bild, daß dieser Mann mit seinen phantastischen Gaben wie der alte Bismarck in irgend einen Winkel des Landes verwiesen ist; daß alles, was ihm zu tun übrig bleibt, ein ■ wenig Kritik sein darf, und das Vergnügen, ein paar Pfeile aus seinem vollgefüllten Köcher auf subalterne Götzen abzuschießen, die sein Werk, seine Arbeit zu der ihren gemacht, ohne seinen Verstand dabei zu besitzen. Man könnte, wenn man von den wenigen wirklichen Kapazitäten, über die Oesterreich verfügt, absieht, eine Analyse der Fähigkeiten, der geistigen Potenzen aufstellen, über die ein Mann bei uns in Oesterreich nicht verfügen darf, um in die Geschicke des Staates einzugreifen. Störend wirkt in erster Linie Verstand. Mehr noch stören Fachkenntnisse. Auch gute Manieren sind keineswegs förderlich .... Rein subjektiv mag es für die, auf die man verzichten zu können glaubt, schmerzlich sein. Um wieviel schlimmer aber ist es für die Gesamtheit, der man- Gaben vorenthält, auf deren Nutzen sie wahrhaft Anspruch hätte. Einmal hin, einmal her . . . Nachdem wenige Tage nach dem Entscheidungsspiel, das den Abstieg der „Hakoah" in die zweite Klasse besiegelte, die derzeitige Leitung des Vereines, wie wir in unserer letzten Nummer berichteten, den einhelligen Beschluß gefaßt hatte, daß die Fußballsektion zum Amateurismus zurückkehre, hielt man das Kapitel „Hakoah" vorläufig für erledigt. Aber der Geist des Professionalismus spukte weiter in den Köpfen der Herren. Es hat sich nämlich, glaubwürdigen Nachrichten zufolge, innerhalb des Klubs eine Gruppe von Finanzleuten gefunden, die, unabhängig vom Stammverein, eine Berufsspielersektion weiterführen will. Dieser neugegründete Klub beginnt seine Tätigkeit mit einem nicht unbeträchtlichen Grundkapital, das die bisher immer arg gefährdet gewesenen Gagen der Spieler sicherstellt. Die Mannschaft wird als formale Rechtsnachfolgerin der „Hakoah" unter gleichem Namen in der zweiten Klasse weiterspielen. Es wurde mit den meisten bisherigen Spielern, zu denen sich noch einige „Amerikaner" gesellen sollen, auch schon Verträge unterzeichnet. Die neue Hakoah- Mannschaft sollte recht spielstark sein. Der Weg von der zweiten Klasse in die erste ist aber nicht so leicht, wie man sich's vorstellt — hinunter geht es sicherlich leichter —, zumal in der zweiten Klasse mehrere erste Aspiranten auf die Einkehr ins Oberhaus warten. — Diese Nachrichten, so erfreulich sie vielleicht für eine große jüdische Sportgemeinde, der die „Hakoah" nun als Mitkämpferin in dem manchmal wirklich spannenden Punktewettbewerb erhalten bleibt, sein mögen, müssen doch, besonders von jüdischem Standpunkt bedenkiich erscheinen. Vor allem wirkt die Art und Weise, wie man zuerst die Rückkehr zum Amateurismus in alle Welt hinausposaunte, um dann gewissermaßen durch ein Hintertürchen beim Professionalismus zu bleiben, befremdlich. Außerdem kann es uns nach den schlechten Erfahrungen, die die „Hakoah" gerade als jüdischer Verein mit dem Professionalismus bisher machte, nicht tunlich dünken, daß sie ihm weiter fröhnen will. Auch die zionistische „Stimm e", die doch der „Hakoah" gewiß nahestehen sollte, schrieb darüber kürzlich unter dem Titel „Ehrenvoller Rückzug oder neues Abenteuer?" folgende höchst bezeichnende Phillipika: „Wenn auch eine schlagkräftige jüdische Professionalmannschaft wahrscheinlich einen Widerhall in einem Teile des jüdischen Publikums fände, so kann das Auftreten einer berufsmäßigen Artistentruppe gewiß nicht das Ziel der jüdischen Sportbewegung sein und schon gar nicht als Vorbild der jüdischen Jugend dienen. Abgesehen davon, daß unserer Meinung nach auch die zeitlichen Voraussetzungen für eine jüdische Berufsspielerunternehmung fehlen und daß sie an innerer Verblutung zugrunde gehen würde, ist der Zweck der materiellen Opfer nicht ersichtlich. Für den Fall aber, daß sich mit der Zeit möglicherweise ein reiner Unternehmergeschäftsfußball aus der neuen Konstruktion entwickeln würde, hätte sie mit der Idee der körperlichen Erziehung der jüdischen Jugend überhaupt nichts mehr gemein: Der Weg kann nur in der Pflege des Massenfußballs liegen; in der Entwicklung in die Breite. Die Spitzenleistung wächst dann gewiß aus der Masse heraus. Wir müssen ehrlich und rein, wenn auch klein, wieder beginnen, um groß zu werden!" Rumänische Staatszuschüsse für Kultusgeraeinden. Wie der Bukarester „Curierul Israelit" mitteilt, wurde die Summe von 10 Millionen Lei, weiche im Staatsbudget für den mosaischen Kult vorgesehen ist, auf die einzelnen Provinzen laut Beschluß der Februar-Tagung der Vertreter der jüdischen Organisationen ganz Rumäniens wie folgt verteilt: Altrumänien: 2,720.000 Lei; Siebenbürgen: 2,960.000 Lei; Bukowina: 1,320.000 Lei; Bessarabien: 3,000.000 Lei. Das Kultusministerium wurde ersucht, diese Summen auszuzahlen. Es verständigte jedoch die „Union rumänischer Juden", daß gemäß dem Kultusgesetze die einzelnen Summen nur direkt den betreffenden Kultusgemeinden zugewiesen werden können. Gegen jüdische Bodenrechte in Polen. In einer der letzten Sitzungen der Kommission für Agrarreform des polnischen Sejm wurde die Novelle zum sogenannten Pächtergesetz in den Ostgebieten behandelt. Nach dem aus der Zarenzeit stammenden Gesetz durften in diesen Gebieten Polen wie Juden keinen Boden besitzen. Sie figurierten deshalb nur als Pächter von Boden irgendwelcher fiktiver Personen. Nach der neuen Gesetzesnovelle sollen nun diese vermeintlichen Pächter das formelle Recht erhalten, als Besitzer ihres Bodens aufzutreten. In der Novell© heißt es aber nur, daß die „polnische n" Pächter Bodenbesitzer werden sollen; von den jüdischen Pächtern ist nicht die Rede. Abgeordneter Hartglas stellte den Antrag, auch das Wort „jüdischer" Pächter in den Text der Novelle aufzunehmen, da nachweisbar eine große Zahl Juden auf dem ihnen gehörenden Boden als Pächter lebt. Bei der Abstimmung wurde der Antrag von Hartglas angenommen. Gegen ihn stimmten die Nationaldemokraten und der unparteiische Block. Die Vertreter dieser Parteien gaben zu verstehen, daß sie eine Propaganda gegen die Annahme des Antrages Hartglas im Sejm durchführen werden. Gegen den Antisemitismus in Rußland. Kiewer Zeitungen veröffentlichten Proteste gegen die andauernde antisemitische Propaganda, die der M a t h e m a t i k - Professor der KiewerUniversität, Tschudinow,