Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite $;£<*> * DIE WAHRHEIT dec Unictt deutfcKcfteweicHifcKcv 'Juden <ibft*KukweifoMJSe$<tte WfolllX.'Bwqgarfß 4t Telefon.: 19-2-7? rDie deutschen Juden im Weltkrieg. Von Dr. Julius Mvo s e s. Mitglied des Deutschen Reichstags. Der langjährige deutsche Parlamentarier Dr. Moses, der auch dem neuen Reichstage wieder angehört und wiederholt als Abgeordneter für die Rechte jüdischer Staatsbürger eingetreten ist, hat im Hamburger „Israelitischen Familienblatt" das folgende authentische Material aus dem Untersuchungsausschuß des Reichstages veröffentlicht. Kurz vor seinem Tode sind dem Deutschen Reichstag noch weitere fünf umfangreiche Bände über die Arbeiten des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zugegangen, die sich mit den Ursachen des Zuammenbruches im Jahre 1918 beschäftigen. Ich gehörte diesem Ausschuß über sieben Jahre an und habe in den vielen Debatten, an denen ich teilgenommen, eigentlich nur ein einziges Mal Gelegenheit gehabt, judenfeindliche Angriffe abzuwehren. Es war der deutschnationale Abgeordnete P h i 1 i p p, der bei der Besprechung des Punktes „Drückebergerei" in folgender Weise auch auf die Juden zu sprechen kam: „Die Oeffenilichkeit hat während des Krieges vielfach an den zahlreichen Reklamationen von Juden Anstoß genommen. Schon während des Krieges wurden Klagen darüber laut, und zweifellos ist das auch für die Stimmung an der Front nicht ohne Belang geblieben. Bekanntlich ist auf Drängen jüdischer Kreise noch während des Krieges eine Statistik über die Juden im Felde aufgestellt worden. Die Veröffentlichung soll aber aus politischen Rücksichten unterblieben sein. Vielleicht kann dieser Frage noch nachgegangen werden. Anhalte dazu finden sich ja in einem der Bücher von Wrisberg. Während des Krieges hieß es, mit Rücksicht auf die Kriegsanleihen dürfe nichts Ungünstiges über die Juden veröffentlicht werden. Ich weiß z. B., daß die Veröffentlichung von Feldbriefen, in denen Auszüge über diese Frage zusammengestellt waren, von einem Generalkommando verhindert worden ist." Mit diesen lapidaren Sätzen waren die „Argumente" des deutschnationalen Abgeordneten erschöpft. Er vermochte keine einzige konkrete Behauptung über die Drückebergerei der Juden aufzustellen, keine Zahl zu nennen. Seine Angaben erschöpften sich in der unbewiesenen Annahme: „die Oeffentlichkeit (?) hätte vielfach (!) Anstoß genommen", „Klagen seien laut geworden" und „zweifellos" sei dies auch für die Stimmung an der Front nicht ohne Belang geblieben! Wo blieben die Beweise? Dem Abgeordneten Philipp entschlüpften dabei zwei wertvolle Geständnisse: 1. Jüdische Kreise selbst waren es, die. um den Lügen von der Drückebergerei der Juden ein Ende zu machen, auf die Aufstellung einer Statistik über die Juden im Felde drängten. Das läßt gewiß nicht auf ein böses Gewissen der Juden schließen. Daß diese Statistik nicht veröffentlicht wurde, ist nicht Schuld der Juden. Wenn sich Philipp auf General v. Wrisberg beruft, der meint, die Veröffentlichung sei unterblieben, weil ein jüdischer Abgeordneter des Reichstages vorstellig geworden sei, so handelt es sich wieder um ein unbewiesenes Gerücht, um so mehr, als der Wert der Bücher des Generalmajors a. D. v. Wrisberg, des ehemaligen Direktors des Allgemeinen Kriegsdepartements des preußischen Kriegsministeriums, auf die sich die Deutschnationalen bei jeder Gelegenheit berufen, ein sehr zweifelhafter ist. Dies gilt besonders für das Buch „Heer und Heimat", in welchem die Judenfrage behandelt wird. 2. Philipp erklärte, mit Rücksicht auf die Kriegsanleihen hätte nichts Ungünstiges über die Juden veröffentlicht werden dürfen. Damit gibt Herr Philipp selbst zu, daß die Juden an der Zeichnung der Kriegsanleihen entscheidend beteiligt waren, denn sonst hätte man auf ihre Empfindlichkeit keine so große Rücksicht genommen. Herr Philipp hätte sicher konkrete Angaben über die Drückebergerei der Juden gemacht, wenn er es gekonnt hätte. Niemand wäre eher in der Lage gewesen als er, sich das Material zu beschaffen, da ihm als Vorsitzenden des 4. parlamentarischen Untersuchungsausschusses und Mitglied der Deutschnationalen Partei alle Quellen zur Verfügung standen. Schon nach kurzer Zeit konnte ich Herrn Philipp antworten: „Wir haben", führte ich aus, „in Deutschland ungefähr eine halbe Million Juden gehabt, und von diesen haben 100.000 Juden am Feldzug teilgenommen. Es waren 80.000 jüdische Kriegsteilnehmer an der Front, d. h. also vier Fünftel aller jüdischer Feldzugsteilnehmer, und ungefähr 12.000 jüdische Kriegteilnehmer haben die Heimat überhaupt nicht wiedergesehen, sind also Blutopfer des Krieges geworden. Das sind 15 Prozent gegen einen Durchschnitt von 12 Prozent Toten. Ferner sind 35.000 Juden kriegsdekoriert. 23.000 befördert worden, darunter mehr als 2000 zu Offizieren. Ich glaube, diese Tatsache allein widerlegt schon die Ausführungen des Herrn Dr. Philipp. Darüber sind ja auch wiederholt Veröffentlichungen erfolgt, z. B. von Professor Oppenheimer über „Die Judenstatistik des preußischen Kriegsministeriums." Ich wies auch auf das Zeugnis des Generals v. Deimling hin, daß Tausende von Juden als Freiwillige zu den Fahnen geeilt, Tausende gefallen und Tausende zu_ Krüppeln geschossen worden seien. — Dr. Philipp selbst wußte auf diese meine, auf amtlichen statistischen Angaben beruhenden Ausführungen kein Gegenargument zu finden. Er konnte sich wieder nur auf seinen Gewährsmann Wrisberg berufen, dessen statistische Versuche im Jahre 1922 von Professor Oppenheimer widerlegt worden waren. Es sei ia an und für sich nicht verwunderlich, meinte Dr. Philipp entschuldigend, daß judenfeindliche Stimmungen sich in der Truppe geltend gemacht hätten. Es liege in der Natur der Dinge, daß, bei der Fähigkeit der Juden für wirtschaftliche Aufgaben, sie für gewisse Posten bevorzugt worden seien. Er habe seine Ausführungen nicht etwa mit einer besonderen Spitze gegen die Juden vorgebracht, sondern „relata referens". Auch die militärischen Sachverständigen konnten keine Auskunft darübeer geben, warum die vom preußischen Kriegsministerium im Jahre 1917 über die Judenfrage aufgestellte Statistik nicht veröffentlicht wurde. — Herr Philipp konnte sich aber nicht verkneifen, seine fehlenden Argumente durch Erzählung eines persönlich erlebten Falles zu ergänzen, wonach ein Jude seiner Kompagnie an der Front besondere Feigheit gezeigt hätte. Ich erwiderte sofort, daß so etwas auch anderwärts vorgekommen sei, selbst bei Offizieren. Die entscheidende Widerlegung der Behauptungen Philipps kam aber von einer Seite, der man eine besondere Vorliebe für die Juden wohl kaum nachsagen kann, nämlich von den militärischen Sachverständigen. Der Sachverständige General v. Kühl. Chef der Heeresgruppe Kronprinz 'Rupprecht, kam auf die oft erwähnte ominöse Statistik des preußischen Kriegsministeriums zu sprechen. Er könne sich nur ungefähr des Inhalts und des Ergebnisses der Statistik entsinnen. „Es war allerdings in der Statistik festgestellt, daß ein verhältnismäßig größerer Prozentsatz von