Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 26 (29.6.1928)
- Date
- 1928-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 * DIE WAHRHEI1 i ercffentlichunqets dct Union cLeutrclvCftecveicHiecKev Juden ^fpcukassu&entoXtfWt Whlil/.^P^affe * %Ufo^:19-2-JJ Wie kann der österreichischen Wirtschaft geholfen werden? Die österreichische Wirtschaft führt bereits seit einer langen Reihe von Jahren einen furchtbaren schweren Existenzkampf. Die stetig steigende Arbeitslosigkeit, die erschreckend hohen Insolvenz- und Konkursziffern, die Zahl der Selbstmorde aus wirtschaftlichen Gründen dokumentieren diesen Uebelstand, dem abzuhelfen alle wirtschaftlichen Faktoren sich bemühen. Nur geschieht dies in Oesterreich, wie so vieles andere, auf eine Art und Weise, von der man kaum annehmen kann, daß sie zur Sanierung der arg darniederliegenden österreichischen Wirtschaft führen dürfte. Zwei Wege sind nach den wissenschaftlichen Erfahrungen in einem solchen Falle möglich. Entwedei man öffnet den Arbeitsmarkt, um durch das Hereinströmen ausländischen Geldes die Kaufkraft und Kauflust des Publikums zu heben, oder aber man schließt, um die einheimische Industrie zu schützen, die Pforten des Landes und läßt bestenfalls nur das Prinzip der Reziprozität obwalten. Für viele Einsichtige wird es klar sein, daß das erstere System heute, im Zeitalter der Internationalst des Handels mehr Aussicht auf Erfolg verspricht. Aber immerhin, man kann auch der Ansicht sein, daß eine wirtschaftliche Abschnürung gegen die Außenwelt von Vorteil für die heimische Industrie sein wird. Dieser Ansicht neigt auch die österreichische Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie zu. Bei Einbürgerungsgesuchen von Kaufleuten und Gewerbetreibenden hat sje als wichtiges wirtschaftliches Forum in Oesterreich ein entscheidendes Wort mitzusprechen; diese Gesuche werden ihr zur Begutachtung vorgelegt. Nun hat sich die Kammer für diese ihre Begutachtungspraxis gewisse „Richtlinie n" gegeben, die im allgemeinen für eine Ablehnung von Einbürgerungsgesuchen aus wirtschaftlichen Gründen eintreten. Soweit kann man, selbst wenn man ebenfalls nur aus wirtschaftlichen Motiven gegenteiliger Ansicht über die Möglichkeit einer Sanierung dler Österreichischen Wirtschaft ist, mit diesem Standpunkt sich abfinden. Aber die Kammer geht in ihren Richtlinien über das rein wirtschaftliche Moment hinaus und begibt sich hier auf ein politisches Gebiet, wobei sie ausdrücklich Thesen aufstellt, die direkt dem Wortschatze der Antisemiten entnommen zu sein scheinen. Nicht anders kann es uns berühren, wenn es zum Beispiel auf Seite 5 der erwähnten „Richtlinien", die am 14. Mai d. J. auf Grund eines Referates des Klammerrates Eugen Fulda beschlossen wurden, wörtlich heißt: „Ferner wird man hierbei, von rein wirtschaftlichen Erwägungen ausgehend, sich dessen bewußt sein müssen, daß es keineswegs im Interesse der einheimischen Wirtschaftskreise gelegen ist, wenn man es den Ausländern ^ar zu leicht macht, die österreichische Bundes- bzw. Landeszu^ehörigkeit zu erlangen, weil durch den starken Zu zuglande s- und volksfremder Elemente, die sich in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit oft von einer Geschäftsmoral leiten lassen, die von den Sitten unseres Landes stark abweicht, eine derartige U e b e r f r e m d u n g herbeigeführt werden kann, daß die bodenständigen Handels- und Gewerbetreibenden nur mehr mit Mühe die ihnen von rechtswegen zukommende Stellung zu erhalten vermögen und um die Erhaltung ihrer Existenz unter Bedingungen, welche sich stetig verschlechtern, zu ringen haben." „Zuzug landes- und volksfremder Elemente", „Geschäftsmoral, die von den Sitten unseres Landes stark abweicht", sind das nicht Worte, die man bei der Lektüre eines hakenkreuzlerischen Blattes eher anzutreffen glaubt, als in dem angeblich rein wirtschaftlichen Gutachten eines seinem Wesen nach absolut unpolitischen Forums. Selbst wenn das Wort „J u d e" wohl mit Absicht vermieden ist, hat nicht die Vermutung ihre Berechtigung, daß in erster Linie sich diese vorgeschlagenen Maßnahmen gegen die ausländische jüdische Kaufmannschaft wendet. Der Ton macht die Musik, und hier werden Töne angeschlagen, die man sonst nur im Mißklang eines Antisemitenkonzertes anhören muß. Und so soll der österreichischen Wirtschaft geholfen werden?!__ —O. H. Antisemitismus im Grünen. Was die kompetenten Stellen dazu sagen. Vor einiger Zeit haben wir an dieser Stelle ein Verzeichnis aller jener Orte in Oesterreich veröffentlicht, die sich mit Erfolg bemühten, einige der wichtigsten Staatsgrundgesetze außer Kraft zu setzen. Wir Juden haben wohl das Recht der Freizügigkeit garantiert, wir haben wohl ein Gesetz, das den Genuß der bürgerlichen Rechte vom Glaubensbekenntnis unabhängig macht; doch alle diese Rechte sind für die verschiedenen Herren Gemeinderäte, die für Judenverbote sind, Hekuba! Was kümmern sie denn Gesetze und Rechte. Sie scheinen eher die „Protokolle der Weisen von Zion" zu kennen, als die österreichischen Staatsgrundgesetze. Es gibt aber immerhin in unserem Staate Stellen, die unsere Gesetze ziemlich genau kennen sollten, und das sind die M i n i s t e r i e n. Wir entsendeten daher einen Mitarbeiter unseres Blattes in das Ministerium für Handel und Verkehr, das auch die Fremdenverkehrsangelegenheiten über hat, um zu erfahren, wie man an „k o m p e t e n t e r Stelle" über den Antisemi-