Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-06-29 · Heft 26 (29.6.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 26 (29.6.1928)
Date
1928-06-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064273--16372-3089119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT ' immiiHtwifflnimm^^ Seite!> Wir müssen also, scheint mir, ein Plus zugeben. Jüdischkeit schließt in sich etwas ein, was nicht ausschließlich und rein religiös ist. Jüdischkeit ist nicht nur und kann für die meisten von uns nicht nur ein begeisterter und heißer Glaube an die jüdische Religion sein, wenn ich auch nicht geneigt bin, zu bestreiten, daß derjenige, dessen Jüdischkeit ausschließlich ein solcher begeisterter und heißer Glaube an die jüdische Religion ist* Jüdischkeit -in ihrer reinsten und höchsten Form erreicht hat. Aber für die meisten von uns gewöhnlichen Menschen gibt es hier, denke ich, und muß es hier etwas mehr, ein Plus geben. Es ist nicht ein nationalistisches Plus, wenn es auch ein körperschaftliches Plus ist. Es ist ein historisches Plus, ein Plus an Tradition, ein Plus an Erinnerung und dieses Plus wünschen wir zu erhalten und unserer Jüdischkeit einzuverleiben. So ist Jüdischkeit eine Verbindung. Der Hauptbestandteil ist Glaube, Gläubigkeit; fester Glaube, feste Gläubigkeit. Dann kommt zweitens jenes Gefühl, jene Zuneigung für eine Geschichte, eine Vergangenheit — mit ihrem Leid, ihren Freuden, ihren Leistungen, ihrer Ausdauer; sodann drittens, wenn auch vielleicht schwer von dem zweiten zu unterscheiden, ein Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer Körperschaft, einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft und der Stolz auf diese Zugehörigkeit. Es ist nicht der Stolz einer Rasse, sondern der einer Gemeinschaft. Welcher vernünftige Mensch würde sich einen Deut darum kümmern, ob er seine Abstammung auf Salomon zurückführen könnte oder ob alle seine Urgroßväter und Urgroßmütter Proselyten waren? Die Gemeinschaft ist wirklich und groß, die Rasse ist locker, wahrscheinlich sogar unwirklich und bedeutungslos. Ich bin nicht sicher, ob ich zu meinem dritten Punkt nicht noch einen vierten hinzufügen sollte, nämlich, daß für gute Jüdischkeit, für wirksame und wertvolle Jüdischkeit, für eine Jüdischkeit, bei der das Element des Stolzes rein und demütig ist, nicht aber billig und arm, auch etwas Phantasie, etwas Vision erforderlich ist: Glaube oder ein Wunsch oder ein Streben nach einer Zukunft, so gut wie die bloßen Erinnerungen und Interessen an der Vergangenheit. Wie kann diese gute und wünschenswerte Jüdischkeit erreicht werden? Wir müssen offen zugeben, daß die Erreichung für uns englische liberale Juden gewisse Schwierigkeiten bietet, denn unser gewöhnliches, nationales, englisches Leben nimmt den größten Teil unseres Lebens in Anspruch; unsere Umgebung, unsere Literatur, unsere Kunst, unsere Politik, unser bürgerliches Leben sind nicht jüdisch, sondern christlich. Und wir verkehren frei in christlicher Gesellschaft. Nichtsdestoweniger, hier ist wie gewöhnlich dai Schwere ein Gutes. Und wir möchten nicht wünschen, daß diese Schwierigkeiten nicht vorhanden wären. Sie sind ein Teil der Bedingungen, unter denen das liberale Judentum leben und .blühen muß. So lange nicht die Jüdischkeit sich mit ihnen gesellen kann, können wir nicht nach Jüdischkeif streben. Sie muß, um unser Ideal zu sein, mit jenen Schwierigkeiten sich gesellen. Daß dies möglich ist, sehen und wissen wir, weil wir tatsächlich eine Anzahl liberaler Juden kennen, auf welche das Ideal der Jüdischkeit angemessen angewendet werden kann. Sogar vor den Tagen des liberalen Judentums in England und lange vor den Tagen des Nationalismus und Zionismus und mit der Beobachtung einer sehr mäßigen Anzahl von Zeremonialgesetzen, hätten vielleicht viele von uns Aelteren von Jüdischkeit reden können; Gegenwärtigkeit des Ideals, wenn auch das Wort unbekannt war. Das einzige, was ich um der Wahrheit willen zugeben muß, ist, daß die Erzeugung der Jüdischkeit in der Gruppe, an die ich besonders denke, ein erhebliches Maß von Zeit benötigt. Aber nur wenn man einer Sache Zeit widmet, kann man sie hervorbringen. Anderenfalls kann man es nicht. Wir müssen also zugeben, daß Glaube allein nicht genügt; der nur intellektuelle Anschluß an bestimmte Glaubenslehren ist nicht genug; die heiße und begeisterte Hingabe an Glaubenslehren hat bei den meisten Menschen ein besonderes Etwas zur Voraussetzung. Glaube allein genügt nicht, denn wir sehen, daß er zu Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit und Unbekümmertheit führt oder sogar, im Gegenteil, zu jener schlimmsten und übelsten Form der Jüdischkeit: dem bloß negativen Stolz darauf, daß man kein Christ ist. Wir werden aber alle darin übereinstimmen, daß wir für Jüdischkeit einen gewissen Eifer, Begeisterung, Stolz fordern, und daß hierfür jenes Plus, jenes Besondere, von dem ich bereits sprach, mitspielen muß. Es interessiert mich sehr, als vor drei Wochen unser Führer seine Ueberzeugung kundgab, daß in der religiösen Erziehung der Kinder und für die Erzeugung und Aufrichtung der Jüdischkeit eine gewisse Kenntnis der nachbiblischen Zeit nach seiner Meinung wesentlich sei. Es wäre nutzlos, sagte er, die Schaffung dieser Jüdischkeit zu erwarten, wenn die jüdische Geschichte — oder die Geschichte der Juden — für heranwachsende Juden etwa bei Juda Makkabi oder bei der Zerstörung des Tempels aufhörte und dann für 2000 oder 1900 Jahre eine glatte Lücke käme. Wie kann man Begeisterung für eine 'Zusammengehörigkeit, eine Gemeinde, einen Orden, eine religiöse Gemeinschaft, eine Gesellschaft schaffen, von deren Taten und Leistungen während der letzten 1900 Jahre man überhaupt nichts weiß? Kenntnis der jüdischen Geschichte sei gebieterisch zu fordern für die Schaffung guter Jüdischkeit als Elementarkenntnisse im Hebräischen. Zweifellos spricht viel für diese Ansicht, die um so mehr Respekt verdient, als sie aus langer und umfassender Erziehungstätigkeit stammt. Was kann also für und von uns Erwachsenen getan werden? Hier liegen viele Schwierigkeiten, denn der Gegenstand ist schwer zu behandeln. Trotz allem, was schon geschrieben wurde, brauchen wir die richtige Sorte von Büchern, ausgewählte Uebersetzungen, interessante Geschichten und so fort. Nun haben aber die meisten von uns verhältnismäßig wenig Zeit zum Lesen, noch weniger Zeit zum Studieren, und die Zeit, die wir zum Lesen übrig haben, wollen oder müssen wir teilweise verschiedenen anderen Literaturgattungen widmen. Wenn ich auch wünsche, daß jedes erwachsene Mitglied dieser Synagoge fähig und willig sei, etwas von der jüdischen nachbiblischen Geschichte und Literatur zu lernen, so erkenne ich doch an, daß für die meisten von uns die Jüdischkeit nur in geringer Form durch solches Lernen und Lesen, in stärkerem Umfang aber auf andere Weise erlangt werden muß. Und gerade an diesem Punkt, wo ich etwas Neues anzubieten haben müßte, um es in diesem geeigneten Augenblick darzulegen, sehe ich nichts anderes als die Wiederholung von zwei oder drei alten Gemeinplätzen. Aber die Wahrheit oder die Schwierigkeit liegt eben darin, daß bei dem über allem stehenden Erfordernis an Zeit ich keine besseren Wege für die Schaffung der Jüdischkeit kenne als die alten. Der erste Weg muß in den Weisen und Formen der Andacht, des Gebets und der Vereinigung liegen, die der einzelne Mensch für sich selbst als die nützlichsten oder befriedigendsten erachtet. Dies mag Zeit kosten, aber nicht so viel Zeit wie das Studium. Man könnte sagen, daß Gebet oder Meditation nichts ausgesprochen Jüdisches sind: sie müssen sich nicht in einer jüdischen Gestaltung äußern, und daher liege kein Grund vor, weshalb sie Jüdischkeit erzeugen sollten. Hierauf möchte ich zunächst erwidern, daß eine gewissermaßen von ihrer Grundlage abgeschnittene Jüdischkeit keinerlei Wert hat. Man muß die allgemeine religiöse Grundlage besitzen — die Gewohnheit der Vereinigung mit Gott —, bevor man an die besondere jüdische Begeisterung herankommt, oder richtiger, man muß diese beiden in sich verschmolzen haben. Sodann möchte ich darauf dringen, daß dieser mein erster Weg mit meinem zweiten und dritten Weg eng verbunden sein muß. Wenn Jüdischkeit ein Ganzes ist, dann müssen die verschiedenen Methoden oder Arten ihrer Erzeugung ebenso ein Ganzes bleiben. Für mein Teil glaube ich, daß man für sich allein Jüdischkeit nur schwer schaffen oder erhalten kann. Deshalb muß — dies ist der zweite Weg — mit dem Gebet des Einzelnen das öffentliche Gebet zusammengehen, mit der Andacht des Einzelnen die öffentliche Andacht. Ein Jude in Siam könnte seine Jüdischkeit durch Familienandacht erhalten, aber als einsamer Junggeselle, ganz auf sich selbt gestellt, würde er eine ungeheure Anstrengung zu leisten haben. Es könnte zweifellos gelingen, doch nur mit großem Aufwand und mi* eiserner Entschlußkraft und Festigkeit. In England aber, besonders in London und mit den Möglichkeiten unserer Synagoge, ist der zweite Weg leicht und angenehm. Ich zweifle sehr, ob ohne ihn gute Jüdischkeit für uns möglich wäre. Mein dritter Weg ist einigermaßen schwer zu beschreiben, und er ist nicht ganz unabhängig von dem ersten und zweiten Weg. Ich habe das Gefühl, daß irgendein Zustand des Geistes und der Seele, den man zu schaffen wünscht, am besten dadurch erreicht wird, daß man etwas tut. Etwas tun macht den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.