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Die Wahrheit · 1928-06-29 · Heft 26 (29.6.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 26 (29.6.1928)
Date
1928-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 iiniHinnuniHM^ DIE WAHRHEIT erungen zu bewahren, die imstande sind, sie zu einem politischen Forum herabzuwürdigen. O. H. „Jüdischkeit." Von Claude G. Montefiore. London. *) „Und er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und ich fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Festland erschaffen hat." (Jona 1, 9.) Das populär gewordene Wort: „Jüdischkeit" wird von Juden auf Juden in einem guten Sinn angewandt. Jüdischkeit ist ein Ideal. Die Juden sollen Jüdisch sein und Jüdischkeit pflegen, besitzen und erstreben. Was ist nun unter Jüdischkeit zu verstehen? Ist es ein rein religiöser Begriff? Das entsprechende Wort „Christlichkeit", das übrigens sehr selten gebraucht wird, bedeutet lexikalisch „christliche Eigenschaft". Mit der Einführung und Verwendung des Wortes Jüdischkeit ist aber etwas mehr als „jüdische Eigenschaft" gemeint. Ist es Anhänglichkeit an das Judentum? Sollen wir es zunächst bestimmen oder beschreiben als eine Art erhöhten jüdischen Selbstbewußtseins, das Treue und sogar Freude hervorruft? Unsere zionistisch und national gesinnten Freunde sagen uns oft. daß Jüdischkeit in ihrer vollsten und gesündesten Form nur unter Bedingungen, Betätigungen und Bestrebungen ermöglicht werden kann, die sehr von denen abweichen, die für die meisten Mitglieder unserer Synagoge charakteristisch sind. Es wird uns sogar gesagt, daß die Verwirklichung in ihrer besten Form nur in Palästina geschehen kann. Wenn dem so ist, muß Jüdischkeit weit entfernt von einer rein religiösen Bedeutung sein: sie muß viel mehr bedeuten als die Anhänglichkeit an das Judentum, als ein rein religiöses System, und daß sie viel mehr meint und in sich begreift, werden unsere zionistischen Freunde, wie ich glaube, nicht nur zugeben, sondern mit aller Bestimmtheit behaupten. In der von ihnen sogenannten Diaspora (ein Wort, das sie in einem herabsetzenden Sinn zu gebrauchen scheinen, als ob es eine Art Verbannung wäre) kann Jüdischkeit am besten durch stän- *) Den obigen Artikel veröffentlichen wir anläßlich des am 6. Juni stattgefundenen 70. Geburtstages Claude Montefiores; er ist ein Auszug aus einer von ihm vor kurzem in seiner Londoner Synagoge gehaltenen Ansprache. Er quälte seinen Schwiegersohn gar sehr, da dieser ihn ja zum Abfall beredet und so viel Unglück schon auf dieser Welt über ihn heraufbeschworen hatte. Iii seinem Kummer pilgerte der junge Mann zum Rabbi, um in seiner Nähe Trost zu finden. Als er vor das Antlitz des Rabbi trat, fing er an bitterlich zu weinen. „Nicht genug, daß ich jetzt verarmt bin, muß ich noch dem Jammer des alten Mannes zusehen und seine Vorwürfe anhören, gegen welche ich mich nicht verteidigen kann, da der Schein gegen mich spricht". Der Zaddik hörte ihn zu Ende und sprach kein Wort. Als der junge Mann Abschied von ihm nahm, bat er, der Zaddik möchte ihn segnen. Dieser gab ihm die Hand und sprach einfach: ich wünsche dir einen glücklichen Weg. Der Chassid trat getröstet den Rückweg an und hegte in der Seele die feste Hoffnung, daß ein Wunder geschehen werde. Unterwegs verirrte er sich und geriet in einen dichten Wald. Er ging und ging, bis er endlich zu einer verfallenen Hütte gelangte. Vor der Schwelle lag ein großer, kräftiger Hund, der sehr gefährlich aussah. So oft ein Tier vorbeikam, stürzte er sich darauf und riss es in Stücke. Unseren Chassid beschlich eine große Angst und er meinte, Frau und Kinder würden ihn nicht mehr lebendig wiedersehen. Aber der Hund kam unterwürfig auf ihn zu, winselte und wedelte vor ihm und lud ihn durch Bewegungen ein, in die Hütte zu kommen. Als der Chassid das sah. gewann er seine Sicherheit wieder und trat ein. Er ruhte sich ein wenig aus, und da es am Freitag vor Abend war, wusch er sich, betete, dann setzte er sich zu Tische, um das erste Sabbatmahl zu nehmen. Er nahm aus dem Sack die Sabbatbrote hervor, sprach die Berachah über sie, schnitt sich ein Stück und aß, den Rest aber gab er dem Hund. Dieser fraß das Brot begierig auf und wich nicht von der Seite des Chassid. Dieser legte sich dann schlafen, und am nächsten Morgen teilte er abermals sein Brot mit dem Hund. Dasselbe tat er auch am Abend. Dann sprach er die dige, eifrige und nahe Beziehungen zu Palästina erhalten werden und durch eine gemeinschaftliche und selbständige jüdische Lebensführung in einem irgendwie mehr als rein religiösen Sinn. Unsere orthodoxen Freunde, soweit sie nicht ein Zweig der nationalen und zionistichen Gruppen sind, sagen uns, daß Jüdischkeit nur durch enges und starkes Anhangen an das jüdische Ritual- und Zeremonialgesetz, sowohl der biblischen wie der rabbinischen Zeit, erreicht werden kann, ein Anhangen, das allein die erforderliche Begeisterung und Abtrennung bewirken kann. Hieraus folgt, daß an dieser Stelle die Einpflanzung der Jüdischkeit, der Gebrauch dieses Wortes in einem guten Sinn und seine Aufrichtung als ein Ideal durch andere Mittel erreicht werden muß, als sie von unseren nationalistischen und orthodoxen Freunden für unentbehrlich gehalten werden. Wir müssen suchen, sie mit anderen Mitteln zu erreichen und wir müssen offenbar glauben und behaupten, daß sie derart erreicht werden kann. Unsere Jüdischkeit wird tatsächlich nicht die gleiche sein wie die Jüdischkeit der Nationalisten und Zionisten; sie wird mehr rein religiös sein. Jene werden dies für eine Schwäche halten; wir werden es für eine Stärke halten; jene werden es für einen Rückschritt, wir für einen Fortschritt halten; aber wie auch immer, ob jene oder wir im Recht sind, über die Tatsache selbst kann kein Zweifel bestehen. Wir wollen ehrlich sein und die Sache etwas tiefer prüfen. Ist Jüdischkeit selbst für uns eine rein religiöse Angelegenheit? Wenn sie zunächst einmal eine Art erhöhten oder betonten jüdischen Selbstbewußtseins bedeutet, ist dann dieses Selbstbewußtsein etwas ausschließlich und rein Religiöses? Meint dieses Selbstbewußtsein etwas mehr als den begeisterten Glauben an die Wahrheit der jüdischen Religion? Wir wollen für einen Augenblick annehmen, man könne das Wort „Christlichkeit" mit der gleichen Bedeutung wie das Wort „Jüdischkeit" gebrauchen. Wir wollen dann weiter voraussetzen, daß Anglikaner, Kongregationalisten,. Quäker. Unitarier von ihren Anhängern das Streben nach Christlichkeit verlangen, und zwar mittels einer verstärkten Treue zu ihren eigenen besonderen Organisationen oder Verbindungen. Es ist wohl klar, daß in einer solchen Christlichkeit etwas mehr als das rein und ausschließlich Religiöse liegen würde. Das Religiöse, das Christentum, würde die Hauptsache sein, es würde dem Ganzen die Substanz gegeben haben, aber es wäre gewissermaßen durchwebt und würde, wenn ich so sagen darf, durch historische Erinnerungen und Assoziationen menschlicher, zarter und gefühlvoller. Jede christliche Vereinigung hat ihre eigene besondere Geschichte, ihre eigenen Erinnerungen, ihr eigenes spezifisches Treuverhältnis. Havdalah und gab dem Hund die Ueberreste vom Wein zum Ablecken. Da begann der Hund in menschlicher Sprache zu reden und sagte folgendes: „Wisse, daß ich dir meine Erlösung verdanke. Ich war einmal ein Mensch wie du, und mein Leben lang ein argen Sünder. Ich sammelte Reichtümer ohne Unterlaß, reichte aber nie einem Armen eine Gabe, und ließ Hungrige ungesättigt von meiner Schwelle. Nach meinem Tode wurde ich vom Himmel dazu verdammt, daß meine Seele so lange in dem Laib eines Hundes wohne, bis ein guter Mensch mir, einen Bissen Brotes reicht, über das er den Segen gesprochen. Alle meine Schätze, über die ich beim Leben keine Gewalt hatte, holten die Schedim (böse Geister) und vergruben sie unter einem Baum, und bewachen sie bis zur Stunde, da meine Seele aus diesem Gefängnis befreit wird. Jetzt habe ich ein Recht, über sie zu verfügen, und schenke sie dir allesamt." En führte ihn tiefer in den Wald hinein, wo eine alte, ausgehöhlte Eiche stand. Der Hund lehnte sich an den Baum und warf ihn um, und darunter in einer Grube erglänzte Gold und Silber und Edelsteine. Der Chassid sammelte alles zu Häuf und tat es in einen Sack. Darauf streckte der Hund sich aus und fing an zu röcheln und Seufzer auszustoßen mit menschlicher Stimme, ganz, wie wenn eine Menschenseele; aus dem Körper scheidet. Schließlich war er tot, und der Chassid sah ein blaues Flämmchen in die Ferne entschwinden. Das war die Seele, die erlöst wurde. Auf Geheiß des Zaddik erbaute der Chassid für die Hälfte der Schätze ein Krankenhaus und eine Synagoge. Anmerkung. Diese Erzählung bildet einen Nachhall des ehemaligen Zwistes zwischen den Chassidim und Misnagdim, der sich bis in die engsten Familienkreise verpflanzte. Die Seele in Gestalt eines blauen Flämmchens kommt auch sonst in jüdischen Volkserzählungen vor. (Fortsetzung folgt.)

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