Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 26 (29.6.1928)
- Date
- 1928-06-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dlfi WAHRHEIT nfimunmnmniimiiomnnmnnnimmiffiim^ Seite 3 die ihn aus persönlichen oder parteipolitischen Gründen mit allen Mitteln zu verhindern trachten. Der Zentralpunkt um welchen sich die Gruppierung und Sammlung derjenigen Juden, die die schädliche Politik in der Kultusgemeinde verabscheuen, vollziehen kann, ist bereits gegeben, und zwar in der „U n i o n d»eutschösterreichis ehr er Juden", welche Vereinigung seit über 40 Jahren für die Rechte der österreichischen Juden kämpft und sich bereits viele Verdienste um die österreichischen Juden erworben hat. Die „Union" ist sich auch der Pflicht bewußt, die sie gegenüber ihrer ruhmvollen Vergangenheit in der traurigen Gegenwart für eine ehrenvolle Zukunft zu erfüllen hat, und sie, die treue Wächterin und Schirmerin der österreichischen Juden trat gerade im richtigen Momente hervor, als sie vor kurzem die Initiative zur Vereinigung aller Juden Wiens ergriff, die die Wiener Kultusgemeinde von jeder Politik bewahrt wissen wollen. Angesichts der Tatsache, daß diese Politisierung für die Wiener Kultusgemeinde nur von größtem Schaden sein kann, fand die Parole der „Union" in der Wiener Judenschaft begeisterten Wiederhall. Ein äußeres Zeichen dafür, daß diese Parole die Zustimmung der weitesten Kreise der Wiener Judenschaft besitzt, bot der schöne Verlauf der letzten Versammlung der „Union", die am 21. d. M. unter Vorsitz dies Herrn Medizinalrates Dr. Heinrich Haase im Festsaale des Hotel Continental stattfand. Von nah und fern eilte die Wiener Judenschaft zu dieser Versammlung, und ein Beifallssturm ging durch die große Zahl der Versammelten, als von dem Vorsitzenden, wie' auch von den beiden ausgezeichneten Referenten Dr. Josef T i c h o und Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim das Programm der „Un i on" für die kommenden Kultusnicht abweisen und bat in einem fort: „Ich werde Euch treu dienen, werde keine harte Arbeit scheuen. Nehmt mich nur an." Der Bäcker gab nach. Nun zog der junge Gelehrte den Seidenrock aus, zog eine grobe Jacke an. umgürtete sich mit einem Strick, hob den Korb auf die Schultern und fing an, Gebäck auszutragen. Das ging so eine Zeit lang. Einmal war Soldatenaushebung. In der Stadt wußte man, daß beim Bäcker ein Hergelaufener, ein ziemlich starker Kerl diente, und man nahm ihn ohne viel Federlesens zu den Soldaten. Bei den Soldaten jedoch hatte er Glück, man machte ihn bald zum Gefreiten, dann zum Wachtmeister, schließlich brachte er es zum General. Es erging ihm sehr gut, er hatte Orden und allerlei Ehren, aber im Herzen trug er doch die Sehnsucht nach der Heimat und den Seinigen. Einmal brach ein Krieg aus. Da befahl der Kaiser unserem General, die Soldaten zu führen, weithin, nach einem anderen Land. Und der Weg führte ihn durch seine Heimatstadt, wo der alte Rabbi wohnte. Und der General kommandierte: „Halt!" und dachte bei sich: Ich will mal hineingehen und nachsehen, was der Alte macht. Sowie er die Schwelle übertrat, erblickte er sich in der Seidenbekesche mit dem Käppchen auf dem Haupt. Der Rabbi hatte eben seine „Thora" beendet und rief: „Nun laßt Wasser zum Händewaschen herumreichen und laßt uns das Tischgebet sprechen." Der junge Mann erschrak und stand verwirrt und beschämt.da. Der Rabbi musterte ihn und sprach: „Nun, mein Kind, gelüstet es dich noch immer, nach Aegypten zu reisen, um die unreinen KOnste und Wissenschaften zu studieren?" Am Sonntag gab ihm der Rabbi beim Abschied seinen Segen und sprach: „Fahre heim, widme dich, wie bisher, dem Studium der heiligen Lehre und bleib ein frommes Kind." Der Schwiegervater war nicht wenig erstaunt, als er seinen Eidam plötzlich wiedersah. Dieser erzählte ihm die ganze Wahrheit, tat Buße und blieb sein Leben lang ein gottesfürchtiger Mann. wählen, eingehend1 begründet, verkündet wurde. Wir zitieren aus diesem Programm, das auch in der Diskussion, an der sich die Herren Präsident Doktor Jakob O r n s t e i n, Kommerzialrat Bernhard B u c h w a l d, Börserat Ignatz Glück, Kommerzialrat Gustav S t ö s s 1 e r und N. R e i s n e r beteiligten, lebhaft besprochen wurde, folgenden einleitenden Absatz: „Der Kultusgemeinde und dem zur Vertretung derselben berufenen Organe, dem Kultusvorstand, obliegt gemäß dem Gesetze vom 21. März 1890 die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung Wiens und die Förderung der für diesen Zweck bereits bestehendem Anstalten und Einrichtungen, sowie nach Möglichkeit die Gründung neuer, welche dem gleichen Zwecke dienen. Ihre Aufgabe besteht daher in der Pflege des Kultus, des jüdischen Religionsunterrichtes, sowie der in unserer Religion tief begründeten sozialen Fürsorgetätigkeit. Keine dieser hehren Aufgaben hat irgend etwas mit Politik zu tun! Mögen draußen die politischen Gegensätze noch so sehr aufeinanderstoßen, in der Kultusgemeindestube haben sie keinen Platz; dort wollen wir. allein beseelt von der Liebe zu unserem Glauben, tätig sein und kein Hinabgleiten in die politische Arena dulden. Wir wollen alle Glaubensgenossen, denen die Pflege des Kultus, des jüdischen Religionsunterrichtes und der sozialen Fürsorge am Herzen liegt, einen und. erfüllt von dem Bewußtsein unserer Pflicht, im Sinne unserer Jahrtausende überdauernden Traditionen unseren Aufgaben gerecht werden." Die Versammlung, der prominente Vertreter des Wiener Judentums, darunter dier Präsident der Gemeinde, Professor Dr. A. Pick beiwohnten, war ein Schritt aus dem Dunkel und der Verworrenheit der Partei- und Kompromißpolitik in das Licht der reinen Erkenntnis, sie war vielleicht der Beginn der Selbstbesinnung der Wiener Juden. Nun aber muß an diese selbst der dringende Appell ergehen, nicht lässig zu sein, da es gilt, unsere altehrwürdige Kultusgemeinde vor Neu- AnmerkunR. Das vorliegende Märchen gehört zu einer besonderen Gruppe, in der das ganze menschliche Leben als der wesenlose Inhalt eines Traumes dargestellt wird. Ebenso wie sein Gegenstück, in welchem ein Mensch, ohne es zu merken, Jahrhunderte verschläft (von diesem findet sich eine Variante, deren Held Choni Hammeaggel ist, bekanntlich schon im Talmud), stammt es aus dem Orient. Bekanntlich vollendet Mohammed seine Reise durch alle sieben Himmel, während sein im Umfallen begriffener Krug den Fall nicht vollenden kann. Eine Version des vorliegenden Märchens ist, wenn ich mich nicht irre, irgendwo in der chassidischen Literatur bereits literarisch fixiert. Die Seele des Hundes. Es war einmal ein reicher Mann, der war ein verbissener Misnaged. Er hatte eine einzige schöne Tochter, und für die suchte er einen Bräutigam. Er fuhr von einer Jeschiba zur anderen, bis er den gelehrtesten und besten Bachur fand. Diesen wählte er zum Schwiegersohn. Nach der Hochzeit stellte es sich jedoch heraus, daß dieser ein ebenso eifriger Chassid war, als der Schwiegervater ein hitziger Misnaged. Es entstanden nun Streitigkeiten in der Familie, wie es bei solchen Fällen häufig der Fall zu sein pflegt. Doch der junge Mann beschloß, den Alten zu bekehren: er erzählte ihm von den zahlreichen Wundern, die die Zaddikim allzeit vollbracht, und fing an, ihm zuzureden, er solle doch wenigstens einmal zum Rabbi pilgern. Die Zureden halfen: der ehemalige Misnaged verwandelte sich in einen gläubigen Chassid. Doch in demselben Maße, als seine Gläubigkeit zunahm, verringerte sich sein Wohlstand, seine Unternehmungen sanken, und schließlich wurde er ganz arm. Nun bedauerte er sehr, sich mit dem Zaddik und seinen Chassidim eingelassen zu haben, denn er betrachtete sein Unglück als eine Strafe Gottes dafür, daß er seiner ehemaligen Frömmigkeit untreu geworden war.