Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-06-29 · Heft 26 (29.6.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 26 (29.6.1928)
Date
1928-06-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064273--16369-3089116
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■jmsmam Seite 2 ffllPtrcniiiimmnmimnm^^ p|j? WAHRHEIT t i o n a 1 e s Privatorgan, „Die neue Welt". In diesen beiden Blättern liegen sich unsere Zionisten oft und oft kriegerisch in den Haaren. Bei diesen Verhältnissen im Innern der jüdischnationalen Partei darf es uns nicht wundem, daß die Anziehungskraft der nationalen Idee auch nach außen hin stark geschwunden ist und daß sich d i e überwiegende Mehrheit der österreichischen Juden trotz ihrer Sympathien für den Wiederaufbau Palästinas in der vollkommenen Ablehnung d;£r jüdischnational;en Politikundzumalder „Po 1 i t i k" d e r J ü d i s c hnationalen in der Wiener Kultusstube einig ist, die dort absolut nicht am Platze ist. Sie lehnt daher auch die Bestrebungen, die Kultusgemeinde entgegen ihrer Bestimmung, in eine „V o 1 k s g e m e i n d e" umzuwandeln, energisch ab. Während aber so bei den Jüdischnationalen größte Uneinigkeit vorherrscht, gehen die „W erktätigen Juden44 jetzt mit aller Kraft ans Werk, die Kultusgemeinde, wie es so schön heißt, zu „e ro b e r n". Schon der Name dieser Vereinigung ist eine Falschmeldung, wie wenn nur auf dieser Seite die Arbeiter vereinigt wären. Nach ihrem Programm erstrebt sie „d i e Erfassung der jüdisch-bürgerlichen Schichten, um sie der sozialdemokratischen Partei zuzuführen." Was hat dieses Programm mit der Kultusgemeinde zu tun? Bestenfalls kann es bei den Nationalratswahlen in Erscheinung treten. Aber die Kultusgemeinde mit ihren spezifischen Aufgaben darf doch nicht als Ablagerungsstätte für Bestrebungen einer Partei dienen, deren Programm überdies für völlige. Neutralität in Fragen der Religion eintritt. Seuületcn, Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjatnin Segel. (Fortsetzung.) Der Traum ein Leben. War einmal ein reicher Qutspächter, der wählte für seine Tochter einen frommen und gelehrten jungen Mann zum Gatten. Einige Jahre lang saß der junge Mann im Hause seines Schwiegervaters, dem Studium frommer Bücher und frommen Uebungen ergeben. Nachher jedoch fing er an. deutsche Bücher zu studieren, und wurde wankend im Glauben. Doch mußte eT seine Gedanken verbergen, da er nicht Herr seiner selbst war. Daher sann er auf ein Mittel, das Haus des Schwiegervaters zu verlassen. Zu diesem Zwecke gab er vor, daß er ineine ferne Stadt reisen wolle, um dort einen Handel zu beginnen und sich von der Arbeit seiner Hände zu ernähren. Im Herzen aber dachte er, wenn ich nur mein Geld von ihm herausbekommen habe, mache ich mich auf nach Alexandrien in Aegypten und ergebe mich dort dem Studium der unheiligen Wissenschaften und Künste. Denn er war schon so sehr mit dem Glauben zerfallen, daß das Herz ihn immer stärker zu diesen Dingen hinzog. Der Alte widersetzte sich anfangs dem Plane, doch der Eidam wußte ihm zu be: schwatzen: „Was hat es für einen Zweck, immer üher den Ein besonders beliebtes Schlagwort dieser Herren ist ihre Forderung nach Einführung des allgemeinen Kultus wahlrechtes, worin sie sich 'übrigens mit den Jüdischnationalen einig sind. Es wird behauptet, daß durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes die derzeit abseits Stehenden interessiert werden könnten. Nun ist es wohl richtig, daß manche abseits stehen, aber nur aus eigenem Verschulden, denn es hält sie niemand ab, ihre Pflicht zu tun, die vor allem in der Beitragsleistung zu den schweren Lasten der Kultusgemeinde, also in der Steuerleistung besteht, deren Minimum von 25 Groschen auch dem Aermsten erschwinglich ist. Wer diese Pflicht nicht erfüllt, hat das Recht verwirkt, an dem Geschicke der Gemeinde mitzuwirken, denn es geht nicht an, daß das Interesse an dem Wohl und Wehe der Kultusgemeinde erst bei der Wahl und für die Zwecke der Wahl bekundet wird. So mancher Jude, welcher mit offenem Blicke und frei von parteipolitischer Verblendung diese mißlichen Verhältnisse in de*- Wiener Gemeinde beobachtete, muß sich die Frage vorlegen: „Was nun? Was soll geschehen, um die altehrwürdige Wiener Kultusgemeinde vor der ihr drohenden Gefahr einer Politisierung zu bewahren?" Allgemein ist das Gefühl vorhanden, daß diese Verhältnisse ungesund sind und bei längerem Andauern von bösen Folgen für die Stellung der Wiener Juden und ihre Gemeinde sein müssen. Es ergibt sich somit gewissermaßen von selbst das Bedürfnis nach Zusammenschluß zur Verteidigung der gefährdeten Interessen der Kultusgemeinde zur Abwehr der gewaltig angewachsenen Bewegung, die dahin geht, die Gemeinde politisch zu versuchen, und es ist klar, daß dieser Zusammenschluß sich auch gegen jene Politiker richtet, Büchern zu sitzen und sich von den Eltern ernähren zu lassen? Ich will versuchen, auf eigenen Beinen zu stehen." Der Alte gab endlich nach, doch mußte sich der Junge verpflichten, bevor er die Reise antrat, sich von dem alten Rabbi in seiner Heimatstadt, der sein Lehrer gewesen, zu verabschieden; nun reiste er auf den Sabbat in seine Heimat. Am Freitag abends, nach dem Gottesdienst, saß unser junger Mann bei dem Tische des Rabbi, mitten unter den anderen Jüngern. Als der Rabbi anfing, die „Thora" zu sagenr wurde dem jungen Ketzer sehr heiß, die Worte des Meisters konnte er nicht ertragen, denn im Herzen war er schon gründlich verdorben. Er legte also seine Pelzmütze ab und im bloßen Käppchen ging er hinaus, um in der schönen Sommernacht einen Spaziergang zu machen. Draußen versank er in Sinnen, da er ja so Wichtiges vorhatte, und im Gehen entfernte er sich immer mehr vom Hause, bis er ganz vom Wege abirrte. Als er aus dem Sinnen erwachte, konnte er den Rückweg nicht finden. Er fing an, aufs Geratewohl vor sich hinzugehen, ging und ging, wohin ihn die Füße trugen, bis er in der Ferne eine Stadt sah. Als er aber näher kam. merkte er, daß es nicht eine Stadt, sondern ein Gebüsch war. Aber, im Gebüsch funkelte ein Lichtlein. Dem Lichtlein ging er nach, es kam von einem Hause, wo eine Bäckerei war. Er klopfte an, und da er sehr hungrig war, bat er um ein Stück Brot. Wie er dasaß und die Gabe verzehrte, kam ein kräftiger, hochgewachsener Bursche in die Stube, setzte einen großen Korb auf den Boden und händigte dem Bäcker den Erlös für das verkaufte Gebäck ein. Der Ankömmling fragte den Bäcker, wieviel so ein Gebäckausträger den Tag verdiene, der Bäcker sagte, so und so viel. Nun fing der junge Gelehrte an, den Bäcker zu bitten, daß er auch ihn in Dienst nehme. Doch jener weigerte sich: „Ihr seid ein zartes Kind in Seidengewändern, Ihr seid zu was Besserem geboren als zu solch grober Arbeit. Was könnte ich mit Euch anfangen?" Doch jener ließ sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.