Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 26 (29.6.1928)
- Date
- 1928-06-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Oroscken. „■itt des Veröff entlidiungen der „Union deufschöstetr. Juden" und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 29. Juni 1928 Nummer 26 Die Wiener Kultuswahlen, Wie in der letzten Nummer unseres Blattes berichtet, finden am 2. Dezember 1928 wieder Wahleninden Wiener Kultusvorstand statt. Jede solche Wahl ist von besonderer Wichtigkeit, denn die Kultusgemeinde greift in das Leben jedes Wiener Juden auf mannigfachste Art ein. Bei der diesmaligen Wahl aber geht es wirklich um das Ganze. Ebenso wie gewissenlose Politiker die Kluft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern unseres Staates vergrößern wollen, so macht sich auch im jüdischen Lager, verstärkt durch das Treiben mancher jüdischnationaler und sozialdemokratischer Politiker gerade in der Zeit, die Einigkeit erfordert hatte,, eine Spaltung bemerkbar. Die Schuldtragenden bei den Jüdischnationalen sind die gleichen Männer, die auch im eigenen zionistischen Lager stets Unruhe stiften. Wenn wir hier rückschauend diese Zwistigkeiten betrachten, so wollen wir vor allem feststellen, daß auch von Nichtzionisten tief bedauert werden muß, daß das palästinensische Aufbauwerk eine schwere Krise erlitten hat, so daß die Auswanderung die Einwanderung durch längere Zeit um mehr als das Doppelte überstieg. Diese mißlichen Zustände illustrierte auch der XV. Z i o n i s t e nkongreß in Basel, dokumentiert auch der sensationelle Vorschlag des ehemaligen englischen Ministers Oberst Wedgewood, eines überaus warmen Freundes der zionistischen Idee, P aläs'tina als siebentes Dominion dem englischen Reiche anzugliedern. Ueber diese Zustände konnten äußerliche Scheinerfolge nicht hinwegtäuschen, wie z. B. die Gründung eines österreichischen „Pro-Palästina-Komitees", dem wir trotz seiner merkwürdigen Zusammensetzung immerhin reserviert gegenüberstehen, soferne es sich wirklich einer strikten Neutralität im innerjüdischen Meinungskampfe befleißigen wird. Aber nicht einmal als solcher Scheinerfolg konnte der vorjährige Kongreß der nationalen Minderheiten in Genf betrachtet werden, auf dem Jüdischnationale die. österreichische Judenschaft zu vertreten vorgaben. Wir fühlen uns aber hier nicht als „n aT*sw«n e' Minderheit, wir sind eine MinoritätnurinAnsehung unserer Religion und wollen eine solche sonst in gar keinen Belangen sein. Für die österreichischen Juden, deren Großteil zu dieser Genfer Versammlung keinen Vertreter entsendet hatte, wurde schließlich auf dem Kongreß selbst die Türe geschlossen. Dennoch hat sich auch der letzte österreichische Delegiertentag trotz der großen Mißerfolge auf diesem Gebiete vor allem m i t „L a n d e s p o 1 i t i k" befaßt. Dieser Delegiertentag gelangte übrigens auch in einer der wichtigsten Fragen zu keiner Einheitlichkeit. Denn erst bei der zweiten Tagung konnte mit der Wahl Dr. Goldhammers zum Präsidenten das Provisorium beendigt werden. Dieser bezeichnende Zwischenfall ist nur eine der in den letzten Jahren sehr zahlreichen Krisen der österreichischen jüdischnationalen Partei gewesen. Als auch für die Kultusgemeinde wesentlich ist der Austritt der Herren Oberbaurat Stricker und Dr. Leopold Plaschkes aus dem Wiener Kultusvorstande zu verzeichnen. Der Grund lag in der Ablehnung des Strickerschen Antrages, im Kulturvorstande wegen der Wahlrechtsfrage eine oppositionelle Haltung einzunehmen, durch die Mehrheit der zionistischen Parteileitung. Vor kurzem sind die „Radikalen" überhaupt aus allen leitenden zionistischen Körperschaften Oestereichs ausgetreten, so daß die Spaltung vorläufig eine endgültige ist. Wie sehr Fraktionsstreitigkeiten die österreichische zionistische Partei beherrschen, geht auch aus dem Umstände hervor, daß jede Frakton ihr besonderes journalistisches Sprachrohr besitzt. Seit dem Beginn des Jahres 1928 erscheint in Wien wieder ein offizielles zionistisches Wochenblatt „Die Stimm e", das für eine „gemäßigte" Politik eintritt. Ing. Stricker aber verfügt seit dem Eingehen der „W i e n e i Morgenzeitun g", mit der die Partei zumal nach ihrer schweren Niederlage beiden Nationalratswahlen ein sehr bedeutendes Bollwerk verloren hat, über ein von ihm begründetes radikat-na-