Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 25 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 ™niMimnt^ DIE WAHRHE11 WaUvUmwnKge Ein antisemitischer Schriftsatz. In einem ansonsten recht nebensächlichen Prozesse vor dem Strafbezirksgerichte I glaubte der Rechtsanwalt der Klägerin Dr. Karl Hubel noch ein übriges tun zu müssen und verfertigte gegen den Angeklagten, einem jüdischen Bankier, einen Schriftsatz, der dem Advokaten, in einer Hakenkreuzversammlung verlesen, wohl die begeisterten Heilrufe der Versammelten eingetragen hätte, so aber hoffentlich mit einigen Unannehmlichkeiten für ihn verbunden sein dürfte. Hübel sagte nämlich in dem Schriftsatz, es sei gerichtsbekannt, „daß unsere jüdischen Mitbürger ihr Soldatentum weniger in den Schützengräben zu beweisen, als im Hinterland die Katastrophe herbeizuführen suchten. Der Bankier habe zwar ein seiner Rasse entsprechendes jüdisches Aussehen ... er habe die infamste Frechheit und habe die Klägerin veranlaßt, für ihn und seine ganze Mischpoche Lebensmittel bei den Bauern zu sammeln, um damit den Abschaum der Menschheit zu füttern". Der Bankier klagte Dr. Hübel und seine Klientin wegen der skandalösen Ausdrücke des Schriftsatzes auf Ehrenbeleidigung. Der Richter aber vertagte die Verhandlung, um der Rechtsanwaltskammer Einsicht in diesen höchst merkwürdigen Schriftsatz zu gewähren. Die Rechtsanwaltskammer hatte übrigens schon öfters Gelegenheit, sich mit Herrn Dr. Hübel wegen seiner in der Praxis bekundeten antisemitischen Gesinnung zu befassen; hoffentlich wird sie den vorliegenden krassen Fall von Uebertretung der Anwaltsrechte benützen, um endlich einmal ein Exempel zu statuieren. Jewish-Agency-Konferenz. In London begannen vorige Woche die Beratungen der Jewish-Agency-Kommission, an der auch hervorragende amerikanische Nichtzionisten. so der amerikanischjüdische Führer Louis M a r s h a 11 teilnehmen. Der Zweck der Konferenz ist bekanntlich der, die abseits stehenden Nichtzionisten durch die Verbreiterung der Plattform der Jewish- Agency, die bisher gemäß dem Mandatsvertrage ausschließlich in Händen der zionistischen Organisation lag, am Palästinaaufbau zu interessieren. Nach Beendigung der ersten offiziellen Sitzung der Kommission erklärte der Präsident der zionistischen Weltorganisation Professor Dr. Chaim Weitzmann dem Vertreter der „Ita", daß sich sämtliche Kommissionsmitglieder hinsichtlich des Verlaufes der Beratungen zu absolutem Stillschweigen verpflichtet haben. Jede Mitteilung über den Inhält der Beratungen sei deshalb als verfrüht anzusehen. Infolge dieser, übrigens recht merkwürdig anmutenden Reserviertheit gegenüber der Presse, sind auch wir erst nach Abschluß aller Beratungen in der Lage, über die Angelegenheit eingehend zu berichten. Religion und Abwehr. In der Berliner „C.-V. Zeitung" schreibt Rabbiner Dr. Breuer über Religion und Abwehr: .....Von der Gefahr einer fortschreitenden Politisierung des Judentums sind aber auch diejenigen unter uns bedroht, die den vom Antisemitismus uns aufgedrungenen Abwehrkampf als eine rein politische Aufgabe betrachten. Der Nichtjude. der sich an diesem Kampfe beteiligt, weil ihm die sittliche Reinheit des Deutschtums am Herzen liegt, mag diesen Kampf lediglich unter politischem Aspekte führen. Der Jude aber, der von seiner Umwelt als Träger eines besonderen religiösen Erbgutes geschaut und gewertet sein will, sollte nie vergessen, daß diese von ihm gewünschte Schau und Wertung durch die religiöse Natur seines Abwehrkampfes bedingt ist. Wie wir uns der Umwelt darstellen, so werden wir geschaut und gewertet. Diese Umwelt wird es aber nie begreifen, was einen Juden, der dem Judentum die religiöse Gefolgschaft versagt, davon abhalten könnte, in seiner Umwelt restlos aufzugehen. Für den gefühlsmäßigen 'Zusammenhang mit dem Judentum, den eine Persönlichkeit wie Gabriel R i e ß e r noch als unlösbar empfand, hatten die, an deren Rechtsbewußtsein sein Flammenwort appellierte, nur wenig Verständnis. Sie empfanden ihn als den politischen Geschäftsführer des jüdischen Volkes. Sie hätten ihn anders empfunden, wenn die Intensität seines religiösen Fühlens auch nur halbwegs herangereicht hätte au die stürmische Leidenschaft seines politischen Affekts. Die religiöse Natur des Abwehrkampfes sollte von Rechts wegen diejenigen unter uns an die vorderste Stelle dieses- Kampfes führen, die in der ganzen Breite und Tiefe ihres Lebens an die ewigen Normen des Religionsgesetzes sich gebunden fühlen: die Orthodoxie. Denn es ist doch klar, daß z. B. antisemitische Verunglimpfungen der talmudischen Moral von jüdischen Menschen, die im Talmud leben und weben, als eine Beleidigung von viel stärkerer Unmittelbarkeit empfunden werden, als wenn ihnen dieser Talmud bloß eine Bibliotheksnummer der Judaica-Abteilung wäre. Gleichwohl steht es fest, daß die im Beth-Hamidrasch den Wirren dieser Welt Entrückten, falls die idyllischen Räume ihres Lehrhauses nicht durch Pogromhorden verwüstet werden, die alltäglichen Aufgaben des Abwehrkampfes neidlos den „anderen" zu überlassen pflegen. Mit Unrecht." Es ist gar keine Frage: Eine Verteidigung der Juden ohne Kenntnis des Judentums, und ohne Anhänglichkeit zum Glauben der Väter ist kaum denkbar. Man kann nicht den Juden in seinen äußeren Rechten schützen, wenn man das Meiste, was im Juden wirkt, verleugnet. Ob es aus Unkenntnis oder aus Leichtfertigkeit geschieht, — die Folgen sind tragisch. Nur wer das Judentum kennt und liebt, ist dazu berufen, die jüdische Ehre zu verteidigen. Umwandlung der palästinensischen Universität. Als Staatsrat Cohn, Dessau, und R.-A. Dr. Bruno Weil, Berlin, zwei prominente deutsche Nichtzionisten. vor etwa Jahresfrist über die Eindrücke ihrer Palästinareise berichteten und dabei betonten, daß die hebräische Universität in Jerusalem vorläufig ihren Wert vornehmlich als zionistisches Propagandamittel erwiesen habe und mit dem, was man bei uns unter einer Universität verstehe, kaum etwas gemein habe, überbot sich die deutsche zionistische Presse in „Feststellungen" und Beschimpfungen. Wie berechtigt aber die damaligen Ausführungen waren, das mögen die nachstehenden Sätze zeigen, die ein wörtliches Zitat aus dem Leitartikel einer der letzten Nummern der Berliner zionistischen „Jüdischen Rundschau" darstellen. Da heißt es: „In diesen Tagen findet in London auch eine Konferenz des Kuratoriums der hebräischen Universität Jerusalem statt. Die Anfänge der Universität bestehen jetzt drei Jahre und die verantwortlichen Körperschaften werden sich Rechenschaft abzulegen haben, ob sie mit der Entwicklung des Institutes zufrieden sind. Wir haben seinerzeit anläßlich der großen Eröffnungsfeierlichkeiten darauf hingewiesen, daß eigentlich noch keine Universität vorhanden ist. sondern nur der Wille, eine Universität zu schaffen. In den ersten drei Jahren wurden manche Versuche unternommen, eine Reihe von Instituten begann eine vielversprechende Arbeit, aber auch heute sind noch kaum die Konturen der Entwicklung zu einer wirklichen Universität zu erkennen. Drei Jahre sind freilich eine kurze Zeit, besonders für ein armes und unerfahrenes Volk wie wir, und es wäre ungerecht, mit Ungeduld und weitgehenden Forderungen zu 'drängen, solange die Bedingungen für den Ausbau nicht reif sind. Ebenso unrichtig aber wäre es. das Problem nicht zu sehen, das Anlaß zu berechtigter Unzufriedenheit bietet. Der Verband der Studenten an der Universität Jerusalem sendet uns zur Veröffentlichung ein Memorandum, das er dem Kuratorium zu seiner Sitzung überreicht hat. Darin wird Klage geführt, daß die Universität ihrem eigentlichen Ziel noch nicht nähergekommen sei: Die Universität hat nur eine kleine Zahl von Studenten, und auch diese sind mit ihr nicht recht verbunden, sie sehen keine Perspektiven und keinen Weg einer wirklichen Vollendung der Studien. Infolgedessen haben viele Studenten die Universität wieder verlassen, und auch die verbliebenen werden dazu gezwungen sein, wenn nicht die nötigen Reformen durchgeführt werden. Als die zwei Grundübel bezeichnet das Memorandum den Mangel eines Lehrplans und den Mangel von Lehrstühlen für wichtigste Fächer. Bis heute weiß man nicht, worin der Lehrkursus der einzelnen Institute besteht, wie lange er dauert, wie er abgeschlossen wird usw. An der judaistischen Fakultät fehlen bis heute die Lehrstühle für Bibel, hebräische Sprache, jüdische Ge schlichte und jüdische Philosophie. Ohne diese ist jedo.ch ein ei udaistische Ausbildung völlig undenkbar. Auch an dem chemischen und mathematischen Institut fehlen noch wichtige Fächer. Der Studentenverband appelliert an das Kuratorium, eine Lösung dieser wichtigen Probleme zu finden." Uns scheint diese Kritik der „Jüdischen Rundschau" noch einige