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Die Wahrheit · 1928-06-22 · Heft 25 (22.6.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 25 (22.6.1928)
Date
1928-06-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wer diese Sondierschiaii besucht, wird wahrnehmen, daß hier in Auswähl des Stoffes und in der Anordnung des. Gebrachten eine ganz besonders befähigte Hand gewaltet hat. Es ist das große Verdienst des Kölner Qemeinderabbiners Dr. K o b e r, hier ein Werk geschaffen zu haben, auf das wir deutschen Juden mit Recht stolz sein dürfen und für das wir seinem Schöpfer zu herzlichstem Dank verpflichtet sein müssen. Eine solche Sonderschau kann leicht in die Gefahr kommen, nüchtern zu wirken. Unsere Sonderschau fesselt in ihrer Lebendigkeit. Dekorative Teppiche schmücken die Wände, ein Bild des Malers Lesser Ury: „Moses sieht das Gelobte Land vor seinem' Tode" und Radierungen von Herzl und Hermann Cohen grüßen uns im Ehrenhof, ein Wandfries, der einen mittelalterlichen Hochzeitszug darstellt, befindet sich in eiinem anderen Raum und eine kleine Gelehrtenstube bringt in einer weiteren Abteilung erfreuliche Abwechslung. Im Lesesaal, in dem jüdische Zeitungen der Gegenwart zur Benützung aufliegen, hängen alte Thoravorhänge von ganz besonderer Schönheit und Farbenfreudigkeit. Die Ausstellung ist ein Denkmal des jüdischen Geistes. Sie veranschaulicht d*as Wort, das im Ehrenhof über dem Eingang zum Lesesaal geschrieben steht: „Lo wechajil welo wechoach ki im beruchii — Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern dtirch Meinen Geist!" In Oesterreich und auch in Polen grassiert jetzt eine Selbstmordepidemie gegenwärtig in furchtbarer Weise und fordert täglich neue Opfer. Die oberflächliche Betrachtung bucht sie als Symptom einer sozial ungesunden Zeit. Das zeigt, wie sehr die Menschen aufgehört haben, geschichtlich zu denken. Ging es den Juden in Polen vor 50, 60 Jahren besser als heute? Haben die Urgroßväter der heutigen Selbstmordkandidaten nicht unter größerer Qual und Not gelebt? Und zu der wirtschaftlichen Not gesellte sich damals noch die völlige Rechtslosigkeit, die gänzliche Unsicherheit des Lebens, der Demütigungen, Bedrückungen, Ausweisungen und Pogrome. Warum dachten die Leute da nicht an Selbstmord? Nein, gegenüber der Vorzeit ist die heutige Lage noch immer erträglich. Aber — früher hatten die Leute an ihrem Glauben eine starke Stütze, sie trugen die ewige Hoffnung ihres Volkes im Herzen, es leuchtete ihnen eine große Zukunft voran, und die Gegenwart mit all ihren Leiden erschien ihnen erträglich. Ihr Leben war schlicht und anspruchslos und ein inneres, stilles Glück begleitete sie. Die Familie war ihre feste Burg, die Religion die nie versiegende Quelle ihres Hoffens. Und heute? Eine oberflächliche, materialistische Weltanschauung verseucht das Leben. Viele Menschen sind innerlich feer, glauben, das Leben bedeute Genuß, sie sind zu schwach, um zu kämpfen und verzagen, wenn die Möglichkeit des Genusses verschwunden ist. Wo kein Ziel voranleuchtet, da kämpft und strebt man nicht gern. Heute glaubt man häufig, man müsse bald %roß anfangen, müsse ein Leben des Scheins und des Luxus führen, prunken, glänzen. Und kommt die Stunde des Zusammenbruchs, dann lauert die Verzweiflung, und man greift zum Revolver oder zum Gasschlauch. Gewiß gibt es

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