Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 25 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 iifflnuniniiiHiinniiiiuiiiiHiiiiiiiiiiiiiii DIE WAHRHEIT lagen, die von der hohen künstlerischen und manuellen Begabung des Juden Zeugnis ablegen, zollen wir Achtung und Ehrerbietung dem jüdischen Geiste, der wenige Jahre nach der Erfindung der Buchdruckerkunst sich diese Kunst in so hohem Maße zu eigen machte, daß durch sie die geistige Entwicklung des Judentums wesentlich beeinflußt wurde. Wenn der Jude nun von Haus und Hof vertrieben wurde, dann begleiteten ihn seine Bücher auf seinen Irrfahrten. Aber auch die Werkzeuge der Druckereien wanderten mit ihm von Land zu Land. Oft treffen wir in orientalischen Drucken dieselben Typen und Zierleisten wieder, die früher in Spanien ihre Verwendung fanden. In vorbildlicher Weise ist der Ueberblick über die Entwicklung des hebräischen Buches gegeben, diese Sammlung wird bei jedem Besucher einen starken Eindruck hinterlassen. Auch der Freund des modernen jüdischen Buches wird auf dieser Sonderschau nicht enttäuscht. Er findet das schöne Buch, das der zeitgenössische Künstler illustriert hat in dler oberen Abteilung des Pavillons, wo auch eine graphische Ausstellung moderner Künstler mit viel Geschmack zusammengetragen wurde. Wenn uns die Kulturhistorische Abteilung der „Pressa" lehrt, daß die erste deutsche Zeitung im Jahre 1609 die Gutenberg-Presse verließ, so lernen wir in der Jüdischen Sonderschau, daß die erste jüdische Zeitung auf das Jahr 1678 zurückgeht. Die jüdische Gemeinde der Stadt Amsterdam kann den Ruhm für sich beanspruchen, den Boidien für die erste jüdische Zeitung gegeben zu haben. Es war die „Gazeta de Amsterdam", die im alten jüdischspanischen Idiom, dem sogenannten Ladino. sich fast leitete man ihn nach einem sehr hohen und ehrenvollen Platz. Der Arme dagegen lenkte weit weniger die Aufmerksamkeit auf sich. Man empfing ihn in Gemeinschaft mit einem großen Haufen anderer Seelen, die gleichzeitig an die Pforte des Himmels gelangt waren, und schließlich wies man ihm einen Platz irgendwo in einer unansehnlichen Ecke an. Durch diese Behandlung fühlte sich der Arme sehr gedemütigt, und überdies tat es ihm weh, der Gesellschaft des geliebten Freundes verlustig zu gehen, der nunmehr viel höher als er stehen und ihm fortan gewissermaßen fremd sein sollte. Er sagte daher zu den diensthabenden Engeln: „Mit euch will ich nichts zu tun haben, ich will mich euren Anordnungen nicht fügen, ich traue euren Rechtssprüchen und Urteilen nicht, ich verlange sofort vor den Thron Gottes geführt zu werden, damit ich meine Klage vorbringe." Nun haben die Engel des Himmels den strengen Befehl, in solchen Fällen sofort dem Willen des Unzufriedenen Folge zu leisten; sie mußten also, ob sie wollten oder nicht, dem Wunsche des Armen willfahren. Als dieser vor dem Antlitz des lieben Herrgott stand, hub er folgendermaßen zu sprechen an: „Herrgott, was geht denn da vor bei dir? Das ist ja schon ganz wie bei uns dort unten auf der Erde, wo man den Armen stets benachteiligt und kränkt, und vor dem Reichen das Haupt neigt. Selber hast du in deiner Thora niedergeschrieben, man solle die Armen nicht kränken und die Reichen nicht ungebührlich vorziehen. Zuwiderhandelnden aber hast du mit den strengsten Strafen gedroht, und am Ende erlaubst du, daß man bei dir im Himmel in deiner allernächsten Nähe deine eigenen Gesetze mit Füßen tritt. Solch ein Wirt bist du? Das gefällt mir ganz und gar nicht Ich fordere eine Erklärung." Und erzählte die ganze Geschichte, worüber er so entrüstet war, und was der liebe Herrgott natürlich von selber ganz genau wußte. Der liebe Herrgott hörte ihn geduldig an, dann lächelte er gütig und sprach: ein Jahr lang behauptete. Dieses Jüdisch-Spanisch bildet eine interessante Parallele zum Jüdisch- Deutsch, der Sprache der Ostjuden. Wie die deutschen Juden ihre „deutsche Sprache, die sie in hebräischen Lettern schrieben, in die Länder ihrer Verbannung mitnahmen, so hielten auch die spanischen Juden an der Sprache ihrer Heimat fest und die Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden sprechen und schreiben1 noch heute ihre uralte Muttersprache, dieses Jüdisch-Spanisch! Neben der „Gazeta de Amsterdam" finden wir darum auf der jüdischen Sonderschau eine stattliche Anzahl moderner Zeitungen, vornehmlich aus den Balkanländlern, in dieser jüdischrspanischen Sprache. Auch in Deutschland wurden im 18. Jahrhundert jüdische Zeitungen gedruckt, gewöhnlich in hebräischen Lettern. Ein interessantes Dokument dieser Zeit ist gleichfalls in der Sonderschau anzutreffen, die „Dyherrnfurter privilegierte Zeitung", eine Wochenschrift, die im Jahre 1771 begann. Noch manche bibliophile Seltenheit befindet sich unter den hebräischen Zeitungen, deren Enwicklung die Ausstellung veranschaulicht und1 ganz besonders instruktiv ist die Uebersicht über die jüdisch-deutsche Tagespresse, die einen ganzen Raum für sich erhalten hat. Wer sich ein Bild von der jüdischen Presse der ganzen Welt machen will, hat hierzu in den einzelnen Sonderausstellungen die beste Gelegenheit. Die vorzügliche Anordnung spiegelt das rege geistige jüdische Leben elines jeden Landes wider. Es ist selbstverständlich, daß die jüdischen Zeitungen Deutschlands am besten vertreten sind. Von unseren Zeitungen, Wochenunidi Gemeindeblättern ist wohl nichts außer acht gelassen worden. „Du irrst dich, mein Sohn, wenn du glaubst, daß deine und deines Freundes Verdienste gleich groß seien. Du hast freilich alles getan was in deiner Kraft lag. und hast Verdienste erworben, die an und für sich in meinen Augen nicht minder groß sind als die deines Freundes. Und dennoch ist ein großer Unterschied zwischen ihm und dir vorhanden, infolgedessen seine Verdienste höher einzuschätzen sind als die deinigen. Siehe, er war reich, besaß unermeßliche Schätze an Gold und Edelsteinen und allerhand Gut. hatte eine Gewalt über viele Menschen; vor ihm neigte man das Haupt, man umschmeichelte ihn, keiner wagte, ihm die Wahrheit in das Gesicht zu sagen, selber hatte er den größten Teil seines Lebens kein Elend gekostet, er hatte längst vergessen, wie Hunger und Not schmecken. AH das macht gewöhnlich das Herz des eitlen Menschen hart, macht es fühllos für das Leiden seiner Nächsten, unfähig, zu verstehen, was in der Seele eines Armen vorgeht. Dein Freund jedoch gehörte zu den sehr seltenen Ausnahmen, die dem Reichtum nicht erlauben, ihre Seelen zu beflecken. Das ist sein Verdienst Dir aber, der du selber arm warst, selber unter dem Joch des Elends seufztest, dir war es ungleich leichter, das bittere Los der Unglücklichen nachzufühlen, Erbarmen mit ihnen zu haben und ihnen Gutes zu tun. Du hattest nicht so viele Hindernisse zu überwinden, noch so vielen Versuchungen zu wiederstehen wie er. Glaubst du, solche wie er kommen alle Tage her? Nein. Nur alle paar tausend Jahr einer. Därum haben sich meine Engel über den seltenen Gast so sehr gefreut. Aber solche wie du kommen hier jeden Tag an. Was soll man viel Aufhebens davon machen? Erwäge das gut in deinem Urteil. Da du aber dein ganzes Leben in ungetrübter Freundschaft mit ihm ausgeharrt hast, ohne den Einflüsterungen des Neides und anderer böser Triebe zu deinem Herzen Zutritt zu gewähren, so will ich dir eine Gnade erweisen und nicht erlauben, daß man euch trenne." Also sprach der liebe Herrgott und die beiden Freunde blieben in aller Ewigkeit beisammen. Darum sagt das Sprichwort: Ein guter Freund ist gut auf dieser und auf jener Welt. (Fortsetzung folgt.)