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Die Wahrheit · 1928-06-22 · Heft 25 (22.6.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 25 (22.6.1928)
Date
1928-06-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT 1 ■ Gräbern unserer Gefallenen tönt uns rdier Ruf entgegen: Möchten doch wir die letzten Kriegsopfer ( gewiesen sein! Dieser Ruf unserer Teueren möge' namentlich in den Herzen unserer Jugend nicht spurlos verhallen. Euch Helden allen aber, sowohl euch, die ihr da draußen eingezeichnet seid, als auch allen anderen ohne Unterschied des Glaubens und des Standes rufe ich zu und bete für euch: Möget ihr alle in eueren Gräbern selige Ruhe finden, Amen! „Isop." Die Jüdische Sonderschau auf der „Pressa". Von Landesrabbiner Dr. W i 1 h e 1 m, Braunschweig. Obwohl erst im Leitartikel der vorwöchentlichen Nummer unseres Blattes die „I s o p" von informierter Seite eingehend besprochen wurde, stehen wir dennoch nicht an, den folgenden, der 1 i „Wahrheit" freundlichst zur Verfügung gestellten Aufsatz des Herrn Landesrabbiner Dr. Wilhelm, Braunschweig, über die Jüdische Sonderschau auf der Kölner „Pressa" zur Veröffentlichung zu bringen, zumal diese grandiose Kulturleistung des Judentums sicherlich eine eingehende mehrfache Besprechung verdient. D. Red. „Schrift ist die Pforte zum Geist und zum Worte. Geh, weise die Pforte!" Diese Worte liest der Besucher der Internationalen Presse-Ausstellung zu Köln im ersten Raum der kulturhistorischen Abteilung. Sie bilden gleichsam das Motto, unter dem die ganze „Pressa" steht. Es ist ihr Sinn, den Weg zum Geist und zum Wort zu weisen und dem Beschauer zu zeigen, daß Schrift und Druck die Pforte bilden zu jeglicher Kultur der Menschheit. In besonders hohem Maße hat dieses Wort jedoch Bedeutung für uns Juden. Die Schrift ist die Pforte zum jüdischen Geiste und zu allen Werten, die der Geist des Judentums geschaffen hat. Die „Schrift" steht deshalb im Mittelpunkt der Jüdischen Sondlerschau, die auf dem Ausstellungsgelände in einem vornehm-schlichten Pavillon untergebracht ist. Die „Schrift", eine besonders schöne Thorarolle im Barockstil, Eigentum der altehrwürdigen Wormser Gemeinde, ist in der Mitte des sechseckigen Ehrensaales in einer Glasvitrine aufgerollt. Die seltensten Handschriften, unter anderen eine besonders wertvolle Mischnahandschrift und eine mit viel Liebe und Geschmack geschriebene und illustrierte Hagada, befinden sich in den Schaukästen des Ehrensaales. Ebenso wertvoll und interessant sind auch die Inkunabeln, die Drucke vor 1500, idie wir hier betrachten können und die übersichtlich nach Inhalt geordnet sind. Das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau hat hier die Perlen seines Besitzes zur Verfügung gestellt, die kostbarsten hebräischen Inkunabeln, die sich in Deutschland finden. Erwähnung verdient insbesondere der Erstdruck des Pentateuchkommentars von Nachmanides, ein italienischer Frühdruck vor 1480. Wie mir mein verehrter Lehner Professor Brann s. A. einmal erzählte, war dieses Exemplar einst Eigentum Moses Mendelssohns und hat eine wechselvolle Geschichte. Die italienischen Inkunabeln sind überhaupt gut vertreten, wir sehen das auf Pergament gedruckte römische Machsor und zwei Maimonidesdrucke, den Mischne Thora von 1490 und den Mischnakommentar aus Neapel von 1492. Wir bewundern diese Erzeugnisse der ersten hebräischen Druckereien und angesichts der Ausbeiden siedelten nun in. die ferne Stadt als Schwiegersöhne über, und es ging ihnen sehr gut. So lebten sie viele Jahre in derselben Stadt in ungetrübter Freundschaft und in Wohlstand dahin, bis eines Tages das Schicksal anfing, einen von ihnen zu verfolgen. Was immer er anfassen mochte, er hatte kein Glück, bis er endlich das ganze Vermögen verlor. Und in demselben Maße, als den einen der Freunde das Unglück verfolgte, gesellte sich dem anderen das Glück zu, er hatte in allem, was er unternahm, Erfolg, bis er am Ende sehr, sehr reich wurde. Doch die Freundschaft der beiden hielt auch jetzt, trotz des Unterschiedes der Lage, stand. Der Reiche bot jedesmal dem Armen seine Hilfe an, dieser aber weigerte sich entschieden, auch nur das Geringste anzunehmen, indem er behauptete, solange einer sein Brot verdienen könne, dürfe er dem Freunde nicht zur Last fallen. Da er eine schöne Stimme hatte und schön zu singen verstand, wurde er Chasan; aber das Unglück ließ ihm keine Ruhe, und so verlor er die Stimme. Schließlich wurde er Kinderlehrer in derselben Stadt. Er verdiente so viel, daß er seine Familie kümmerlich, aber redlich ernähren konnte. Doch verließ ihn die Seelenheiterkeit keinen Augenblick, und' nie vernahm jemand aus seinem Munde eine Klage wider die Fügungen des lieben Herrgott, im Gegenteil, er trug sein Schicksal mit Ergebung und dankte dem Himmel für alles. Und die Freundschaft zwischen den beiden Genossen erfuhr noch immer keine Trübung. Trotz der Verschiedenheit ihrer Lage besuchten sie sich gegenseitig, berieten miteinander ihre Angelegenheiten, und in freier Stunde führten sie lange Disputationen über gelehrte Sachen, mit einem Worte, sie liebten sich nach wie vor, wie es Gott befiehlt. Einmal sprach der Reiche — der ein sehr wohltätiger Mann war und die Armen mit Geld und Rat freiwillig unterstützte — zu seinem verarmten Freunde: „Ich bewundere die Seelenruhe, mit der du deine Notlage erträgst, ohne gegen den Himmel zu murren: aber was ich vollends nicht begreifen kann, ist, wie du, der du in den guten Zeiten so viel Geld auszugeben pflegtest, um Hungrige zu nähren, Nackte zu kleiden, Waisen zu erziehen, Witwen und Verlassene zu beschützen — wie du also jetzt, da deine Mittel dir solches nicht erlauben, ohne Schmerz auf die große Wonne verzichten kannst, die aus solchen Handlungen fließt. Das ist mir ein Rätsel." Darauf antwortete der andere: „Wahr ist es, daß mich häufig ein großes Weh beschleicht und das Herz sich mir zusammenschnürt, wenn ich einen Armen sehe, dem oft mit der kleinsten Gabe geholfen werden könnte, und da mir auch dies versagt ist, gedenke ich unwillkürlich der alten Zeiten. Aber ich trachte mein Gewissen zu erleichtern, indem ich mich doppelt bemühe, den Dürftigen, da ich kein Geld habe, mit meiner Person, wo ich nur irgendwie kann, nützlich zu sein. Siehe, ich unterweise zum Beispiel die Kinder der Armen, die sonst ohne jeden Unterricht, ohne Kenntnis der Heiligen Lehre und der göttlichen Gebote aufwachsen würden. Ich kann freilich nur wenig hergeben, um Not und Elend zu lindern, aber ich bemühe mich, so gut ich kann, mit denen, die noch ärmer sind als ich. das Wenige, was ich habe, zu teilen; soweit meine Pflichten es zulassen, pflege ich Kranke, nehme mich der Witwen und Waisen an, mit einem Worte, ich übe gute Taten, freilich nicht mit dem Vermögen, das ich nicht besitze, wohl aber mit meiner Person, und ich hoffe, daß das Wenige Gott gerade so lieb ist wie das, was ich tat, als mir große Reichtümer zur Verfügung standen." Jenem gab diese Antwort viel zu denken. Doch erneuerten sie bei dieser Gelegenheit den einstigen Schwur ewiger Freundschaft, wonach die beiden in dieser und jenen Welt ewig unzertrennlich sein sollten. Nach langer Zeit kam endlich für beide die Stunde des Todes. Beide starben an einem und demselben Tage. Als sie in das Jenseits kamen, wurde jeder auf eine ganz verschiedene Art empfangen. Zum Empfange des Reichen rückten ganze Engelchöre an, man machte ihm Platz, erwies ihm alle Ehren, die einem vollkommenen Gerechten gebühren, welcher ungeheure Schätze guter Taten mit sich bringt. Schließlich ge-

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