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Die Wahrheit · 1928-06-22 · Heft 25 (22.6.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 25 (22.6.1928)
Date
1928-06-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiw pjg WAHRHEIT bewährtem Muster dadurch glaubten, am besten jede Schuld von sich abzuwälzen, wenn sie uns Juden verleumdeten, uns als die Veranlasser aller Uebel und allen Unglücks hinstellten. Wie oft entströmte da unseren Lippen die Wehklage: also so sieht der Dank dies Vaterlandes aus. für das wir geblutet für das wir unser Bestes geopfert haben? Unser Weh war umso größer, als wir. da wir in den Krieg zogen, wußten, daß wenn wir auch ruhmgekrönt nach Hause kommen werden* uns keine Lorbeerkränze geflochten werden. Aber wir glaubten zumindest, daß endlich Haß und Vorurteil schwinden werden. Und siehe da, man begeiferte, man beschimpfte uns! Es war die bitterste Enttäuschung, die wir in unserer, an Enttäuschungen nicht armen Geschichte erlebt haben. Wahrlich, wenn die Toten sprechen könnten, die jüdischen und die nichtjüdischfen. sie würden harte Worte geisren diese Verleumder gebraucht haben, die sich namentlich in den Kreisen derer befanden, die nie einen Schuß abfeuern hörten. Doch ziehen wir den Schleier der Vergessenheit darüber und danken wir den Männern, die ihre Pflicht erfüllt haben, die ihr Leben als Opfer auf dem Schlachtfelde gelassen haben. Unsere tiefe Liebe ist ihnen gewiß! Wir glaubten aber ihnen diese unsere Liebe und Wertschätzung auch dadurch zu bekunden, daß wir an der Mauer unseres Heiligtumes ihnen ein sichtbares Zeichen des Gedenkens gewidmet haben. Und darum gebührt Dank den edlen Wohltätern, die es ermöglicht haben, daß diese unser Gotteshaus schmückende Tafel an«refertiV+ werden konnte. Diese Tafel soll jedoch nicht allein der Erinnerung an die gefallenen Helden dienen, sondern sie1 soll uns auch allen eine Mahnung sein, daß wie diese 'Männer in Zeiten der Not ihr Leben für die Heimat geopfert haben, auch wir immerdar bereit sein müssen, unser Bestes hingeben zu können, wenn es gilt, das Wohl der Menschheit zu fördern. Unser Streben muß dahin gehen, zu arbeiten an der Vertiefung des Friedens unter den Menschen. Denn wir sind der Meinung, daß wie im gewöhnlichen Leben jeder Streit und jeder Uebergriff auf friedlichem Wege geschlichtet werden muß, so muß auch dort, wo Völker miteinander in Streit geraten sind, es eine Schlichtungsstätte geben, welche die Streitenden zum Frieden zwingt. An diesem Ideale wollen wir arbeiten. Denn R. Jehuda ha-Nassi hatte recht wenn er sagte, war Juden sind auch schon darum zum Frieden verpflichtet, weil ja das letzte Wort des Priestersegens nicht umsonst mit dem Worte „Frieden" auslautet. Und so» lassen Sie mich denn jetzt mit einem Worte unserer Weisen schließen: Als Abraham — so sagen sie — auf Gottes Geheiß statt seines heißgeliebten Sohnes einen Widder opferte, da trat er vor Gott hin und sasrte: Herr, ich weiche nicht eljer von hier, als bis du mir schwörst, daß du mich nicht mehr prüfen wirst. Denn wenn ich. Was Gott verhüte, dir nicht Folge geleistet' hätte, hättest du mich um alles gebracht, worum ich mich in meinem Leben bemüht habe. Bei deinem Leben — erwiderte Gott — so ist es und er schwur ihm, ihn nicht mehr prüfen zu wollen. So flehen auch' wir zu Gott, daß wir nicht mehr mit Krieg geprüft werden und daß dieser Krieg der letzte aller Kriege gewesen sein möchte, damit wir eridlich! arbeiten können an dier Vertiefung des Friedens und an der Anbahnung der Versöhnung aller Menschen. Denn auch aus den ■ Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Die Bürde des Schicksals. Jeder trägt sein Bündel Kummer und Leiden auf den Schultern, sagt das Sprichwort. Es war einmal ein Mann, der trug ein gar großes und schweres Bündel auf den Schultern, schon viele Jahre lang, und alle Mühe, es abzuwälzen, war vergebens. Einmal ging er durchs Land, und die Last beugte ihn so nieder, daß er beinahe zusammenbrach. Das war ihm endlich zu viel, und er fing an zu jammern und zu klagen: „Wenn ich doch einmal dieses verdammte Bündel da loswerden und mich gerade aufrichten könnte! Wie würde ich Gott loben und preisen!" Da bedachte er, was das Sprichwort sagt, daß jeder Mensch ein Bündel durchs Leben tragen muß, und sagte zu sich: „Wenn es schon ein Bündel sein muß. so wäre mir jedes andere lieber als das, welches ich auf den Schultern habe, all die Jahre hindurch." Er musterte im Gedanken alle „seine Freunde und Bekannten und fand, daß das Bündel, welches jeder andere auf den Schultern hatte, viel kleiner und leichter und bequemer zu schleppen war als das seine. Und wie er so dastand und sann, erschien vor ihm plötzlich ein kleines, graues Männchen, das war Eliah, der Prophet, faßte ihn bei der Hand und sprach: „Komm, folge mir!" Sie gingen Waldaus, waldein, über Berge und Täler, bis sie zu einem hohen Felsenberg gelangten. Vor Eliahs, des Propheten, Berührung traten die Felsen auseinander, und sie drangen hinein. Da fanden sie sich in einem gar weiten und mächtigen Raum, und darinnen hingen an den Wänden der Bündel so viele, daß sie nicht zu zählen waren, von allerlei Gestalt und allerlei Größe. Es waren darunter ganz kleine, die, wie es den Anschein hatte, schon ein Kind tragen konnte, und dann wiederum riesengroße, die ein starker Mann kaum hätte heben können. „Das sind die Bündel Kummer und Leiden, die den Menschen aufgeladen werden," sagte Eliah. „Es gibt keinen, dem nicht eins beschieden wäre. Es steht dir jetzt frei, das deinige abzuwälzen und dir ein anderes zu wählen." Der Mann war ganz erfreut, schmiß sein Bündel vom Rücken und griff nach einem der kleinsten. Wie war er nun erstaunt, als er das. kleine Bündel so schwer fand, daß es nicht von der Stelle zu rühren war. Er versuchte es mit anderen, aber es ging ebensowenig. Die einen waren zu groß, die anderen hatten Knoten und Ecken und rieben ihm die Schultern wund, wieder andere wollten nicht ruhig liegenbleiben, sondern rutschten hin und her und zerschlugen ihm die Rippen. Nach langem Hin- und Hersuchen sagte er sich schließlich, wenn ich schon ein Bündel tragen muß, so ist mir mein altes lieber. Packte es, lud es auf die Schultern und lief davon. Seither sagen die Leute: „Würde man alle Bündel, die die Menschen tragen, an eine Wand aufhängen, jeder Mensch würde nach dem seinigen zurückgreifen." Zwei Freunde. Es waren einmal zwei Jünglinge, die gemeinsam in einer Jeschiba lernten. Die beiden waren seit der frühesten Kindheit durch enge Freundschaft verbunden: sie waren zusammen erzogen worden, hatten zusammen Not und Hunger ertragen, und nun lernten sie zusammen und träumten zusammen von der Zukunft. Schließlich reichten sie sich die Hände, daß ihre Freundschaft ewig dauern und weder in dieser noch in der anderen Welt aufhören solle. Eines Tages kamen in die Jeschiba zwei reiche Leute * aus einer fernen Stadt, um Gatten für ihre Töchter zu wählen. Sie baten das Oberhaupt des Lehrhauses, ihnen die beiden fähigsten Jünglinge zu bezeichnen, die sich in der Lehre am meisten auszeichneten. Er nannte ihnen unsere beiden Freunde, die allgemein als die Ersten unter den Kollegen galten. Die

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