Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 25 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 1 ä 50 Orosdien. •c y- U'ahrkdh faideBlc/mmrift mit dtm Veröffenflidiungen der „Union deufschösterr. Juden* und den tjAmtlidiea Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" ünHiiiiiniiiiuimiiiHuuiuiuniiiiiiiiiiiiiiiniiMUiiiuiiHniHiiiiw Freitag Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 22. Juni 1928 Nummer 25 Der Dank des Vaterlandes.;ü* Am Freitag, den 15. Juni, kurz vor dem Abendgottesdienste wurde die am israelitischen Tempel zu Graz angebrachte Kriegsopfergedenktafel in feierlichster Weise enthüllt. Die Tafel, welche die Grazer Steinmetzfirma Mirko Weiß angefertigt hatte, besteht aus kostbarem schwarzen Marmor, auf der die Namen der im Kriege gefallenen Juden der Grazer israelitischen Kultusgemeinde in Gold verzierten Buchstaben eingemeißelt sind und wurde dieselbe an der Nordseite der äußeren Tempelmauer angebracht. Herr Landesrabbiner Universitäts-Professor Doktor Herzog hielt vor der überaus zahlreich versammelten jüdischen und nichtjüdischen Hörerschaft die folgende Weiherede, die bei allen eine tiefe Wirkung ausübte und ein machtvolles Bekenntnis zu dem Inhalte dieser mit großer Ergriffenheit gehaltenen Rede bildete. Motto: Die Wahrheit ist der größte Feind des Antisemitismus! (Lamprecht: Das Judentum, Gotha, 1928.) In einigen Wochen werden es 14 Jahre sein, daß wir ebenfalls hier versammelt waren und uns gelobten, in treuer Hingabe unsere Pflichten dem Vaterlande gegenüber restlos zu erfüllen. Mit glühender Begeisterung zog unsere Jungmannschaft, zogen unsere Besten hinaus und mit dem begeistertem Rufe, den einst Kaleb den 'Kundschaftern zum Trotz, die das Heimatland verunglimpften, den besorgten Israeliten zugerufen hatte, riefen auch sie aus: Wir wollen hinausziehen und den Feind bezwingen, denn wir können ihn überwältigen (Num. 14, 30). Es waren Tage höchster Begeisterung, die alle Schichten unserer Gemeinde erfaßt hatte. Und selbst dann, als harte und schwere Tage über uns kamen, als wir weit über unsere Verhältniszahl eine Leiche nach der anderen in die kühle Erde senkten, als wir darben unid hungern mußten, war unsere Liebe zum Vaterland nicht gesunken und bis zum letzten Augenblick haben wir, alle unsere Pflichten auf das Gewissenhafteste erfüllt. Es schien, als ob wieder der alte, heldenmütige Geist der Makkabäer in uns alle eingezogen wäre! Und diese Ausharrung war um so bewundernswerter, als wir ja gemäß den Satzungen unserer heiligen Religion das höchste Ideal unserer menschlichen Bestimmung in der Vertiefung des Friedens, in der Liebe zu allen Menschen suchen müssen. Aber in uns loderte das Feuer der Begeisterung, einmal weil wir zeigen wollten, daß wir, wenn das Vaterland ruft, gewillt sind, unser Bestes zu opfern, und daß es für uns keine leere* Flusse war: Gut und Blut fürs Vaterland! Dann aber, weil unsere Jungmannschaft gemeint hat, daß sie endlich erweisen werde, wie ungerecht und gewissenlos die gegen uns genährten Vorurteile waren. So zogen diese Helden aus! Doch leider, viele von denen, die ihr Heldentum bekundet haben, kamen nicht mehr zurück und ließen ihr kostbares Leben als Opfer auf dem Schlachtfelde. Eltern beweinten den Stolz und die Hoffnung ihres Lebens, Frauen den Ernährer, Kinder die Stütze und den fürsorglichsten Berater ihrer Zukunft. Wer vermag den ganzen Jammer, das bittere Leid zu schildern, die tiefen Schmerzen, welche dieser Krieg verursacht hat? Und wenn ich jetzt im Geiste sie alle überschaue, die als Opfer gefallen sind, wenn ich die Familienväter, die Verwandten, die Freunde, die Schüler überschaue, dann erfaßt mich namenloser Schmerz, ein tiefes Leid. Denn sie alle waren wackere, edle Menschen, die restlos ihr Bestes hingegeben haben. Aber es wäre ungerecht, wollten wir nur der Verstorbenen gedenken und nicht auch derer, die als Schwerverwundete, als Blinde, Lahme. Gebrochene heimkehrten, und wenn wir nicht heute auch aller derer gedenken wollten, die ihre Pflichten gewissenhaft erfüllt haben. Sie gingen nach dem Kriege mit dem Bewußtsein nach Hause, das Vaterland und seine Bewohner werden ihnen Dank und Anerkennung nicht versagen. Doch was gewahrten wir? Nun, von Moses wird uns erzählt, daß als er vom Berge Sinai mit den beiden steinernen Tafeln, * auf welchen die zehn Gebote eingegraben waren, 'herunterkam, mit dem Kostbarsten, was Gott [den Menschen zu geben hatte, da erwartete ihn am Fuße des Berges Sinai sein Schüler Josua. Als sie Jiiun aus dem Lager des Volkes einen Lärm hörten, da sagte Josua: Herr, ein Kriegsgeschrei höre ich! Doch Moses antwortete: Nein, das ist kein Kriegsgeschrei, das ist nicht eine Stimme des Sieges und' auch nicht eine Stimme der Niederlage, sondern die Stimme eines Wettgesanges höre ich, Stimmen des Schmähens und Lästerns höre ich (Midr. r. Ki Thisza). So mußten auch unsere heimkehrenden Krieger Schmach und Schimpf über sich ergehen lassen. Und warum das alles? Weil gewissenlose Hetzer, schuldbeladene Nutznießer dtes Krieges nach