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Die Wahrheit · 1928-06-15 · Heft 24 (15.6.1928) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 24 (15.6.1928)
Date
1928-06-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 »"«niintmifflimMimniMmmii^^ OHE WAHRHEH Brief aus Oberschlesien. Bielitz. den 4. Juni 1928. Dem Beobachter der Vorgänge innerhalb der hiesigen Judenschaft bot sich in den letzten Wochen ein Bild, das man hierorts bisher noch niemals wahrgenommen hatte. Man hätte es kaum für möglich gehalten, daß so viel Leidenschaft und Aufwallung der Gemüter bei unseren jüdischen Mitbürgern möglich wäre. Der Kampfruf der Zionisten: „Erobert die Kultusgemeinde" hatte einen so starken Resonanzboden gefunden, daß sich mit einem Male die gesamte Bielitzer Judenschaft — ein bislang in der Geschichte der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde niemals beobachteter Vorgang — in zwei streng gesonderte große Gruppen gespalten hatte: hie „Union demokratischer Juden", hie Zionisten. Die Bedeutung der Gründung der „Union", die alle auf traditionell liberal-demokratischem Boden stehenden Juden zusammenfaßte, wurde von den Zionisten stark unterschätzt. War man doch in zionistischen Parteikreisen völlig davon überzeugt, daß es sich um die mühselige Wiederaufrichtung eines absterbenden Astes handelt, um das letzte Aufflackern der alten, längst totgesagten liberalen Aera. Trotzdem wurde nichts unversucht gelassen, um die ohnehin so feste und fein geräderte Parteimaschine zu ölen und im gegebenen Augenblick mit voller Wucht auffahren zu lassen. Während sich die „Union" auf eine kaum sechs Wochen alte Organisation stützte und mit den eigenen, allerdings überaus bewährten Rednern ihr Auslangen zu finden wußte, haben die Zionisten zum Wahlkampf ihre berühmtesten oratorischen Koryphäen von auswärts bezogen, um den Boden für die Wahlen stimmungsmäßig vorzubereiten: seit Wochen jagte eine Wählerversammlung die andere, ein Redner löste den anderen ab. ein Meer von Flugblättern ergoß sich über Freund und Gegner — kurz: es wurde kein Mittel unversucht gelassen, um die Oberhand zu gewinnen. Der Wahlsonntag wird ein schwarzer Tag in denAnnalen der hiesigen Zionisten bleiben. Nach den Seimwahlen bedeutet dies E r g eb n i s s c h w e r e N i e de r 1 a g e; in die neue Kultusvertretung ziehen 6 Zionisten und 24 „Union"- Kandidaten — darunter 3Agudisten — ein, während für den Ersatz von zionistischer Seite im ganzen nur 1 Mandat, für die „Union" hingegen alle übrigen 5 Sitze gewonnen wurden. Besonders auffallend erscheint der Umstand, daß der zionistische Spitzenkandidat Herr Arzt, dessen Mandat zeitweise überhaupt wankte, nur knapp sein Mandat sichern konnte. Kein einziger der zionistischen Mandatare hat die Stimmenzahl von 470 erreicht, während viele „Union"-Kandidateh bis 550 auf sich vereinigen konnten. Das Ergebnis der Kültuswahlen bedeutet einen Sieg vernünftiger Mäßigung, eine völlige Absage der traditionell eingestellten Bielitzer Judenschaft an den politischen Zionismus und den nationalen Radikalismus. Er muß gewertet werden als das Bekenntnis der hiesigen Judenschaft zu einer Weiterführung ihrer Gemeinde in den bisherigen traditionellen ruhigen Bahnen zum Wohle der jüdischen Gemeinschaft und der Allgemeinheit. Die Zahl der Wahlberechtigten betrug 956, die Wahlbeteiligung erreichte 92 Prozent und war somit eine bisher hier noch nicht dagewesene. Die hiesige Judenschaft sah dem Wahlergebnis mit sehr begreiflichem Interesse entgegen. So fanden sich in den Abendstunden des Wahltages viele Neu-,, gierige vor dem Gebäude der Kultusgemeinde ein. die immer neuen Zuzug erhielten und bald eine dichtgedrängte Menge bildeten, die teilweise bis in den frühen Morgen aushielt, um Teilresultate zu erfahren. Hierbei kam es verschiedentlich zu lärmenden Kundgebungen einiger jugendlicher Heißsporne und in den Morgenstunden ereigneten sich einige Zwischenfälle, die ein Eingreifen der Polizei notwendig machten. Es bleibt zu hoffen, daß die kommenden Zeiten ernster Arbeit in der Kultusstube die durch die Wahlzeit verschärften Gegensätze herabmildern und auch vielleicht notwendige Ausgleiche anbahnen werden. _ Med.-Rat Dr. Heinrich Haase, Inspektionsarzt der Wiener Produktenbörse, vollendete dieser Tage das 40. Jahr seiner ärztlichen Berufstätigkeit und war aus diesem schönen Anlasse Gegenstand herzlichster Glückwünsche* Der hochgeschätzte und verdienstvolle Jubilar erfreut sich in der breitesten Wiener Oeffentlichkeit größter Beliebtheit wegen seiner vielfachen Verdienste als Arzt und Wissenschaftler. Getreu dem klassischen Worte Prof. Notnagels, daß ein guter Arzt auch ein guter Mensch sein müsse, wirkt MecL-Rat Dr. Heinrich Haase in seinem Berufe; insbesondere ist es die verwaiste jüdische Jugend, der er als ehrenamtlicher Arzt des Merores-Waisenhauses seine besonders liebevolle Aufmerksamkeit schenkt. Auch sonst genießt der Jubilar in den Kreisen des Wiener Judentums wegen seiner Tätigkeit für dasselbe größte Hochachtung und Verehrung; er ist seit langen Jahren Schriftführer der „U n i o n deutschösterreichischer Juden" und betätigt sich als O b m a nn der Bezirkskoramission der Kultusg em.e in d e für den II. Bezirk sehr verdienstvoll. Auch als Wissenschaftler ist Med.-Rat Dr. Heinrich H a a s e in weitesten Kreisen sehr bekannt und geschätzt; vor einigen Jahren erschien vom ihm im Berliner Philover lag die Broschüre „Frommt uns ein neuer Glaube?" und in jüngster Zeit veröffentlichte er im 1W i e n e r Verlage M. P e r- 1 e s eine größtes Aufsehen erregende Streitschrift gegen das neueste Buch von Prof. Sigmund Freud: „Die Zukunft einer Illussion'", eine Auseinandersetzung, die erstmalig in der „W a h r h e i t" erschien und in diesem Blatte auch vor kurzem eingehend besprochen wurde. Ueberhaupt gereicht es uns zu besonderem Stolze, Herrn Med.-Rat Doktor Heinrich Haase zu unserem langjährigen geschätzten und beliebten Mitarbeiter zählen zu dürfen, und so schließt sich auch die Redaktion unseres Blattes und der Vorstand der „Union" den gewiß zahlreichen Gratulanten mit dem Wunsche aufs herzlichste an, der Jubilar möge noch recht lange Jahre so verdienstvoll wirken können, wie er es bisher zur Ehre des Wiener Judentums tat. UNION DEUTSCHÖSTERREICHISCHER JUDEN, Wien IX., Berggasse 4 — Tel. A 19-2-77 EI NE ADUNG zu der am Donnerstag, den 21. Juni 1928 7*8 Uhr abends im restsoale des llofel Continental, Wien ll., Taborstraße 6 stattfindenden VERSAMMLUNG TAGESORDNUNG: 1. Dp, Josef Tichos Die Bedeutung der bevorstehenden Kultuswahlen. 2. Regierungsrat Dr.Hermann Oppenheim: Die Aufgaben der Kultusgemeinde und ihr Haushalt. 3. Diskussion. Von Mitgliedern eingeführte Gäste herzlichst willkommen. Hochachtungsvoll f. d. Union deufsfflösterreidiisdier Juden Der Präsident: Dr. Jaftob Ornsteln Sni

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