Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 24 (15.6.1928)
- Date
- 1928-06-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIB WAHRHEIT fSüiiirnminiiinninniimnrniiiniH iinnnuniiii t Seite 9 crcffentlichun&eiv dct UniCit cLeutfcKcstQUveicKischcv Uuclet* ^tfpatktsmkonloJSe.9^ WienIX.'BeFggafre 4- Telefon.: 19-2-tt Das Recht an der Heimat Köln, als Stadt der Pressa von zahlreichen Organisationen zum Tagesort erkoren, sah am 3. Juni die Rheinlandtagung des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in seinen Mauern. Aus dem ganzen Rheinland und weit über seine Grenzen hinaus waren viele hundert Teilnehmer erschienen. Die Arbeitstagung wurde durch eine als Morgenfeier gestaltete überaus eindrucksvolle öffentliche Kundgebung in der Kölner städtischen Oper eingeleitet, die weit über tausend Personen füllten. Der Vorsitzende des gastgebenden linksrheinischen Landesverbandes des Centrai-Vereins, Bernhard Feilchenfeld, Köln, konnte in seinen Begrüßungsworten eine große Reihe Vertreter der staatlichen, städtischen und Justizbehörden, darunter den Kölner Polizeipräsident Bauknecht und den Landesgerichtspräsidenten Dr. Kutterkeuler willkommen heißen. Das Präsidium des Centraivereins war durch seinen ersten Vorsitzenden, Justizrat Dr. B r o d n i t z, Berlin, einen der Stellvertreter des Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, Berlin, und den Direktor des Centrai-Vereins Dr. Ludwig Holfände r, Berlin, vertreten. i I ■ Von starkem Beifall empfangen, richtete sodann Justizrat Dr. B r o d n i t z voll innerer Ergriffenheit warme Worte des Dankes an die Festversammlung. Es sei eine Feierstunde, die wir auf rheinischem Boden begehen, mit dem auch die die deutschen Juden eine mehr als anderthalbtausendjährige Geschichte verbindet. Wenn es eines Nachweises des Heimatsrechtes der deutschen Juden auf deutschem Boden bedürfte, so genüge der Hinweis auf das Rheinland. Er erinnerte daran, daß vom Rhein her vor Jahrhunderten auf Grund von Verfolgungen Juden nach dem Osten gewandert sind. Aber trotz der Verfolgungen in der Heimat ließen sich die Auswanderer zusichern, daß der Rückschaffung ihrer Leichen in die alte Heimat von Seiten ihrer neuen Herren keinerlei Schwierigkeiten bereitet werden sollten. Justizrat B r o d n i t z schloß mit dem Wunsche, daß diese Kundgebung alle Seelen von neuem mit dem Willen zum Dienst am Vaterlande erfüllen und als Bekenntnis zu allen deutschen Volksgenossen hinausdringen möge. Die Festrede „Der deutsche Jude auf deutscher Erde" hielt Dr. Bruno Weil. Er führte aus, daß die Behandlung des Themas zur Voraussetzung habe, zunächst die Stellung des Deutschen auf deutscher Erde ganz allgemein z\x untersuchen. Dr. Weil schilderte in einer Form, die das Werden und Vergehen von Nationen, Grenzen, Kulturen plastisch hervortreten ließ, die Entwicklung des deutschen Volkes und des deutschen -Landes zu ihrer heutigen Gestalt. Während aller Perioden deutscher Geschichte sei die Anwesenheit der Juden in Deutschland nachweisbar. Das Konstantinische Edikt aus dem Jahre 321 erwähne bereits die Anwesenheit von Juden in Köln in einer Form, die eine schon langwährende Anwesenheit von Juden in der Stadt voraussetzt. Aehnlich sei es bei Aachen, Mainz, Metz und Speyer der Fall. Das erste Jahrtausend deutscher Geschichte scheine durchaus friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Christen gebracht zu haben. Von 1200 ab etwa folgte ein halbes Jahrtausend von Not und Verfolgung der Juden, die erst in den beiden letzten Jahrhunderten langsam nachließen, um theoretisch 1869 ihren Abschluß zu finden. Wenn der Mensch in seinen geistigen Elementen aus Religion, Sprache, Kultur und Abstammung sich zusammensetze, so liege in keinem dieser Merkmale etwas beschlossen, das die Juden in der vollen Erfüllung ihrer nationalen Pflichten hindern könnte. Entscheidend sei darüber hinaus das subjektive Merkmal des Willens, und dieser zeige die unlösliche und innige Verbundenheit der Juden mit Deutschland, das seit zwei Jahrtausenden ihr Vaterland ist. Nationales Bewußtsein im heutigen Sinne sei Produkt junger Entwicklung. Seit dem Dreißigjährigen Kriege gibt es preußisches und sächsisches, badisches und hessisches. aber kein deutsches Nationalgefühl. Erst nach den napoleonischen Kriegen begann das Volk von deutschem Land 2u sprechen, begann die Hochspannung des deutschen Nationalgefühls, an dem die deutschen Juden ihren reichlichen Anteil haben. Das Tor, das den deutschen Juden durch den Zugang zu allen deutschen Dingen aufgetan wurde, könne nicht mehr geschlossen werden. Der Weg gehe für Juden und Christen nach der gleichen Richtung: Aufbau des Vaterlandes, Gemeinschaft aller Gutgesinnten, Beseitigung aller unnötigen Auseinandersetzungen, Verringerung der Debatten über die sogenannte Judenfrage, aus denen teinzelne politische Parteien ihr ganzes Programm bilden möchten. Dr. Weil schloß seine mit hinreißendem Schwung vorgetragenen Ausführungen unter dem immer wieder erneuerten Beifall der Zuhörer mit den Versen aus den Meistersingern: „Wacht auf, es nahet gen den Tag" und leitete so zu der vom Kölner städtischen Orchester machtvoll vorgetragenen Ouvertüre aus den Meistersingern über. Rechtsanwalt Dr. Heinrich Frank, der Vorsitzende der Ortsgruppe Köln des Centrai-Vereins hielt die Schlußansprache. Aus dieser Feier und Kundgebung anläßlich des Kulturwerkes der Pressa in Köln klingt und soll klingen das Hohelied unerschütterlicher Heimats- und Kulturzugehörigkeit des deutschen und rheinischen Juden, der, in deutsche Kultur hineingeboren, unbeschadet seiner Treue zu väterlichem Glauben und Abstammung, Höchstes und Letztes für sein Vaterland einzu- . setzen gewillt ist. Was hier heute zur Rede steht, ist nicht das juristische Bürgerrecht, sondern der Anspruch auf das kulturelle Beheimatetsein des deutschen Juden innerhalb der deutschen Nation. Dr. Frank wies auf die Bedeutung kultureller Zusammenarbeit für das nationale Bewußtsein hin und hob die aus der abendländischen Kulturentwicklung gar nicht hinwegzudenkende Bedeutung der Bibel hervor, in der de großen Menschheitsforderungen der Gegenwart bereits ihren klassischen Ausdruck gefunden hätten. Durch bedrückende Vorgänge der Gegenwart sollten wir uns in dem durch drei Jahrtausende bewährten jüdischen Optimismus nicht beirren lassen. Alles das, was uns als deutsche Juden heute bewegt, faßte Frank in das folgende mit begeisterter Zustimmung aufgenommene Schlußgelöbnis zusammen: Im heiligen Dienst am deutschen Volke und deutscher Kultur werden wir anläßlich der Pressa versammelten deutschen und rheinischen Juden auch in alle Zukunft, in Willens-, Schicksals- und Kulturgemeinschaft, in sittlicher, kultureller und geistiger Förderung heimatlich deutscher und rheinischer Erde unser Letztes und Höchstes hergeben, weil Herz und Gefühl es uns so gebieten. Das Orchester stimmte das Deutschlandlied an, dessen dritte Strophe von der Festversammlung stehend gesungen wurde. An dem für alle Anwesenden unvergeßlichen Eindruck der Kundgebung ist neben dem schon genannten Kölner Orchester, das als Einleitung die Ouvertüre zu Oberon gespielt hatte, noch Fräulein Hansi Book von der städtischen Oper zu Köln beteiligt, die eine Arie aus Mozarts „II re pastore" vollendet zu Gehör brachte. Die Herren Max Boritz und Arnold Steinfeld, Wien V.. lesen Wert auf die Feststellung, daß die in der letzten Nummer der „Jüdischen Volkszeitung'*, des Organs der „Werktätigen Juden" behauptete Wahl ihrer Personen in den Ausschuß der Bezirksorganisation V der „Werktätigen Juden" ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen erfolgte und sie von dieser Wahl nicht einmal verständigt wurden. Beide Herren sind seit langen Jahren Mitarbeiter und Vertrauensmänner der „Union deutschösterreichischer Juden" und lehnen selbstverständlich jede Gemeinschaft mit den „Werktätigen Juden" aufs entschiedenste ab.