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Die Wahrheit · 1928-06-15 · Heft 24 (15.6.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 24 (15.6.1928)
Date
1928-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iiiiiminmnranmramimrannnnjnumfflnniiuiininnomm^ stärkste Verfechter der Politik der Ausschließung. Von allen jedoch erbte er in gleicher Weise die hohe Ueberlieferung, sich dem Judentum und dem Dienste an der Judenheit hinzugeben. In diesem Geiste beschloß er im jugendlichen Mannesalter, sich dem Amt eines Geistlichen an der Reformgemeinde zu widmen. Nachdem er Oxford verlassen hatte, ging er nach Berlin, um Theologie zu studieren. Bald jedoch erkannte er, daß die Reform, wie sie von der Gemeinde, zu der er unidi seine Familie gehörten, verstanden wurde, seine Auffassung von einem wirklich neuzeitlichen und fortschrittlichen Judentum bei weitem nicht zu befriedigen vermochte. Mit ihrer „karäerhaften" Betonung der Autorität und Göttlichkeit des Pentateuch und ihrer Zurückweisung der sogenannten mündlichen Ueberlieferung schien sie ihm, wie er selbst erklärte, noch weit mehr der Gefahr einer Versteinerung ausgesetzt als die damalige Orthodoxie. Für ihn handelte es sich nicht um eine Entscheidung zwischen Moses und den Rabbinen. Einzeln und zusammen bedeuteten sie ihm nur ein begrenztes Gebiet. Er aber wollte ein Judentum von gleicher Ausdehnung wie die sich immer mehr weitenden Gesichtskreise jüdischen Denkens, ein Judentum, das fähig wäre, sich in Harmonie mit moderner Wissenschaft und modernen Lebensbedingungen zu entwickeln. Aber es mußte ein jüdisches Judentum sein, auf der Grundlage aller großen hebräischen Gotteslehren, die man ehrerbietig von überflüssigem Beiwerk reinigte. Und es sollte durch das geschichtliche Bewußtsein der Kinder Israel und ihre freudige Teilnahme an den religiösen Gebräuchen neu belebt werden. So gelangte er schließlich zu derjenigen religiösen Schule, die man seither als liberales Judenrum kennt. In England machte die neue Lehre zunächst nur ganzlangsame Fortschritte, Montefiore widmete sich zuzureden, daß er ablassen solle, denn es war eine »junge Braut, die vor der Hochzeit stand, und sie tat ihm sehr leid. Aber jener wollte nicht weichen. „Nein und nein! Nach einer halben Stunde muß sie sterben". Der Arzt entfernte sich und holte die sitzen gelassene Frau. Sobald der Todesengel ihrer ansichtig wurde, überkam ihn eine heillose Angst und er machte sich schleunigst aus dem Staube. Die Kranke war gerettet. Der Todesengel aber mußte zugeben, daß König Salomo recht hatte. Anmerkung: Zwei bekannte Sagenstoffe in spezifischjüdischer Färbung erscheinen hier in eins verwoben. Der bekannte Vers im Koheleth: „Ich finde das Weib bitterer als den Tod", lautete im Volksmunde: „Eine böse Frau ist bitterer als der Tod." * * « Die Insel der Seligen. Es war einmal ein Chassid. der war ein Liebling des Baal-Schern. Da er sehr verarmt war, so unterhielt der Baal- Schern ihn und seine Familie, indem er ihm jeden Freitag eine bestimmte Pension auszahlte. Aber diese Summe reichte kaum aus, um ihn und seine Kinder zu ernähren. Eines Tages, als der Chassid kam, um sich seine Pension zu holen, bekam er einen Gulden weniger. Er war davon sehr betroffen, wagte aber nicht, nach dem Grunde zu fragen. Er nahm das Geld und ging nach Hause. Die Frau trug ein Pfand zum Nachbar und bereitete den Sabbat wie sonst, in der Hoffnung, daß ihr nächstes Mal der Ausfall ersetzt werden würde. Aber sie irrte sich. Am nächsten Freitag bekam der Mann um einen weiteren Gulden weniger. Sie gewöhnte die Kinder an immer kärglichere Nahrung, aber schließlich fing sie an. dem Manne zuzusetzen, daß er sich ein Herz nehme und dem Baal-Schern ob der ihm widerfahrenen Unbill Vorstellungen mache. Nach langem Widerstreben tat dies der Chassid, aber mit Angst imiumiraiiiniiiniiuuniiiiniiininiiiiiiiiniüiiiüiit theologischen Studien und daneben in starkem Umfange der Tätigkeit in der Gemeinde. In dieser Zeit war es. daß er durch seine Hibbert-Vorträge über „Ursprung und Entwicklung der Religion der alten Hebräer", sowie später durch seine Jowett-Vorträge über „Die religiöse Lehre Jesu" und durch seine „Synoptischen Evangelien" seinen Ruf ais wissenschaftlicher Theologe ersten Ranges begründete. Zur gleichen Zeit gab er der jüdischen Wissenschaft einen starken Antrieb durch die Gründung der Jewish Quarterly Review und durch die Errichtung eines Lehrstuhles für talmudische und rabbinische Literatur an der Universität Cambridge, für den er nacheinander seiine ausgezeichneten Freunde und Kollegen Salomon Schechter und Israel Abrahams ernannte. Auch als Publizist war er nicht untätig, tm Jahre 1902 unternahm eine kleine Gruppe seiner Schüler den ersten Schritt zu einer praktischen Auswirkung seiner Lehre durch Gründüng des Jüdisch-religiösen Vereins für die Förderung des liberalen Judentums und durch die Organisation eines entsprechenden Gottesdienstes. Seitdem machte die Bewegimg bemerkenswerte Fortschritte trotz der Feindschaft der orthodoxen Rabbiner und der jüdischen Presse. Monteiiores fesselnde Darstellung des liberalen Judentums, seine Beredsamkeit und sein Fleiß als Prediger, seine Mäßigkeit und vor allem sein starker jüdischer Geist mußten eine weitreichende Wirkung erzielen Bald entwickelte sich der Gottesdienst zu einer regelrechten Synagoge, und im Jahre 1925 wurde diese schon in imposantem Maßstabe ausgebaut. Meute nimmt diese Synagoge die größte Gemeinde des Vereinigten Königreiches auf und ist mit sämtlichen komplizierten Einrichtungen eines großen religiösen Zentrums ausgestattet. Vor zwei Jahren versammelte sich in ihr diie internationale Konferenz liberaler Juden, die zu der Bildung eines Weltver- und Bangen. Der Baal-Schern antwortete: „Ich habe nicht die mindeste Pflicht, dich und deine Familie zu ernähren. Hier hast du einen Goldgulden, gehe zu Markt und fange einen Handel an." Der Chassid tat, wie ihm befohlen ward, und fing einen Handel mit Wein an. Er hatte Glück. Sein Geschäft vergrößerte sich, und es erging ihm gut. Einmal mußte er in Geschäften eine weite Reise unternehmen nach fernen Ländern, die jenseits des Meeres gelegen sind. Da ging er natürlich zum Baal-Schern, um von ihm Auschied zu nehmen und seinen Segen zu empfangen. Der Baal-Schern sagte: „Geh in Frieden, hier hast du einen versiegelten Brief, den du nur öffnen darfst, wenn du dich in der höchsten Lebensgefahr befindest." Der Chassid verwahrte den versiegelten Brief und trat die Reise an. Frau und Kinder begleiteten ihn zum Ufer des Meeres, hier nähte ihm die Frau des Baal-Schern den Brief in das Rockfutter ein, darauf verabschiedete sich der Mann und bestieg das Schiff, welches ins Meer hinausfuhr. Sie fuhren lange Tage und Nächte. Plötzlich erhob sich ein Sturmwind, das Schiff wurde zertrümmert, unser Chassid klammerte sich an ein Brett, welches ihn an ein Ufer trug. Er trat an Land und fing an, sich umzusehen, wo er sich befand. Es war eine Insel. Er sah herrliche Obst- und Weingärten und darin allerhand blühende Bäume, prangende Blumen und Früchte, alles weit größer und farbenreicher als sonst in der Welt. Und wohin immer er ging, war es überall voll Licht und nirgends ein Schatten. Nur Menschen waren nicht zu sehen. Er ging weiter und fand Häuser. In eines der Häuer trat er ein; alles war darin in schönster Ordnung, als wären die Einwohner verreist und sollten bald wieder kommen. Am Herde standen Gerichte, überall war alles vorbereitet, aber kein Mensch war zu sehen. Dasselbe fand er auch im zweiten und dritten Hause. Er dachte bei sich: „Was mag das sein? Sind alle Menschen dieses Landes irgendwohin verreist und haben ihre Wohnungen unverschlossen gelassen?" Obgleich

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