Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 24 (15.6.1928)
- Date
- 1928-06-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 MinnnunnmnDi DIE WAHRHEI1 serne Säule zeigt und das Hamburger Israelitische Familienblatt geschmackvoll ausgestellt hat, daß wir nicht gewillt sind uns unsere Rechte nehmen zu lassen und hinter den anderen zurückzustehen, so beweist die ganze Jüdische Sonderschau, daß wir bereit sind, für die alten Ziele des Judentums, dem ja auch die ganze Pressa dienen soll, zu wirken, für Völkerversöhnung und Menschheitsverbrüderung. Daß die Jüdische Sonderschau reiche graphische Kunst zeigt, daß die Gelehrten und Bibliotheken, wie Private des In- und Auslandes sie warm unterstützt haben, sei hier dankend erwähnt. Ob aber das Werk, an dessen Spitze Justizrat Dr. Bodenheimer steht dessen Kulturhistorische Abteüung der Verfasser dieses Artikels leitet, dessen künstlerische Ausschmückung besonders Dr. Schwarz und Fräulein J ö h 1 i n g e r sich angelegen sein ließen, und dessen eindrucksvoller Bau von Baumeister Robert Stern stammt, gelungen ist, darüber mögen die hoffentlich recht zahlreichen Besucher der Ausstellung urteilen. Claude Montefiore. Von Lucien Wolf (London). Am 6. Juni vollendete der Führer der englischen liberalen Juden, Claude Montefiore, seinen siebzigsten Geburtstag. Die Berliner „C.-V.- Zeitung" hat aus diesem Anlaß nachstehende Würdigung seiner Persönlichkeit aus der Feder seines Mitarbeiters Lucien Wolf, des Direktors des Joint Foreign Commitee in London, veröffentlicht. Dieser Tage wird die ganze englisch-jüdische Gemeinschaft mit aufrichtiger Verehrung, ja sogar mit größter Begeisterung und Liebe den siebzigsten Geburtstag Claude Montefiores feiern. 3ZBwille&GMi Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Der Todesengel und die böse Frau. Einmal, als man im Himmel die Bibel vortrug und zu dem Verse des Königs Salomo kam: „Eine böse Frau ist bitterer als der Tod", erhob sich der Todesengel und rief: „Da sehe ich nun, daß nicht alles, was in der Thora steht, wahr ist. Denn es gibt nicht Bittereres in der Welt als den Tod. Vor meiner Nähe weichen alle Menschenkinder, ich aber weiche vor keinem. Und nun soll gar ein schwaches Weib bitterer sein können als ich." Unter den Engeln entstand ein Streit. Am Ende wurde beschlossen, daß der Todesengel für eine Reihe von Jahren Menschengestalt annehme und auf der Erde wohne und daß ihm ein böses Weib beschieden werde. Sollte er sich stärker als sie erweisen und nicht vor ihr die Flucht ergreifen, dann werde er recht behalten, und iener Vers vom König Salomo werde gestrichen werden müssen. Der Todesengel stieg nun zur Erde hernieder in Gestalt eines Jüngers der Jeschiba. Er schloß Freundschaft mit einem Kollegen und beide lernten gemeinsam. Der vermummte Todesengel zeichnete sich natürlich alsbald durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit aus, sein Ruf verbreitete sich in der Dieser Tag wird einen bemerkenswerten Triumph für den dauernden Wert eines einzigartig vortrefflichen Charakters bedeuten. Es hat Zeiten gegeben, wo Claude Miontefiore däie meist geschmähte Persönlichkeit in unserem öffentlichen Leben darstellte. In einer Gemeinschaft, die, im. ganzen gesehen, die strenggläubigste westlich der Weichsel ist, verkörpert er eine Richtung, die innerhalb der „zerstörenden Reformbewegung" als die radikalste gilt. In einem Lande, das das Hauptquartier des offiziellen Zionismus darstellt und dessen Regierung es unternommen hat, das jüdische „nationale" Heim in Palästina wieder herzustellen, ist er der ausgesprochenste und unbeugsamste Antizionist und Antinationalist Diese Meinungsverschiedenheiten mußten Gegnerschaft und sogar heftige Angriffe nach sich ziehen. Und doch: Heute schwinden sie alle dahin vor dem menschlichen Empfinden an diesem siebzigsten Geburtstag. Die Gemeinde sieht heute nur den vornehmen Charakter dieses Mannes, die Schönheit seines Lebens, die lange und erfolgreiche Geschichte seiner öffentlichen Wirksamkeit, seine ausgezeichnete Gelehrsamkeit und den Ernst und den Mut, mit denen er in seiner Sendung ausgeharrt hat die selbst wenn sie irrgläubig wäre, tief aufrichtig ist und getragen von dem Streben' nach dem größeren Ruhm für das Judentum. Claude Montefiore ist in einer Atmosphäre geboren worden, die noch voll war von Erinnerungen an «Jas Schisma von 1840. Die hervorragendsten Gestalten in diesem Streit waren sein eigen Fleisch und Blut. Sein Großvater mütterlicherseits, Sir Isaae Lyon Goldsmid, und sein begabter Onkel, Sir Francis Goldsmid, waren die hauptsächlichsten Vorkämpfer der Reformbewiegung, und einer seiner Großonkel, Sir Moses Montefiore, war die Hauptstütze des orthodoxen Widerstandes und der ganzen Umgegend, und so nahm ihn ein reicher Mann zum Schwiegersohn. Die Frau, die er bekam, war eine böse Sieben. Anfangs jedoch gefiel es dem Todesengel ganz gut so, den ganzen Tag im Bethamidrasch zu sitzen und über die heilige Lehre zu sinnen und am Abend in ein angenehmes Heim zu seiner Frau zu kommen. Das war jedenfalls schöner, als umherzulaufen in der Welt und Menschenkinder abzuschlachten. Er fing an, die Sterblichen zu beneiden. Allmählich aber stellte sich der wahre Charakter seiner Frau heraus. Sie setzte ihm zu und peinigte ihn, wo und wie sie nur konnte. Alles, was er tat, war ihr nicht recht sie zankte ihn bei jeder Gelegenheit aus und machte ihm das Leben zur Hölle. Da fing der Todesengel an, gewahr zu werden, daß König Salomo doch nicht so ganz unrecht hatte. In seiner Not suchte er Trost und Zuflucht bei seinem Freund. Lange wurde der Ehemann von seiner Frau geplagt, endlich war seine Zeit um und er sollte wieder seine Funktion als Todesengel übernehmen. Bevor er schied, ging er zu seinem Freund, erzählte ihm die ganze Geschichte und sagte ihm zum Schluß: „Für all das Gute, das du mir erwiesen hast, will ich dich reichlich belohnen, indem ich dir die Kraft verleihe, zu entscheiden, ob einer, der todkrank daniederliegt, genesen kann öder nicht. Wenn du ans Krankenlager kommst und mich zu Füßen des Krankenlagers erblickst, so "kann er noch gerettet werden, stehe ich aber ihm zu Häupten, dann gibt es keine Rettung mehr für ihn.. Ich warte nur noch, bis seine Stunde geschlagen hat und schlachte ihn abY' So sprach der Todesengel und verschwand. Seine Frau fing nun an, überall nach ihm zu suchen, denn sie hatte ja keinen mehr, den sie peinigen konnte. Der Freund aber wurde bald als großer Arzt berühmt. Wenn & einen alle Aerzte schon aufgegeben hatten, wußte er immer zu entscheiden, ob es noch eine Hoffnung gab. Einmal rief man ihn zu einem todkranken Mädchen, und er erblickte den Todesengel zu ihren Häupten. Er fing an, ihm