Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 23 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Setic «* HOTEL „NATIONAL ii TO Restaurant TO Wien II-, Taborstraße 18 ™bSE» Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u. Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. Vorzügl. wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) Küche« Wienerbräu u. Pilsner Urquell. zum Tempel gab' auch auf dem Wege vom Tempel eine unübersehbare Menschenmenge dem Trauerzuge das Geleite. In allen Straßen, die der imposante Kondukt passierte, wurden die jüdischen Geschäfte geschlossen. Dem Trauerzuge schlössen sich auch zahlreiche orthodoxe Großrabbiner sowie Oberrabbiner S. Fürst und Rabbiner Josef Baumgarten von der Schiffschul an. * * * Auch am Friedhofe hatte sich eine zahlreiche Trauergemeinde eingefunden, um dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Nachdem Oberkantor J. Müller unter Assistenz des I. Kantors A. Stift und des Stadttempelchores einen Trauerpsalm rezitiert hatte, widmete Rabbiner Doktor Feuchtwang seinem Jugendfreunde Dr. S. Funk einen ergreifenden Nachruf. Der Redner schilderte den Lebenslauf des Dahingeschiedenen und rühmte ebenfalls seine überaus großen Verdienste als Rabbiner, Gelehrter und Forscher. Zu Tränen gerührt und lautes Wehklagen in der Trauergemeinde auslösend, hob Dr. Feuchtwang besonders hervor, was Dr. S. Funk seiner engeren und weiteren Familie und seinen Freunden gewesen. Wie er ein guter Gatte seiner Frau war, so war er ein zärtlicher Vater seinen Kindrn und ein ebenso treuer Sohn und Bruder. Im Schöße seiner Familie fand er die Ruhe nach den Mühen des Tages. Sodann trat Präsident Professor Dr. A. Pick an die Bahre, um im Namen der Kultusgemeinde von dem Toten Abschied zu nehmen. Er würdigte die Persönlichkeit des Verblichenen und sein hervorragendes Wirken im Rabbinate der israelitischen Kultusgemeinde. Tausende sind es. die seinen Tod schmerzlich empfinden und tief beklagen, denn in seiner Herzensgüte war er allen ein Freund und Berater. Namens der Talmud-Thora-Schule des Pazmanitentempels, deren Protektor der Verstorbene war, dankte ihm Redakteur Ludwig Hirschfeld für seine aufopfernde Tätigkeit. „Was der Verstorbene für die Kleinen getan, möge ihm hoch angerechnet werden. Die Lichter, die er da angezündet, mögen seiner edlen Seele voranleuchten ins ewige Himmelreich." Zum Schlüsse sprach Herr Präsident Rappaport für die Misrachi. Hierauf wurde der Sarg von der Est*ade gehoben und unter Trauergesängen von den Vorstandsmitgliedern des Pazmanitentempels zu dem Ehrengrabe gebracht, das die Wiener israelitische Kultusgemeinde Rabbiner Dr. S. Funk gewidmet hat und das sich nächst dem Ehrengrabe Oberrabbiner Professor Dr. H. P. Chajes befindet. L. H. Glossen. Zu der Frage, wie die heutige Jugend sich zu den Problemen der Zeit stellt, hat auch Professor Julius Z i e g l e r, der Rektor der Wiener Hochschule für Welthandel, das Wort ergriffen. Er ist in dieser hohen Würde idler Nachfolger des Hofrates Gruntzel, dessen idealles Eintreten für die Ehre der Wissenschaft eine so leidenschaftliche Erbitterung in den hakenkreuzlerischen Kreisen erregt haüe. Wenn Rektor Ziegler von der Jugend spricht, der er die Einsicht zumutet, daß in der Härte des Konkurrenzkampfes „der Stärkere der ist, der besser mit Fleiß und Wissen gerüstet ist", so kann er sicherlich nicht an jene antisemitischen Jünglinge denken, die ihrer Weltanschauung am liebsten dadurch Ausdruck verleihen, daß sie nicht mit dem Buche, sondern mit dem Knüttel in der Hand die leidige Konkurrenz schlagen wollen. An dem Taige, l»n welchem die Einsicht, daß Fleiß und Wissen die Ausrüstung für den Kampf ums Dasein bilden sollen, wirklich als die einzige Richtschnur für Professoren und Studenten gelten wird, werden die Hochschulen wieder das sein, was sie sein sollen, und aufhören, die Tummelplätze für wüste, die Wissenschaft und die Humanität schändende Exzesse zu bilden. * * * Nähern wir uns an den österreichischen Hochschulen diesem Ideale? Dr. Renner, der zwar ein Mann des Kampfes ist, aber darüber nie dien freien Blick, die Verehrung und das Verständnis für die hohen Aufgaben der Wissenschaft außer acht gelassen, hat gerade in seiner jüngsten Rede ein düsteres Bild von unseren Universitäten entrollt. Er beweist auf Grund schwerwiegender Tatsachen, daß unsere Universitäten immer tiefer abwärtsgleiten, daß ihr Ansehen immer tiefer sinkt. Einzelne Katheder seien es, die noch wie Bergzinnen aus der Vergangenheit emporragen, alles andere und insbesondere alles Neue sei unter dem Durchschnitt. Wer hat den Mut, es zu leugnen, daß der in Oesterreich sich' auf allen Gebieten austobende Antisemitismus, dem Begabung und Leistung Nebensache, Abstammung und politische Zugehörigkeit alles ist, auch die Hauptschuld an diesem trostlosen Niedergang unserer Hochschulen trägt? * * * Was Goethe dem deutschien Volke bedeutet, was er durch seine Werke für Kultur und Bildung geschaffen, das ist in Büchern, die selbst eine ungeheure Bibliothek füllen, zur Genüge erörtert tund nachgewiesen worden. Es ist sicherlich auch keine Uebertreibung, wenn man liest, daß von den deutschen Soldaten, die in den mörderischen Krieg zogen, viele den „Faust* * in ihrem Tornister gepackt hatten. Man könnte es daher nur höchst erfreulich finden, wenn man immer wieder wahrnimmt, daß auch in weiten Kreisen unserer Bevölkerung ein intensives Interesse für den großen Dichter sicfi kundgibt, wenn nicht bedauerlicherweise festgestellt werden müßte, daß dieses Interesse sich nicht gerade auf ein Werk Goethes und noch dazu auf e i n e, durch das viele Zitieren überaus populär gewordene Stelle beschränken würde. Der Schaffner, der vor einigen Tagen sich vor dem Richter unter anderem darüber zu verantworten hatte, daß er eine Dame, deren Nase ihm mißfallen, an dieses Zitat aus einem Goetheschen Werk erinnerte, wurde in diesem Punkte nicht der Ehrenbeleid'igung schuldig befunden. Der Richter motivierte dies damit, daß der Schaffner seinen Goethe nur — leise zitiert habe. Diese Urteilsbegründung hat auch manche kritische Bemängelung gefunden. Aber man muß zugeben, daß diese aus Achtung vor der richterlichen Autorität, auch nur leise angewendet wurde. Ego.