Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 23 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEU JiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiyiyiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiDi iiuinninjiununiniHinuHiiiiiiiLuuiiiiniiiLf(tHJjiiiinijnuiini; Seite 7 | Rabbiner Dr. Salomon Funk s. A. \ Eine Würdigung seiner Persönlichkeit. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Wer die talmudische Forschung, wie sie in der Neuzeit zur stolzen Höhe sich emporgeschwungen hat und sogar zur Disziplin an mancher reichsdeutschen Universität geworden ist, näher betrachtet, findet bald, daß in derselben zwei scharf von einander zu unterscheidende Richtungen festzustellen sind; eine historisch-kritische und eine apologetisch-hermeneutische. Erstere, zuerst von dem um die Mitte des vorigen Jahrhunderts verstorbenen Oberrabbiner S alomon J u d a Rapoport in Prag und seitdem von den meisten noch in unserer Mitte lebenden Kon'phäen geübt, stellt sich zur Aufgabe, mit den von der modernen Wissenschaft entlehnten Mitteln den Talmud gleichsam aufs Neue zu erschließen und gewissermaßen Werturteile über einzelne Teile desselben abzugeben. Es ist dies ungefähr, wie wenn jemand in eine Sammlung von Antiquitäten tritt, sie schreiben versucht. Der tonangebende Führer war Dr. Zacharias Frankel, erster Direktor des Rabbinersemiinars in Breslau, der mit seiner 1859 erschienenen „Einleitung in die Mischna" pfadweisend wirkte. Die unterdessen vom Chacham Isak B e r n a y s in Hamburg, und seinem großen Schüler Samson Raphael Hirsch, sowie von Dr. I. Hildesheimer und Dr. M. Lehmann ins Leben gerufene Neuorthodoxie konnte sich mit diesem Vorgang nicht begnügen. Für sie hatte der Talmud bis in seine letzten Ausstrahlungen im Schulchan Aruch und in den spätesten Dezisoren seine Verbindlichkeit nicht eingebüßt und seine Traktate waren nicht bereits abgenützte und wenig benützte Altertümer, die den Gegenstand einer Kritik bildeten, sondern unversehrte Heiligtümer, die bloß gegen etwaige Angriffe zu verteidigen wären. Dieser Aufgabe unterzog sich in genialer Art Dr. David Hoffmann, der bereits verstorbene zweite Rektor des Berliner Rabbinerseminars. Der Talmud, oder, besser gesagt, die talmudische Auslegung der Bibel, war für ihn, den Strenggläubigen, jeden Werturteiles enthoben und es galt nur den Talmud sowohl gegen jüdische Reformer als auch gegen die1 nichtjüdischen „Verächter" zu schützen. Er wandte hiebei nicht bloß, wie die Vertreter der ersten Richtung, die modernen, sondern auch die an den Jeschibot gebräuchlichen, uralten Methoden an. Aus seinen zumeist deutsch geschriebenen Werken weht die Luft der gottgläubigen Jeschiba entgegen und in seinen fast den ganzen Talmud erschöpfenden Schriften erklingt, wenn auch gedämpft, das „Lernen" mit dem entzweischneidenden „Chilwk" und dem scharf gewürzten „Pilpul". Dr. Hoffmann war es aber auch, der bei aller Frömmigkeit eine Brücke zu den christlichen Gelehrten zu schlagen wußte und manchen derselben, der für Ausdrücke und Vorgänge im neuen Testament Erklärungen und Analogien suchte, auf den Talmud als Zeitgenossen der Entstehung des Christentums hinwies; so wurde namentlich Professor Strack von ihm stark beeinflußt. Ein geistiger Jünger Dr. Hoffinanns war nun der uns so früh entrissene Dr. Salomon Funk, ein Anhänger und Benützer der von ersterem geschaffenen, oder besser gesagt, modernisierten apologetisch - hermeneutische Methode der Talmudforschung. Es scheint überhaupt, daß Dr. Funk diesen großen Mann zu seinem Vorbild gewählt hatte, dem er während seines ganzen Wirkens nacheiferte, da beide viele gemeinsame Charakterzüge aufweisen. Sein reiches Wissen hatte sich Doktor Funk an den ungarischen Jeschibot angeeignet und als er nach Berlin kam, warf er nicht, wie so viele andere, die Gläubigkeit von sich, sondern pfropfte vielmehr seinen talmudischen Kenntnissen die angeführte Art des modernen konservativen Forschens auf. Diese Vereinigung beider sonst heterogen erscheinenden Elemente bildete nunmehr das Charakteristikum s e i n e s W e s e n s und Wissens. Anfangs der neunziger Jahre lernte ich ihn in Berlin an einem Sabbat in den Bibliotbeksräumen des Rabbinerseminars kennen, wo sich Schüler und. Gäste zur freien Aussprache zu versammeln pflegten. Schon damals wurde er mir als tüchtiger Talmudist, als „guter Lerner" bezeichnet, der später auch ein methodisch geschulter Gelehrter werden sollte. Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Tätigkeit Dr. Funks liegt daher in den nicht vollendeten „Monumenta Judaica", die er im Verein mit christlichen Gelehrten herausgegeben hatte, und ebenso bedeuten seine Arbeiten: „Die Entstehung des Ta 1 muid)s" und „Talmudprob e n" in der Sammlung Göschen ein Ruhmeszeugnis für ihn, vorr nichtjüdischer Seite ausgestellt. Sein Buch „Die Juden in Babylon (200 b i s 500) beruht nicht minder auf tiefschürfenden talmudischen Forschungen. Das Talmudische war es, das Dr. Funk auch in seiner amtlichen Tätigkeit und in seinem Privatleben stark beeinflußte. E r wolltte als Rabbiner des alten Schlages gelten und wirken und1 eine Fülle edler Züge entströmte dieser seiner Auffassung vom Rabbinerstande. Was ihn auszeichnete, war nicht bloß unverfälschte Religiosität und Herzensgüte, sondern vor allem die uralte Tugend der jüdischen Gelehrten: „Anowoh". Darunter ist aber nicht jene landläufige, billige, oft gekünstelte Bescheidenheit zu verstehen, die nicht selten aus ihrer Schaustellung Kapital zu schlagen versteht, odler wie ein Philosoph Athens einem mit Absicht sich ärmlich kleidenden Manne zurief: „Aus den Löchern deines Mantels guckt deine Unbescheidenheit hervor/' — „Anowoh" ist vielmehr jene innere Demut der Seele, die aus