Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-06-08 · Heft 23 (8.6.1928) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 23 (8.6.1928)
Date
1928-06-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064270--16322-3089066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i^^iif Seite 6 pmfjnmiminnintm^^ DIE WAHRHEIT unserem bürgerlichen Recht, das auf dem römischen Recht fußt Nach Franz Oppenheimer beginnt die Staatenbildung überall damit, daß eine herumschweifende Horde einen seßhaften Stamm überfällt, ihm seinen Acker abnimmt, sich selbst dort als Herrenschicht etabliert, indem sie den Teil der-Bevölkerung, der nicht erschlagen wurde, zwingt, Sklavendienste zu verrichten oder Tribute zu leisten. Der Staat beginnt somit als Klassenstaat und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Waren anfangs die Ackerlose der erobernden Herrenschicht von annähernd gleicher Größe, so verschoben sich überall im Laufe der Zeiten die Besitzverhältnisse, indem der Grundbesitz sich in einzelnen Händen mehr oder weniger zusammenballte. Die Geschichte der Klassenkämpfe bewegt sich somit teils in den Kämpfen der Herrenschicht mit der Schicht der Unterworfenen, teils in den Kämpfen der unterschiedlichen Klassen der Herrenschicht selbst Abweichend von allen anderen Staaten blieben in Israel die Ackerlose des einzelnen Staatsbürgers annähernd gleich. Diese wirtschaftliche Gleichheit wurde bedingt durch die Einrichtung des Jobeljahres, in dem bekanntlich alles Land an den ursprünglichen Besitzer zurückfiel. Das Jobeljahr war der große Regulator, der eine Konzentrierung des Grundbesitzes verhinderte. Wir können uns denken, mit welcher Sehnsucht die Armen das Jobeljahr herbeisehnten. Das Jobeliahr ward ein Jubeljahr. Wenn dann der Posaunenschall durch das ganze Land ertönte, darm war für den Armen Mangel und Sorge verschwunden, „ein jeglicher kehrte wieder zurück zu seinem Besitz und ein jeglicher zu seinem Geschlecht". Freiheit verkündete der Posaunenschall, soziale Freiheit. Hat die Welt je derartige Freiheitsklänge vernommen? Es mag hier an eine bedeutungsvolle Stelle aus Goethes „Faust", an die Sterbeszene, erinnert werden. Faust hat mit Mephisto den Kontrakt geschlossen, Faust solle alle Freuden der Welt genießen, wenn er aber zum Augenblicke sagen könne: „Verweile doch, du bist so schön", dann wäre seine Seele Mephisto verfallen. Faust genießt die Freuden der Welt Er zecht mit den lockeren Gesellen in Auerbachs Keller, er genießt die Freuden der Liebe bei dem holden Gretchen, er durchkostet die wollüstigen Schauer der Walpurgisnacht. Weiter zum zweiten Teil. Faust wird Kanzler des mächtigen Reiches. Ehre und Reichtum werden ihm zuteil. Er vermählt sich mit der schönen Helena. Kunst und Wissenschaft stehen ihm zur Verfügung. Aber noch immer nicht ist der Augenblick gekommen, wo er sagen kann: „Verweile doch, du bist so schön." Faust ist alt geworden, sein Augenlicht ist erloschen. Er hat eben erst durch Eindeichung dem Meere viele Quadratmeilen Landes abgerungen. Dieses Land soll besiedelt werden, und vor Fausts geistiges Auge tritt eine neue Art der Besiedelung, eine bessere Art der Besiedelung. Wie ist denn bislang das Land besiedelt worden? Unter welchen Verhältnissen wirtschaftete der Bauer? Früher war er dem Feudalherrn Untertan, dem er Fronden leistete. Mit dem Uebergang vom germanischen Recht zum römischen Recht wurde er dem Kapitalherrn Untertan, dem er Hypothekenzinsen bzw. Pacht ablieferte. Fronden leisten und Hypotheken Zinsen bzw. Pacht bezahlen, sind nur verschiedene Formen für den gleichen Vorgang, nämlich die Ablieferung von Grundrente an einen einzelnen Mitbürger. Und wie nun vor Fausts geistigem Auge eine vollkommenere Besiedelung erscheint, eine Besiedelung, frei von den eisernen Ketten des Feudalismus, frei von den goldenen Ketten des Kapitalismus, da spricht er die bedeutungsvollen Worte: „Solch ein Gewimmel möcht' ich seh'n, — Auf freiem Grund mit freiem Volke steh'n, — Zum Augenblicke dürft ich sagen: — Verweile doch, du bist so schön, — Es kann die Spur von meinen Erdentagen — Nicht in Aeonen untergeh'n. — Im Vorgefühl von solchem hohen Glück — Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick." Damit ist Fausts Seele verfallen. Der Tod tritt ein. Nachtgeister erscheinen, um den Leichnam Mephisto auszuliefern. Wer aber das als den höchsten Augenblick seines Lebens bezeichnet, daß er mit geistigem Auge schaut, wie er auf freiem Grund JAC. MAYER Cltfene NcifiaMelluiitf mit freiem Volke steht, dessen Seele kann nicht einem Mephisto verfallen sein, und Engel schweben hernieder und tragen, was von Faust sterblich war, hinauf in die lichten Höhen des Aethers. Und nun, lieber Leser, bitte ich dich: Lasse dein geistiges Auge hinschweifen über die Kulturvölker aller Zeiten und Zonen, und jetzt frage ich dich: Kannst du mir Zeit und Ort nennen, von denen man mit größerem Rechte sagen kann: „Solch ein Gewimmel kann man seh'n. — Auf freiem Grund mit freiem Volke steh'n" — als wie vom Jobeliahr in Israel? Nein, du kannst keine andere Zeit und keinen Namen eines anderen Volkes nennen. Man hat stellenweise die Einrichtung des Jobeljahres, das den Landbesitz der einzelnen Familien sicherte, wohl mit unserem jetzigen Fideikommiß verglichen. Ein vollständig unzutreffender Vergleich. Unser heutiges Fideikommiß bindet durchgehend einen Grundbesitz, der weit größer ist, als wie ihn eine einzelne Familie bearbeiten kann. Sein politischer Zweck ist, man muß jetzt wohl sagen war, eine Herrenkaste zu züchten, die dem Regierenden behilflich sein sollte, das Volk untertänig zu beherrschen. Wirtschaftlich verkörpert es das Recht auf arbeitsloses Einkommen, das Recht der Faulheit, im Gegensatz dazu verkörpert das israelitische Fideikommiß das Recht auf Arbeit. Um einer Konzentrierung des Grundbesitzes vorzubeugen, begnügt sich der Gesetzgeber aber nicht mit dem nur alle fünfzig Jahre wiederkehrenden Jobeljahre. er sorgt auch dafür, daß innerhalb dieser fünfzig Jahre eine Konzentrierung des Grundbesitzes nach Möglichkeit vermieden werde. Der Gesetzgeber legt, dem Aufbau des patriarchalischen Staates entsprechend, einen dreifachen Wall, nach der heutigen Methode der Kriegführung besser gesagt, eine dreifache Reihe von Schützengräben, um die Getreidefelder des israelitischen Bauern, um diese Felder gegen die Angriffe des Kapitals zu schützen. Dem patriarchalischen Staat entsprechend, liegen diese drei Reihen von Befestigungen: 1. um das einzelne Individuum. 2. um die patriarchalische Familie. 3. um den Stamm. Als Schutz des Grundbesitzes für das einzelne Individuum finden wir die sogenannte Leviratsehe. Starb ein Ehemann, ohne Kinder zu hinterlassen, so hatte der Bruder des Verstorbenen die moralische Pflicht, nicht die unbedingt gesetzliche Pflicht, so daß er gezwungen werden konnte, die Witwe zu heiraten. Es leuchtet ein, daß dadurch, daß sich die Witwe nicht wieder mit einem anderen Grundbesitzer verheiratete, einer Konzentrierung des Grundbesitzes vorgebeugt wurde. Die Schutzmaßregel für den Grundbesitz der patriarchalischen Familie besteht in der Einrichtung des Goels, des Lösers. Es heißt II. 25, 25—26: „So dein Bruder verarmt und von seinem Besitze verkauft, so komme sein nächster Verwandter und löse ein, was sein Bruder verkauft hat. Und so jemand keinen Einlöser hat, aber er kommt zu Vermögen und erwirbt, so viel zum Einlösen nötig ist, so rechne er die Jahre seit seinem Verkaufe ab und erstatte das übrige dem Manne, an den er verkauft hat, so gelangt er wieder zu seinem Besitztum." " 1 Das Recht, daß der Verkäufer jederzeit seinen Grundbesitz wieder einlösen konnte — im Jobeljahr fiel es ja ohne weiteres zurück —, verhinderte auf das wirksamste, daß der Kapitalist die Notlage oder eine schwache Stunde des Bedrängten durch Preisdrückerei besonders ausbeuten konnte. Dieses Recht war ferner für den, der in das Proletariat hinabgesunken war, ein mächtiger Ansporn, um sich wieder emporzuarbeiten. Die Schutzmaßregel für den Grundbesitz des Stammes besteht darin, daß die Erbtöchter bei Verheiratung mit einem Manne aus einem anderen Stamme ihren Besitz an Grund und Boden nicht in den anderen Stamm mit hinübemehmen konnten. (Fortsetzung folgt.) Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSO 24Tel.R48-4-79 Pttr KuUutbeamte und Vnrelnsfunktlonare gegen Legitimation 10«/. Nachlas

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.