Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 23 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 tiuttiinmmnni iiuiiiiiiiiiiM^ DIE WAHRREH unvergeßlichen Klima und seinen reichen Bodenschätzen leben etwa 72.000 Juden. Der natürliche Bevölkerungszuwachs beträgt 1.9 Prozent, während er z. B. in Amerika 0.95 Prozent beträgt. Die Hälfte der Gokfiproduktion der Welt stammt ^us Südafrika. Für 4 Millionen Pfund Kohle, sowie eine ungeheure Menge Landwirtschaftsprodukte werden ausgeführt. Dennoch war jahrelang die Stimmung gegen eine Erhöhung der Einwanderung, von welcher die Gewerkschaften einen Lohndruck befürchteten. Man hat nun eingesehen, daß eine kontinuierliche Einwanderung weißer Elemente viel zur Entwicklung des Landes beitragen kann. Gegenwärtig hat die Stimmung — nicht zuletzt als Folge der aufklärenden Propaganda Dr. Bramsons — stark für eine vergrößerte Einwanderung umgeschlagen. Besondere Aussicht besteht für jüdische Einwanderung, da die aus England kommenden Einwanderer nicht die Absicht haben, dauernd im Lande zu verbleiben, und fast alle wieder zurückwandern; die Juden aber finden dort eine Heimat. 65 Prozent der Einwanderer sind überhaupt Juden. Man muß sich bestreben, den guten Typ des jüdischen Einwanderers, den produktiv schaffenden Juden, nach Südafrika zu bringen, um das Vertrauen des Landes zu gewinnen. Da in den letzten Jahren meist nur Verwandte früherer Einwanderer ins Land kamen, also Frauen und Kinder, sowie greise Eltern, entsteht ein immer größerer Mangel an Arbeitern unid fachlich geschulten Elementen. Die bisherigen jüdischen Einwanderer gehören meist kaufmännischen und intelligenten Berufen an, abgesehen von den bestehenden 420 großen jüdischen Landwirtschaften. Diese Einseitigkeit wird von den Juden Südafrikas stark empfunden, sie werden eine Einwanderung produktiver jüdischer Elemente nach Kräften unterstützen. Die Idee der Schaffung einer jüdischen Landwirtschaftskolonie in Südafrika ist im Lande ungeheuer populär; zur Ansiedlung einer Familie sind 1000 Pfund erforderlich, wovon 50 Prozent die Regierungsbank zur Verfügung stellt. Es gilt nun, das Einwanderungskantingent richtig auszuwählen und zu verteilen;. Wenn diese systematische Arbeit einige Jahre geleistet wird, dann werden dem natürlichen Einwandererstrom kröne Hindernisse mehr im Wege stehen. Der Redher schlug die Bildung einer speziellen Kommission von Hias-Ica-Emigdirekt vor, die diese ganze Arbeit leiten soll. Die Juden als „Rasse". Von Prof. Felix V. L u s c h a n *). Seit ich 1892 als erster über die Stellung der Juden im anthropologischen System berichtete, ist eine wahre Flut von Literatur zur Judenfrage entstanden, meist einseitig orientierte Streitschriften, die zum Teil das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden; immerhin gibt es daneben auch eine Anzahl von ernstgemeinten und nützlichen Büchern wie Zollschans seit 1910 schon in fünf Auflagen erschienenes „Rassenproblem", Judt,- „Die Juden als Rasse". Fishberg, „Die Rassenmerkmale der Juden", und neuestens. 1920, Fritz Kahn, „Die Juden als Rasse und Kulturvolk". Man braucht nicht allen Einzelheiten in diesen Büchern gerade mit Be- *) Aus dem letzten Werke des verstorbenen Altmeisters der Anthropologie, betitelt: „Völker, Rassen, Sprachen". Herausgegeben von der „Deutschen Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.'\ Berlin SW 68. geisterung beizustimmen, aber sowohl der Laie als der Fachmann in anthropologischen Fragen wird sie doch mit Vergnügen und mit Gewinn lesen, was ich für meine Person nicht von anderen Büchern ähnlicher Art sagen möchte, am wenigsten wohl von Chamberlains „Grundlagen", denen ich nur insoweit zustimme, als der Verfasser sich selbst als Laien und Dilettanten bezeichnet. Einer der roten Fäden, der sich durch diese Literatur über die anthropologische Stellung der Juden hindurchzieht, ist die angebliche Rassenreinheit der Juden. So wenig als es eine indogermanische oder „arische" Rasse gibt, so wenig gibt es eine jüdische; es gibt auch keinen jüdischen Typus, sondern nur einen ganz allgemein orientalischen, an dem genau wie die Juden auch Griechen und Armenier und in geringerem Maße auch viele andere Vorderasiaten beteiligt sind. Die Juden treten, wie schon vorher gesagt, als ein Mischvolk in die Geschichte ein, und sie haben seither nie aufgehört, sich mit ihren jeweiligen Nachbarn und „Wirtsvölkern" zu vermischen. Ich habe nie verstanden, warum so viele Juden und gerade auch die meisten Autoren von Schriften mit so zäher Hartnäckigkeit immer und immer wieder die Einheitlichkeit und absolute Rassenreinheit des „auserwählten Volkes" betonen. Wer Augen hat, brauchte sich doch wirklich nur irgendwo einige Dutzend Juden anzusehen, um wahrzunehmen, wie viele ganz heterogene Typen, blonde und brünette, kurz- und langköpfige, breit- und schmalgesichtige, groß- und kleinnasige unter ihnen vertreten sind; vermutlich ist es der allgemein orientalische Zug, den wir so selten bei den Juden und auch bei den anderen Orientalen vermissen, der jene Autoren verleitet, sich einen einheitlichen jüdischen Typus zu suggerieren: diesen Kollegen kann ich nur raten, sich einmal an einer religiösen Feier in einer griechischen oder armenischen Kirche zu beteiligen und sich da die frommen Gläubigen gut anzusehen: sie werden erstaunt sein, wie viele „rein jüdische Typen" sie da sehen werden, ohne daß sich auch nur ein einziger wirklicher Jude in der ganzen Gesellschaft befindet. Unter den wenigen jüdischen Autoren, die ohne jedwede vorgefaßte Meinung nur an der Hand von offenkundigen Tatsachen der Fabel von der Einheitlichkeit des jüdischen Typus und von der Rassenreinheit der Juden an den Leib rücken, steht Maurice Fishberg mit seinem Buche „Die Rassenmerkmale der Juden", weitaus an erster Stelle. Diesem Buche gegenüber habe ich persönlich mich lange Zeit in einer etwas schiefen Lage befunden. Ich erhielt es vom Verlage zur Besprechung, fand es im" allgemeinen ganz ausgezeichnet, konnte mich aber nicht zu einer Besprechung entschließen, weil ich die Ansichten des Verfassers über die russischen Juden mit den meinigen nicht zur Deckung bringen konnte. Ich hatte damals mit heißem Bemühen schon 1222 Juden gemessen und studiert, von denen beinahe die Hälfte Aschkenasim aus Ungarn, Polen und Rußland waren, und hielt mich für den besten Kenner der körperlichen Eigenschaften der Juden; so war ich voll Mißtrauen gegen das Buch von Fishberg, weil seine Angaben über die russischen Juden mit meinen Anschauungen nicht stimmten. Erst als ich 1914 und 1915 Gelegenheit hatte, russische Juden in New York kennenzulernen, sah ich. wie sehr Fishberg recht hatte und wie lückenhaft meine eigenen Kenntnisse gewesen waren. Meine russischen Juden in Wien waren eben durchwegs aus den westlichen Gouvernements gekommen, während die von Fishberg in New York gemessenen Juden zum größeren Teile aus den inneren Provinzen des asiatischen Rußlands, sowie aus Sibirien stammten und buriätisches, kirgisisches sowie kalmückisches usw. Blut hatten. Nun weiß ich sehr wohl, daß es bei uns nicht wenige Juden gibt, die sonst sehr intelligent und durchaus vernünftig sind, die es aber als eine schwere persönliche Beleidigung betrachten, wenn man an der absoluten Rassenreinheit der 'Juden zweifelt. Ich kann mich in die Psyche dieser Juden völlig hineindenken, und begreife, daß sie voll Entrüstung über die Leute sind, die ihnen einen schönen Traum zerstören wollen; dabei übersehen sie freilich vollkommen, daß nirgends in der Welt irgendwelche Kulturen anders entstanden sind als durch Rassenmischung und durch gegenseitigen Austausch von allerhand geistigen und anderen Errungenschaften, also durch Handel und Verkehr. Das gilt nicht nur für Deutschland und England, das gilt genau so gut auch für Aegypten und Babylonien, für das alte Peru und Mexiko, für Indien und Indonesien, ja auch für das tropische Afrika, von wo wir jetzt alte Kulturen kennen, die freilich anders sind als die unseren, die aber doch auch als Kulturen im engsten Sinne des Wortes bezeichnet werden müssen. ♦