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Die Wahrheit · 1928-06-01 · Heft 22 (1.6.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 22 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIB WAHRHEiJ JiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiniiiuiiiiiwiiiiiUifliiiumnifli mmmuiitiiiiiiiiiiiiiiiiiii; §cite 7 HOTEL ..NATIONAL „mmn ■ ■ w mm***." im. Restaurant tes Wien II.. Taborstraße 18 (Bf Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u, Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des [bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. VorzOgl. wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell. Kaddisch, Seelenfeier und Jahrzeitlicht Von Heinrich York-Stein er. Wien. Unter dem Titel: „Die Kunst als Jude zu leben" erscheint demnächst1 bei M. W. Kaufmann, Leipzig, von Heinrich York-Steiiner, dem bekannten Autor des „T almudbauer", ein neues Buch. Besonders interessant sind die folgenden Ausführungen des in Druck befindlichen Werkes: Das Band der Familienzugehörigkeiit dauert beim Juden übers Grab hinaus, und werai ihn nichts mit der Vergangenheit verbindet, das Grab der Eltern erinnert ihn an seine Kimdheftstage, an die W'ärnne der Familie und an den großen Schmerz, den das Schicksal unauswieichbar vor uns hinstellt. Wir kennen die Bräuche des Besuches bei den verstorbenen Eltern am Todestage, der die Kinder selbst aus weiter Ferne in die kleinen Gemeinden ihrer Herkunft zurückführt, vom Gräberbesüch am 9. Ab und vor den hohen Feiertagen. Wir wissen vom Kaddisch, dem Seelengebet durch elf Monate des Trauerjahres, und vom Maskir, der Trauedeier zum Andenken an die Dahingeschiedenen. Kaddisch und Maskir stammen nicht aus dem Urjudenlum, sie sind vielmehr verhältnismäßig spät ins jüdische Ge brauchstum übernommen worden. Das Kaddisch (aramäisc'i heilig, hebräisch kadosoh) ist edm kurzer Hymnus zur Ehre und zum Preise Gottes, etwa im 8. oder 9. Jahrhundert verfaßt, um als Schlußgebet nach gottesdienstlichen Abschnitten zitiert zu werden. Dieses Ganz-Kaddisch wurde als Abschluß des Gottesdienstes gesprochen. Es kam noch ein zweiter Zusatz mit Beziehung auf die Gelehrten, wie es nach dem Schlüsse des Thorastudiums gesagt wird. Seine Bedeutung für die große Allgemeinheit im Judentum erhielt das Kaddisch erst seit dem zwölften Jahrhundert, da der Tod um des Glaubens willen den Rhein entlang zahllose Waisen schuf. Diese wiederholten den Hymnus des Vorbeters, sie heyigten und priesen Gott, um dessen Ehre willen iL« Eltern den Tod erlitten hatten. Vom Rhein her hat sich dieser Brauch um die ganze Welt verbreitet. Der erste religionsgeschichtliche Nachweis dieser Sitte stammt aus dem 13. Jahrhundert. Rabbi Isaac aus Wien, ein berühmter Gelehrter, einer der hervorragendsten Rabbiner seiner Zeit, ein gebürtiger Nordfranzose, der das Studium des Talmud aus der Heimat der Tosafisten nach Wien und von da aus nach dem Osten \ erpflanzt hatte, schreibt in seinem, von Talrnudisten hochgeschätzten Werk „Or sarua": „Unser Brauch in Kenaan (Osteuropa, Slavenland) und der Brauch am Rhein ist, daß, nachdem die Gemeinde das Scblußgebet gesprochen, ein Waisenknabe sich erhebt und Kaddisch sagt. Aber in Frankreich habe ich gesehen, daß man dort keine Rücksicht darauf nimmt, wer das Kaddisch sagt, ob ein Waisenknabe oder einer, 'dessen Vater und Mutter noch am Leben sind." Wir erfahren dadurch, daß, noch ehe das Kaddisch das Gebet der Waisen wurde, irgend jemand aus der Gemeinde nach Beendigung des Gottesdienstes Kaddisah sagte. Heute aber ist das Kaddisch mit der Trauerfeier für die Dahingeschiedenen, mit der Rückermnerunig an geliebte Angehörige, mit ihrer Heiligung mnii verknüpft Ein Brauch, der die gesamte jüdische Welt beherrscht, der sich ohne dogmatische Vorschrift dem jüdischen Bewußtsein dauernd einprägte, entspricht einem tief wurzelnden Bedürfnis und gilt als geheiäigt durch Empfinden und Gewohnheit. Dasselbe können wir von der Seelenteier (Maskir) nur mit einiger Einschränkung behaupten. Dieser Ritus ist im Wesen und Gebrauch noch viel jünger als das Kaddisch. In der Zeit der furchtbarsten Judenmorde am Rhein, demnach im 12. Jahrhundert, wurden die Memorbücher angelegt. Den Gemeinden drängte sich das Bedürfnis auf, die Namen hervorragender Juden und besonders solcher, die zur „Heiligung des Namens" gestorben waren, dem Gedächtnis der Nachkommen zu überliefern. Diese Memor-Gedenkbücher wurden am Versöhinungstage und später auch an anderen Feiertagen feierlich in der Synagoge verlesen. Es kam in Hebung, daß auch friedlich verstorbene Gemeindemitglieder dieser Reihe eingefügt wurden, nach deren Verlesung die Angehörilgen ihrer Seelen empfindungsvoll gedachten und Spenden für ihr Ewigkeitsheil gelobten. Die Seelenfeier stammt aus dem Reiormjudentum und sie entwickelt sich immer mehr, je weniger das lebendige Judentum in der Farnfflie sich auswirkt. Aber wir müssen gestehen, sie entspricht eimem seelischen Bedürfnis und wird lange dauern und sich vertiefen oder verflachen, je nach der seelischen Entwicklung der Judenheit. Die Toten- oder Seelenieier, wie sie sich aus dem Maskir entwickelt hat, wurde zuerst in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts vom jüdischen Kirchenrat Mayer in Stuttgart dann vom Berliner Prediger Holdheim und dem Magdeburger Philipson in einem Teile Deutschlands eingeführt, von wo sie vor etwa sechzig Jahren vom Prediger Mannheimer nach W i e n verpflanzt wurde. Und immerhin, es steckt Pietät dahinter, und Pietät Eltern und Vorfahren gegenüber, verfolgt den hohen ethischen Zweck, die Familien- und Stammesbande enger zu schließen und zu festigen. Der Ahnenkult, eine Erweiterung der engeren kindlichen Pietät, erfüllt bei den alten Kulturvölkern, bei den Chinesen und Japanern, ihr ganzes religiöses, sittliches und staatliches Leben. Auch uns kann die pietätvolle Erinnerung an dSe Dahingeschiedenen Kraft verleihen, Halt im Leben und Genugtuung im Zusammenschluß der Familie. Die Frommen feiern den Todestag ihrer Eltern durch Gräberbesuch, durch Fasten, durch Stunden stiller und frommer Betrachtung. Alle aber, Männer und Frauen, sie vergaßen nicht, das Jahrzeitlicht anzuzünden, das Seelenlicht. Dieses stille Flämmchen, diese lautlose Erinnerungsfeier verklärt das Haus durch die Erinnerung an die Dahingegangenen, deren Seelen für einen Tag neu erstehen und uns im Tun des Alltags wie im Ruhen des innigen Gedenkens umschweben. Wer alljährlich das Lichtlein entzündet, weckt die teueren Angehörigen aus der Starre des Todes durch das Beleben ihres Andenkens. Und wie erhebend Helte sich das Entzünden des Seelenlichtes auswirken, wenn wir es nicht in eine stille Ecke bannen würden, sondern im Kreise der versammelten Familie das Flämmchen aufflackern ließen. „Sehet, meine Kinder," würde ich sagen, „es dämmert der Vorabend des Tages, da meine geliebte Mutter mich verlassen hat, für immer verlassen, wie die Menschen sagen. Aber ihr Andenken lebt in mir und soll nicht untergehen. So, wie ich hoffe, daß ihr ohne Trauer, ohne sündhafte Wehleidigkeit meiner gedenken werdet, so wollen wir gemeinsam meiner geliebten Mutter gedenken, deren Seele in diesem Lichtlein für eine Weile aufleuchten wird." Wie schön und ersprießlich wäre es, hiebei aus dem Leben jener zu erzählen, deren Andenken beleuchtet wird. Vom liebenden Tun der Mutter, von der Fürsorge des Vaters oder von ihrem Streben und von ihren Erfolgen in höher zu wertenden Aufgaben. AU die Arbeit, die der Vater, wie so oft beim Juden, mit aller Kraft seines Lebens durchgeführt hat, um die Familie auf ein höheres Niveau zu bringen, um

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