Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 22 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT iicirnnrnnamfloniBaBBioai Seite 3 Machtbereichs wie unter der jüdischen Emigration in aller Welt genau das Gegenteil einer jüdischen Homogenität innerhalb des Bolschewismus. Die im politischen Leben Sowjetrußlands tätigen jüdischen Kommunisten sind nach der Ansicht intimer Kenner der dortigen Verhältnisse dem Judentum durchaus entfremdet und beschwören durch ihre verbrecherische Teilnahme am Bolschewismus unermeßliches Leid auf ihre Glaubens- und Rassegenossen herab. Es soll schließlich nicht unerwähnt bleiben, daß sich unter den leidenschaftlichen Bekämpfern des ..jüdischen" Bolschewismus eine große Anzahl bekanntester Persönlichkeiten jüdischer Abstammung befindet, so, unter anderen der hervorragende englische Wirtschaftler und Politiker Sir Alfred Mond, einer der einflußreichsten Führer der konservativen Partei. Die Lage der Juden in der Bukowina. Es muß leider gesagt werden, daß die Bedeutung der Juden in der Bukowina allmählich abnimmt. Früher vertraten sie fast aHein die freien Berufe: 70 Prozent der Rechtsanwälte und Aerzte waren Juden. An der Spitze fast aller Organisationen standen Juden. Den veränderten Verhältnissen entsprechend mußten die Juden diese Plätze der herrschenden Nation räumen. Im Staatsdienste und im städtischen Verwaltungsdienste finden Juden selten, richtiger fast keine Aufnahme mehr. Eher ist es der Fall, daß viele von ihnen entlassen werden. Der Zutritt zur Universität ist ihnen erschwert durch das sogenannte ..Baccalaureat-Gesetz" (Reifeprüfung). Allerdings ist dieses kein versteckter Numerus clausus, wie irrtümlich noch zum Rebben fahren! Wo doch jeder nur eine Sorge kennt: die Wahlen! Eine verkehrte Welt heute — sie wählen, wählen wie alle Völker der Welt. Und zanken und schreien: „Wählt den und den und nicht den und jenen!" Die Zionisten schreien: „Ein Zionist!" Die Agudisten: „Ein Agudist!" Die Volkisten: „Ein Volkist!" Und ich sage: ,J3inen Rebben sollen sie wählen, — denn was der machen wird und wo der machen wird und wie viel der machen wird — es wird immer jiddisch sein! Hah, ist es nicht so?" Aber die Hitze ist doch nicht mehr zum Aushalten! Es ist gerade wie damals bei der Assentierung, vor zweiundfünfzig Jahren; vielleicht sind es auch schon vierundfünfzig Jahre her — so genau kann ich mich nicht besinnen. Das Gedächtnis ist nicht mehr so frisch wie damals. Die Wechsel verdrehen einem den Kopf. Und dabei gibt es Menschen, die alles so leicht nehmen wie ein Darlehen oder eine Brochoh vom Rebben. Hört zu: Neulich treffe ich einen Bekannten und klage ihm: „Hör' Vigdor," sage ich. „es ist bald nicht mehr zum aushalten — man geht langsam, aber schnell zugrunde. Das Geschäft ist wie der Schnupftabak: mehr wie ein Nießen kommt dabei nicht heraus. Wann soll das einmal anders werden?" I „Hah", sagte jener. „Ha, Liepe, warten wir noch ein Jahr, noch ein Jahr —--" „So?" sag' ich. „Und was wird dann sein---?" „Ach", lachte jener. „Dann sind wir schon daran gewöhnt ---" Och, och, Reb Chossid drängt nicht so, der Rebbe ist noch beim Lernen. Was habt Ihr so eilig? Die Milch läuft über? Ganz wie damals bei der Assentierung. Wie Heringe gedrängt standen wir da. Keine Stecknadel konnte zur Erde fallen. Jede Viertelstunde wurde einer hineingelassen zum Beklopfen. Aber wie Jiden eben, sind — macht man ihnen eine Elle Platz, oft angenommen wird, denn das Gesetz besteht auch für die national-rumänischen Schüler. Die meisten Opfer freilich fordert er selbstverständlich unter den Juden. In den ersten Jahren der Vereinigung der Bukowina mit Rumänien bestand in Czernowitz ein staatliches „jüdisches" Gymnasium unter Leitung eines jüdischen Direktors. Heute ist es zwar noch immer nur von jüdischen Schülern besucht, es trägt nunmehr aber den Namen „drittes" Staatsgyrnnasium und der Direktor sowie viele Professoren sind Nichtjuden, während mancher jüdische Professor versetzt oder entlassen wurde. Geistig und kulturell stehen die Juden sehr hoch. Leider sind sie nur einseitig ausgebildet. Mit Ausnahme der Orthodoxen, unter denen sich viele Talmudisten befinden, gibt es bedauerlicherweise nur Vereinzelte, die jüdische Literatur und Wissenschaft pflegen oder in der jüdischen Geschichte zu Mause sind. Dagegen sind sie vortreffliche Kenner der deutschen und heutzutage der rumänischen Kultur. Noch viel schlimmer und noch größer ist dieser Gegensatz in der geistigen Ausbildung bei den jüdischen Frauen und Mädchen, die infolge der früher hierzulande herrschenden Erziehungsmethoden sich deutsche Wissenschaft und allgemeine Bildung in hohem Maße angeeignet haben, die jüdischen Kiiltürschätze und jüdisches Wissen aber gänzlich unberücksichtigt ließen, ja vielfach sogar — traurig, aber bitter wahr — spöttisch verhöhnten. Was Wunder also, wenn die Juden hierzulande die eigentlichen Träger und Verbreiter deutscher Kultur waren, in viel höheremGrade es waren als die Deutschen selber! In dieser Beziehung scheint jetzt eine Umwandlung einzutreten. Das Interesse für jüdische Vergangenheit und jüdisches Leben beginnt allmählich wach zu werden. Seit einigen Jahre besteht auch eine Jeschiwah so brauchen sie sechs Ellen. Und je dünner einer ist, desto dicker macht er sich. Wir Jiden sind das ungeduldigste Volk, sag ich. Was ists? Habt ihr keine Zeit? Die Millionen laufen euch zu Hause nicht weg, so wahr ich lebe--- Schammes, was sagt Ihr? Der Rebbe hat nach der Uhr gesehen? Oh. Jiden, mehr als zwei Stunden dauert's nicht mehr — ich kenne das. Nun, das geht heute rascher als sonst. Der Rebbe, leben soll er, ist ein Diamant von einem Menschen — das Wunderbarste an ihm ist, daß er selbst seiir wenig von sich hält. Stolz ist nicht seine Sache, so wahr ich lebe. Und das ist es doch: je voller ein Faß ist, desto weniger klingt es. Nur ein leeres Faß klingt. Und was mich am meisten ärgert, ist, daß sich heute alles auf Klingen verlegt. Hört zu, Reb Jid, was mir neulich passiert ist. Ich treffe zufällig auf dem Markt einen fremden Juden. ..Scholem Alcichem" sag ich zu ihm. „Woher und was seid Ihr?" „Dort, wo ich her bin", antwortet jener, „wächst kein Pfeffer und was ich bin, sollt Ihr gleich hören. Was ein Feldscher nicht kurieren kann, das schickt er zum Doktor. Was der Doktor nicht heilen kann, das schickt er zum Professor. Und was der Professor nicht erledigen kann. — das kommt unter meine Hände. Habt Ihr gehört, Reb Jid?" „Ah," sag' ich, „dann seid Ihr vielleicht ein — Aaaapotheker?" „Nnnnein!" sagt jener stolz. „Ich bin Totengräber---" „Nun," sag' ich verärgert, „dann seid Ihr wirklich ein großer Mann. Ich rate Euch, fahrt nach Deutschland — dort seilen Totengräber, wie man sagt, .Versenkungskommissäre' heißen---" Seid so gut, Reb Nachbar, und erweist mir eine Gefälligkeit, stellt Euch mit einem Fuß auf meinen Platz. Ich komme gleich wieder, ich will mir nur, äh. die Hände waschen gehen---.